Das Haus Silo und seine Geschichte

29.4.2017, 07:14 Uhr
Im Jahr 1930 entstand dieses Foto vom Blasturm aus. Anstelle der Zinnen hat der Mittelbau ein Dach erhalt, das Haus gehört inzwischen dem Gemeinschaftsverband Mutterhaus Hensoltshöhe und beherbergt unter anderem einen Kindergarten und ein Kindergärtnerinnen-Seminar.

Im Jahr 1930 entstand dieses Foto vom Blasturm aus. Anstelle der Zinnen hat der Mittelbau ein Dach erhalt, das Haus gehört inzwischen dem Gemeinschaftsverband Mutterhaus Hensoltshöhe und beherbergt unter anderem einen Kindergarten und ein Kindergärtnerinnen-Seminar. © Stadtarchiv Gunzenhausen

Bier, Malz, Schokolade – bevor das Haus Silo in den Besitz des Gemeinschaftsverbands Diakonissenmutterhaus Hensoltshöhe wechselte und dort seinen biblischen Namen erhielt, wurde so manches weltliche in dem Gebäude produziert. Allen voran der süffige Gerstensaft, der im markgräflichen Auftrag dort ab 1681 gebraut wurde. Zu dem Brauhaus, das auf Befehl des Markgrafen Johann Friedrich errichtet worden war, gehörte ein Bauernhaus mit zwei Wohnungen, ein Branntweinhäuschen, ein Schweinestall, eine Roßmühle mit Pferdestall und Schuppen.

Brauhaus war nicht rentabel

Stadtarchivar Werner Mühlhäuser mit einem Markgräflichen Schreiben zum Brauhaus Gunzenhausen, das auf Befehl des Margrafen Johann Friedrich 1671 erbaut wurde.

Stadtarchivar Werner Mühlhäuser mit einem Markgräflichen Schreiben zum Brauhaus Gunzenhausen, das auf Befehl des Margrafen Johann Friedrich 1671 erbaut wurde. © Marianne Natalis

Das Brauhaus erwies sich aber sehr bald als nicht rentabel, bereits 1706 ordnete der Markgraf den Verkauf an. Doch erst 1714 wechselte es tatsächlich für 5000 Gulden den Besitzer, neuer Eigentümer war die Stadt Gunzenhausen. Die stieß den Betrieb bereits 1725 wieder ab. Heinrich Christian Mang hatte ebenfalls nicht lange Freude an der Brauerei. Denn obwohl die Wirte der Gasthöfe aus elf umliegenden Dörfern verpflichtet worden waren, das Bier aus Gunzenhausen zu beziehen, lief das Geschäft offensichtlich nicht zufriedenstellend, nach langwierigen Verhandlungen nahm die Stadt den Verkauf wieder zurück.

Vielleicht waren 400 Eimer Bier oder 25600 Liter jährlich für Laubenzedel doch etwas viel, auch die Schlungenhöfer waren mit 60 Eimern (3840 Litern) wohl überfordert, jedenfalls nahmen die Dörfer lange nicht die Menge ab, zu der sie verpflichtet worden waren.

In den Folgejahren schrieben sich insgesamt sechs neue Besitzer ins Grundbuch ein, bis 1864 die Brüder Christian Konrad und Georg Moritz Eidam "ins Spiel kamen", wie es Mühlhäußer formuliert. Zunächst kauften sie lediglich zwei Drittel, 1875 dann noch den Rest des Anwesens, so dass nun auch ein Umbau möglich wurde: Der nördliche Giebel wurde verlängert und das Fabrikgebäude aufgestockt.

Alles akribisch notiert

Mit den Gebrüdern Eidam hatten die Braukessel endgültig ausgedient, ab sofort wurde in dem markanten Gebäude am nördlichen Stadtrand Malz produziert.

Dass die Bürokratie keine Erfindung der Neuzeit ist, dafür ist das Haus an der Bahnhofsstraße, Ecke Nürnberger Straße übrigens ein hervorragendes Beispiel. Schon zu Markgrafens Zeiten wurde alles akribisch notiert, davon zeugt ein dicker Wälzer, den Mühlhäuser extra aus seinem Archiv geholt hat.

Und auch die "Ansässigmachungsakte" der Gebrüder Eidam gehört zum Fundus des Stadtarchivars. Denn einfach mal sein Zeug zusammenpacken und in eine andere Stadt ziehen, das gab es damals nicht. Die Eidams mussten beim Magistrat um die Aufnahme als Bürger bitten. Dem Antrag musste unter anderem eine genaue Auflistung der Vermögensverhältnisse beigelegt werden, arme Schlucker wollte man sich schließlich nicht in die Stadt holen.

Auf Süßes gesetzt

Geregelte Finanzen sind allerdings keine Garantie für die Ewigkeit: Anfang des 20. Jahrhunderts ging Willy Eidam Bankrott, das Aus für die Malzfabrikation an dieser Stelle. Die Stadt erwarb das Areal 1919 und veräußerte es 1922 für 250 000 Mark an den Schokoladenfabrikanten Helm. Aber auch mit Süßigkeiten ließ sich offensichtlich in Gunzenhausen

Ein beliebtes Motiv für Ansichtskarten war das nach dem Umbau zur Malzfabrik zinnengeschmückte Gebäude an der Nürnberger Straße, Ecke Bahnhofstraße. Die Karte stammt aus dem Jahr 1902.

Ein beliebtes Motiv für Ansichtskarten war das nach dem Umbau zur Malzfabrik zinnengeschmückte Gebäude an der Nürnberger Straße, Ecke Bahnhofstraße. Die Karte stammt aus dem Jahr 1902. © Stadtarchiv Gunzenhausen

kein befriedigendes Geschäft machen, bereits zwei Jahre später ging das Gebäude für 40 000 Mark an den Gemeinschaftsverband Diakonissenmutterhaus Hensoltshöhe.

Ab 1928 beherbergte das Haus Silo einen Kleinkindergarten für 120 Kinder, das Kindergärtnerinnen-Seminar mit zehn angehenden Kindergärtnerinnen und zwei Lehrerinnen, ein Säuglingsheim, einen Versammlungssaal mit Nebenräumen und eine Wohnung für Diakonissen. 1930 wurde zudem noch ein Hort für schulpflichtige Kinder eingerichtet. Benannt wurde es nach dem biblischen Silo, das lange Zeit vor Jerusalem Hauptstadt und religiöses Zentrum der Israeliten war.

Der Auszug der Fachakademie für Sozialpädagogik läutete den endgültigen Niedergang des stattlichen Anwesens ein.

Seit dem Umzug des Horts in das neue Familienzentrum Sonnenhof wenige Jahre später steht das Haus leer und ist dem Verfall preisgegeben. Und bald ist es Geschichte.

 

Keine Kommentare