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Coronavirus: Markt Berolzheimerin erlebte ein leeres Peking

Anna Sauer erzählt von ihren Erlebnissen in der chinesischen Hauptstadt - 04.02.2020 17:02 Uhr

Mit Mundschutz und kuriosem Fortbewegungsmittel auf dem Eis: Anna Sauer während ihrer Zeit in der chinesischen Hauptstadt. © privat


Ein wenig hustet Anna Sauer am Telefon. Aber nein, das Coronavirus hat sie nicht aus China mitgebracht. Zumindest noch nicht. "Hoffentlich bleibt das so", sagt die 23-Jährige. Die Inkubationszeit ist noch nicht ganz vorbei. Trotzdem klingt sie entspannt. Dabei war Anna Sauer zu der Zeit in Peking, als es dort die ersten Fälle des Coronavirus gab. 360 Menschen sollen nach Angaben des Bundesgesundheitsministerium an dem Virus gestorben sein. In Deutschland sind aktuell zehn Fälle gemeldet.

 

Frau Sauer, Sie sind am 15. Januar nach Peking geflogen. Da war das Coronavirus schon in Wuhan. Keine Angst gehabt?

Nein, nicht wirklich. Bevor ich hingeflogen bin, war das Virus noch nicht so stark ausgebreitet und vor allem noch nicht in Peking angekommen. Dort gab es erst nach einer knappen Woche meiner Zeit in China die ersten Fälle.

 

Wie haben Sie davon erfahren?

Ich habe es in den Medien gelesen. Und wir haben es im Hotel mitbekommen. Am 24. Januar ist in China Neujahr. An diesem Tag hat man mir beim Frühstück gesagt, dass das Hotel in den nächsten Tagen geschlossen werden muss, weil es in unserem Viertel Xicheng drei bestätigte Fälle gab. Zunächst hieß es, dass ich in den nächsten Tagen umziehen muss. Zehn Minuten
später – ich war gerade mit dem Zähneputzen fertig – hat man mir am Telefon gesagt, dass ich zusammenpacken und sofort umziehen soll. Mir wurde ein Taxi gerufen und die haben mich dann in ein anderes Hotel der Kette reingesetzt.

Wie haben Sie reagiert: panisch oder entspannt?

Es ist schon komisch, wenn man das liest. Aber ich muss zugeben, dass ich am Anfang versucht habe, das Ganze zu ignorieren. Ich wollte mir nicht unnötig Stress und Panik machen. Ich habe vieles erst später nachgelesen. So schlimm soll das Virus ja gar nicht sein. Wenn man vorher gesund ist, dann ist das wie eine normale Grippe. Und an der sterben jährlich auch viele Menschen.

 

Sie husten immer wieder. Das Virus haben Sie aber nicht mit nach Hause gebracht, oder?

Anna Sauer (23) arbeitet beim Finanzamt in Nürnberg und war knapp zwei Wochen lang im Urlaub in Peking. Seit wenigen Tagen ist sie wieder in ihrer Heimat Markt Berolzheim. Im Interview erzählt sie von einer leeren Hauptstadt, einem abrupten Hotelwechsel und Fiebermessen in der U-Bahn. © privat


(lacht) Nein, ich war schon vor der Reise erkältet: Ich hatte in Peking auch keinen Kontakt mit infizierten Personen und habe immer meinen Mundschutz getragen, Desinfektionsmittel benutzt und die Hände gewaschen. Und die Chinesen haben ständig mein Fieber gemessen.

 

Wo?

In der U-Bahn, am Flughafen und auch im Hotel. Wobei man dazu sagen muss, dass es am Flughafen in Peking normal ist, Fieber zu messen. Im Hotel und an der U-Bahn wurden Thermometer verwendet, am Flughafen Wärmebildkameras. An großen Metro-Stationen gibt es Sicherheitssysteme wie sonst nur an Flughäfen, da muss man seine Tasche abgeben und durch die Sicherheitskontrolle. Bei meinem Heimflug musste ich angeben, ob ich in den letzten 14 Tagen in Wuhan war und ob ich irgendwelche Symptome habe.

 

Mal abgesehen vom Fiebermessen, was wurde noch gegen das Virus unternommen?

Teilweise wurden Mundschutz-Masken kostenlos im Hotel verteilt. Ich war aber versorgt, weil ich mir vorher eine spezielle Maske gegen den Smog gekauft hatte. Dieser Mundschutz filtert extrem gut. Viele andere haben die klassischen, türkisen OP-Masken getragen. Es waren aber auch einige ohne Mundschutz unterwegs, so in etwa jeder Zehnte. Ansonsten sind in den letzten Tagen die Busse nur noch im Zentrum und im Umkreis gefahren. Fernreisen mit dem Bus waren nicht möglich. Die Pekinger hatten Angst, dass sie sich das Virus von außen einschleppen.

 

Wie war das, durch eine Stadt voller Menschen, die Mundschutz-Masken tragen, zu laufen?

Zur Neujahrszeit, also um den 24. Januar, hat in Peking fast nichts mehr offen. Das muss man sich vorstellen wie bei uns Weihnachten. Da fahren alle Chinesen zu ihren Familien. Deshalb war die Stadt sehr leer. Durch das Virus war es aber noch leerer als sonst. Viele Chinesen haben Videos gemacht, wie leer die Metro ist. Ungewöhnlich war, dass viele touristische Sehenswürdigkeiten geschlossen hatten. Das lag am Virus. Zum Beispiel war die Verbotene Stadt geschlossen und einige Tempel. Der Neujahrsumzug wurde aus Angst auch abgesagt.

 

Haben Sie irgendeine Erklärung, wie sich das Virus so schnell verbreiten konnte?

Das Problem ist, dass in China Feiertage waren. Jeder fährt zu seiner Familie, das ganze Land ist unterwegs. Dadurch konnte sich das Virus so extrem und so schnell verbreiten. So wie ich es mitbekommen habe, essen die Chinesen ihre Gerichte oft zusammen. Da stehen dann mehrere Gerichte in der Mitte und jeder greift mit seinen Stäbchen zu. Mir wurde erzählt, dass sich das Virus auch über Speichel überträgt. Insofern könnte das gemeinsame Essen auch ein Grund für die Verbreitung sein.

 

Sie sind am 27. Januar wieder heimgeflogen. Früher als geplant?

Nein, das war die geplante Abreise. Ich hatte nie das Gefühl, die Reise abbrechen zu müssen. Aber wenn ich noch länger geblieben wäre, hätte ich wahrscheinlich umgebucht. Oder besser gesagt umbuchen müssen. Denn am Tag meiner Abreise stand an meinem Hotel ein Zettel: "Lieber Gast, aufgrund des Coronavirus im Viertel müssen wir das Hotel schließen."

 

BASTIAN MÜHLING E-Mail

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