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Corona-Experte: "Ich traue dem Frieden nicht"

Der Leiter des Gesundheitsamt, Dr. Johannes Rank, zieht eine Zwischenbilanz der Pandemie - 24.07.2020 05:59 Uhr

„Endlich wird es sichtbar: Ihr seid unverzichtbar“: Ein deutliches Zeichen gewachsener Wertschätzung war dieses Solidaritätsplakat am Bauzaun des Gunzenhäuser Krankenhauses, das auch dessen Vorstand erfreut hat.

23.07.2020 © Wolfgang Dressler


338 nachgewiesene Infektionen, 25 Menschen, die an beziehungsweise mit Corona starben, 1612, die vom Gesundheitsamt in Quarantäne geschickt wurden. Für Rank, der am 1. August die Nachfolge von Dr. Carl-Heinrich Hinterleitner antreten wird, sind das "schon fast paradiesische Zahlen", sagt er bei seinem Bericht in der Gunzenhäuser Stadthalle. Und schiebt – offenbar selbst ein wenig erschrocken über seine etwas flapsige Wortwahl – schnell hinterher: "Auch wenn das jetzt zynisch klingt und jeder Tote natürlich einer zu viel ist." Alle Verstorbenen seien jedenfalls schon sehr alt und/oder vorerkrankt gewesen.

Die 338 Corona-Fälle seien sehr wenig, sagte Rank, und schätzte die Dunkelziffer "fünf- bis zehnmal höher". Aber selbst dann, so rechnete er vor, seien bislang "nur etwa zwei bis drei Prozent der Landkreisbevölkerung infiziert". Was im Umkehrschluss bedeute, dass 97 Prozent noch empfänglich sind für das Virus und "in Sachen natürlicher Immunität noch nichts passiert" sei. "Ich traue dem Frieden nicht", will Rank deshalb keineswegs Entwarnung geben.

Die 17 Mitarbeiter des Gesundheitsamtes, darunter lediglich Vollzeitkräfte, hätten jedenfalls "drei Monate lang Tag und Nacht sehr gut gearbeitet", lobte Rank – was ihm kräftigen Applaus aus dem Kreistags-Plenum eintrug.

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Eine neue Normalität

Wie es allerdings mit Corona weitergeht, da wagt auch der Mediziner keine Prognose: "Eine dieser berühmten Glaskugeln habe ich auch nicht." Man werde wohl "zu einer neuen Normalität kommen müssen", sagte Rank, was ihn an das Beispiel des HI-Virus erinnere. Nachdem der Aids-Erreger in den 1980er entdeckt worden war, habe man auch im Umgang mit ihm eine solche "neue Normalität" entwickeln müssen.

Christoph Schneidewin, der seit 1. Januar 2020 als Vorstand des Klinikums Altmühlfranken tätig ist, hatte sich "die ersten Monate hier anders" vorgestellt. Zwar gebe es in jedem Krankenhaus Notfallpläne, "aber hierauf waren wir nicht vorbereitet", räumt er ein.

Gleichwohl hätten die beiden Häuser in Gunzenhausen und Weißenburg gut reagiert und die Zahl der Intensivbetten (16, davon acht mit Beatmungseinrichtungen) binnen kurzer Zeit glatt verdoppelt. 66 Patienten seien intensivmedizinisch behandelt worden, 15 davon habe man in andere Kliniken verlegt. Planbare Operationen seien verschoben worden, mit der Folge, dass das Klinikum "zwei Monate lang nur zu 50 Prozent belegt war, normal sind 80 Prozent".

"Fast ehrenrührige Preise"

Das hat natürlich finanzielle Folgen: 1,5 Millionen Euro Mindereinnahmen im stationären, 400.000 Euro im ambulanten Bereich, rechnete Schneidewin vor. Hinzu kommen zusätzliche Ausgaben für Masken und andere Schutzbekleidung, die zeitweise zu "fast ehrenrührigen Preisen gehandelt" wurden, wie es Johannes Rank formulierte.

„Wir haben nicht gelitten“: Christoph Schneidewin, Vorstand des Klinkums Altmühlfranken.

23.07.2020 © Jürgen Eisenbrand


Seit acht Wochen habe es in beiden Häusern des Klinikums Altmühlfranken "keinen Patienten mehr gegeben, der positiv war", sagte Christoph Schneidewin. Neuaufnahmen würden drei Tage vor dem entsprechenden Datum auf Corona getestet, Akutpatienten würden nach einem Schnelltest für 24 Stunden isoliert, um mögliche Ansteckungen zu verhindern. "Bislang haben wir 3000 Patienten getestet, kein einziger davon war positiv", bilanzierte Schneidewin.

Der Klinik-Chef kann der turbulenten Coronazeit sogar etwas Positives abgewinnen, sagte er im Kreistag: "Die Pandemie war nicht nachteilig für uns", das Ansehen der Einrichtung sei gewachsen. Sichtbarster Ausdruck dafür ist für ihn ein Plakat, das an einem Bauzaun am Gunzenhäuser Krankenhaus hing ud auf dem in grioßen Lettern stand: "Endlich wird es sichtbar: Ihr seid unverzichtbar!" Sein Haus sei jedenfalls bislang "gut durchgekommen" durch die Krise: "Wir haben nicht gelitten."

Bezahlung "gar nicht so schlecht"

Ob sich denn die öffentliche Wertschätzung für die Mitarbeiterin der Pflege auch bemerkbar machten, wollte FW-Kreisrat Josef Miehling (Pleinfeld) wissen und sprach gezielt die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung an - woraufhin Schneidewin ein seit Langem und von vielen Seiten gut gepflegtes Vorurteil zurechtrückte: "Ich finde die tarifliche Bezahlung in den Krankenhäusern gar nicht so schlecht", sagte er. Eine Krankenschwester fange nach der Ausbildung mit einem Einstiegsgehalt von rund 2800 Euro brutto an, das sei für einen Lehrberuf doch sehr ordentlich. In Kliniken, die nicht nach Tarif zahlten, und auch in Alten- und Pflegeheimen sei die Situation eine andere, räumte er ein.

„Tag und Nacht sehr gut gearbeitet“: der designierte Leiter des Gesundheitsamtes, Dr. Johannes Rank.

23.07.2020 © Jürgen Eisenbrand


Eine Aussage, die prompt Gunzenhausens Bürgermeister Karl-Heinz Fitz auf den Plan rief. Denn auch in Pflegeheimen gelte: Einrichtungen, die sich an Tarifverträge hielten, zahlten "nicht schlecht". Eine ausgebildete Pflegekraft im städtischen Burkhard-von-Seckendorff-Heim koste den Arbeitgeber 63.000 Euro, ein Hilfspfleger schlage mit immer noch 51.000 Euro zu Buche. Heime wie dieses, die "ordentlich" zahlten, litten jedoch unter dem Image jener, die Menschen unter Tarif beschäftigten, so Fitz.

Landrat Manuel Westphal zeigte sich bei der Corona-Zwischenbilanz "froh darüber, dass uns Bilder wie anderswo erspart geblieben sind" – und entbot all jenen, die sich beispielsweise "im Gesundheitssektor, bei der Polizei und im Lebensmittel-Einzelhandel engagiert haben, ein herzliches Vergelt’s Gott".

Dennoch sei die erste Welle "nicht spurlos an uns vorübergegangen", sie habe 25 Menschenleben gekostet, "und auch Genesene leiden häufig noch an den Nachwirkungen der Infektion". Nun gelte es, nach vorn zu schauen und zu entscheiden, wie man sich für künftige Ereignisse dieser Art aufstellen solle, welche Strategien man entwickeln könne, um die Gesundheitsvorsorge auszubauen und auch "die wirtschaftlichen Folgen zu minimieren". Ein einfaches "Weiter so", machte der Landrat deutlich, "ist zu wenig".

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