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Dittenheimer erinnert sich an Bombenangriff auf Treuchtlingen

Leonhard Lechner half am 23. Februar 1945 bei der Bergung der vielen Opfer - 21.04.2020 14:22 Uhr

Ein zerstörtes Haus in der Treuchtlinger Stadtmitte: Fast 600 Todesopfer forderte der Bombenangriff vom 23. Februar 1945. Leonhard Lechner aus Dittenheim war damals dabei und half, die Opfer zu bergen. © TK-Archiv


Dabei geriet am 23. Februar erstmals die Eisenbahnerstadt Treuchtlingen ins Fadenkreuz der Fliegerstaffeln. Der damals 16-jährige Leonhard Lechner wurde Augenzeuge und musste später mithelfen, die Leichen zu bergen. Der Dittenheimer Bäckermeister ist nach einem erfüllten Leben vor wenigen Wochen gestorben. Kurz zuvor hat er noch über seine Eindrücke von damals gesprochen.

An diesem kalten und sonnigen Freitagvormittag befanden sich Lechner und viele andere Jugendliche aus der Umgebung in einer Baracke am Treuchtlinger Galgenbuck. Sie hatten gerade Unterricht – eine achtwöchige sogenannte „vormilitärische Ausbildung“. Lechner gehörte zu den Fortgeschrittenen, hatte er doch bereits im September 1944 in Kirchahorn in der Fränkischen Schweiz militärische Erfahrung gesammelt.

Auf Ideologien und übersteigerten Patriotismus hat Lechner nach eigenen Worten nicht viel gegeben: „Man hat es gemacht, weil es halt so war.“ Die kleine Welt im beschaulichen Heimatort sei greifbarer gewesen als das Machtstreben der Eliten und die dumpfen Parolen der Nazis. Im Laufe des Lebens und mit zunehmender Reife hat sich diese Einschätzung für Lechner bestätigt: Menschen würden sich allzu leicht aufhetzen lassen, dies führe ins Unheil.

Für den Dittenheimer war es eine glückliche Fügung des Schicksals, nicht mehr in Kampfhandlungen an der Front verwickelt worden zu sein. Nach seiner Musterung am 29. Dezember 1944 in Nürnberg erhielt er den rettenden Hinweis eines „Wohlgesonnenen“: Fritz Schöberlein aus Gunzenhausen war beim Wehrkreiskommando in Schwabach tätig und kannte die Familie Lechner. Leonhard befolgte dessen Rat, sich freiwillig zur Unteroffizierslaufbahn zu melden. Dies würde ihn vor der Mitgliedschaft in der berüchtigten SS und möglicherweise auch vor einem schnellen Kriegseinsatz bewahren.

Tiefflieger über dem Altmühltal

An Gefahren mangelte es in jener Zeit dennoch nicht. Dies erfuhr Leonhard bald auf schreckliche Weise. Schon vor Unterrichtsbeginn gegen 11 Uhr donnerte ein aus Richtung Schambach kommender Tiefflieger durchs Altmühltal. Der Pilot hatte wohl die Aufgabe, mittels Kondensstreifen das Ziel für die nachfolgenden Bomber zu markieren.
Zu diesem Zeitpunkt waren fast alle Gleise des Treuchtlinger Bahnhofs mit Zügen belegt. Einer davon war ein Munitionszug mit 30 Wagen, in einem anderen warteten mehr als 300 Soldaten auf das Signal zur Weiterfahrt. Viele von ihnen freuten sich auf den bevorstehenden Fronturlaub. Der Munitionstransport sollte zwar im Bedrohungsfall in den schützenden Tunnel zwischen Pappenheim und Solnhofen fahren, eigentlich sollte er den Bahnhof aber erst nach dem Personenzug verlassen.

Leonhard Lechner wenige Wochen vor seinem Tod, mit seinem am 22. Dezember 1944 ausgestellten Wehrpass. © Uli Gruber


Dass die hochexplosiven Waggons in letzter Minute doch noch aus der Stadt geschafft wurden, ist dem damaligen Fahrdienstleiter Erwin Dischinger zu verdanken. Er setzte sich über die Anweisung hinweg und gab dem Munitionszug freie Fahrt – was ihn im Nachgang fast das Leben kostete.

Was für die Bürger von Treuchtlingen wohl ein Glücksfall war, wurde den Soldaten im Truppentransport jedoch zum Verhängnis. Leonhard Lechner erinnerte sich: „Plötzlich hieß es: Fliegeralarm!“ Der Feldwebel, der den Lehrgang leitete, sei mitten in der Rasur aufgeschreckt worden. „Alle raus und auf die Wiese legen“, lautete die Order.

Nach zwei weiteren Aufklärungsmaschinen brach die Hölle los. Mit der ersten Angriffswelle gegen 11.15 Uhr nahmen die Amerikaner über die ängstlich am Boden kauernden Buben hinweg das nördliche Bahnhofsareal und zahlreiche an den Rangieranlagen beschäftigte Gleisarbeiter ins Visier. Schon die Einflugschneise ab der südlich des Nagelbergs gelegenen und durch den Luftschlag völlig zerstörten Kästleinsmühle sei mit Bombentrichtern übersät gewesen, berichtete Lechner. 

Wenig später begann die Erde erneut zu beben. Ein zweiter Flugzeugverband traf das Hauptziel, den Bahnhof und die angrenzenden Stadtwerke. Im dritten Akt der Zerstörung wurde schließlich das Gelände um das Gasthaus „Zur Krone“ in Schutt und Asche gelegt.

Tunnel als Todesfalle

Insgesamt gingen an diesem „schwarzen Freitag“ rund 175 Tonnen Spreng- und Brandbomben auf Treuchtlingen nieder. Laut offiziellen Quellen verloren knapp 600 Zivilisten und Wehrmachtsangehörige ihr Leben, hunderte Menschen wurden verletzt. Die meisten Opfer suchten Schutz in der Bahnhofsunterführung und fanden genau dort den Tod. Ein Volltreffer zerstörte den Tunnel.

Nachdem sich die Bomber entfernt hatten und die Luft wieder rein zu sein schien, flüchteten Leonhard Lechner und seine Truppe aus Furcht vor zurückkehrenden Fliegern mit Bord-Maschinengewehren in das nahe Wäldchen unterhalb des Nagelbergs. Erst am Nachmittag kam der Befehl, die Deckung zu verlassen und die Leichen in der Todesfalle Bahnhofsunterführung zu bergen. Jetzt standen die jungen Männer der hässlichen Fratze des Krieges direkt gegenüber: „Es war ein schlimmer Anblick und ein traumatisierendes Erlebnis.“ Die Bilder im Kopf hätten ihn immer begleitet, „auch nach 75 Jahren“.

Etliche Opfer schienen körperlich unversehrt zu sein, „fast, als ob sie schlafen würden“. Durch den ungeheuren Luftdruck könnte ihnen die Lunge geplatzt sein, vermutete Lechner im Nachhinein. Einzelne Leiber mussten mit Haken aus dem Knäuel an toten Menschen gezogen werden. Dies war dem 16-Jährigen dann doch zu viel: „Ich konnte das nicht.“

In übler Erinnerung blieb dem Dittenheimer auch das Verhalten einiger „Kameraden“. Sie scheuten nicht davor zurück, den Toten ihr Hab und Gut zu stehlen. Wertvolle Uhren von Offizieren, Geld und auch Waffen wechselten so den Besitzer. Auch ihm seien „Trophäen“ angeboten worden, er habe die Leichenfledderei jedoch empört abgelehnt. Die geborgenen Toten mussten von jeweils vier Helfern in Leinentüchern zum Bahnsteig getragen werden. „Alles lief ab wie in einem Film“, erinnerte sich Lechner. Psychologische Betreuung gab es damals nicht.

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Das Leben ging weiter, die Sorgen und Nöte ebenso. Viel Zeit zum Überlegen blieb ohnehin nicht. Insbesondere im Umgriff des Bahnhofs der damals rund 5000 Einwohner zählenden Altmühlstadt hatten die Detonationen ganze Arbeit geleistet. Nun galt es, schnell und unkonventionell aufzuräumen. Auch hier mussten die Jungs vom Galgenbuck kräftig Hand anlegen, gemeinsam mit den Männern des Volkssturms und vielen freiwilligen Helfern.

Irgendwann im März ging es zurück in heimische Gefilde. Laut Stellungsbefehl sollten etwa 70 Buben der Jahrgänge 1928 und 1929 aus den umliegenden Gemeinden in Dittenheim das Exerzieren, das Schießen mit scharfen Waffen und den Umgang mit der Panzerfaust üben. Sie logierten im Lager auf dem Tanzboden des damaligen Gasthauses Bayerlein/Schmidt. Im Flurbereich „Handloh“ auf dem Weg in Richtung Sausenhofen konnten Lechner und seine Truppe dann auch den verheerenden Luftangriff auf Gunzenhausen am 16. April 1945 beobachten.

Per Leiterwagen nach Weißenburg

Kurz vor Kriegsende wurden die Burschen aus Dittenheim und Windsfeld nach Garmisch abkommandiert. Beim Transport per Leiterwagen zur ersten Reisestation nach Weißenburg nutzten die Buben einen unbeobachteten Augenblick und ließen sich „in den Graben fallen“, so Leonhard Lechner schmunzelnd. Dem Beschluss, sich tagsüber erst einmal im „Wäldla“ aufzuhalten, folgte nachts um drei die Rückkehr ins Elternhaus.

Das unerlaubte Entfernen von der Truppe blieb nicht ohne Folgen: Morgens um sieben Uhr tauchten in Dittenheim linientreue Funktionäre des Schnellgerichts in Meinheim auf, um nach den „Fahnenflüchtigen“ zu suchen. Karl Meitlein, den alteingesessenen Dittenheimern später als „Onkel Darre“ bekannt, lief zu früher Stunde durchs Dorf und warnte: „Die SS is dou und sucht die Haiser durch!“

Natürlich klopften die Häscher auch an die Tür des Lechners-Bäck. Dort wurden sie von Leonhards Mutter Maria mit Kaffee und vielleicht auch Kuchen versorgt, während der Sohn im Haus unbemerkt schlief. Ob es an der herzlichen Gastfreundschaft lag oder auch daran, dass die Menschlichkeit in den letzten Tagen des „Dritten Reichs“ die Oberhand behielt – an Leonhard Lechner ging der Kelch vorüber. Im schlimmsten Fall hätte ihm der Tod durch Erschießen oder Erhängen gedroht

Uli Gruber E-Mail

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