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Dr. Ute Cohen zu Gast in Gunzenhausen

Autorin präsentierte im "Hafner" ihren Roman "Satans Spielfeld" - 25.03.2017 18:05 Uhr

Fröhliche Gesichter trotz beklemmender Szenen: Moderatorin Kristy Husz, Autorin Ute Cohen und Buchhändlerin Ulrike Fischer (von links). © Tina Ellinger


Es ist schwere Kost, die da den zahlreichen Zuhörern serviert wurde, eine Geschichte um Missbrauch in all seinen Facetten, seiner Perfidie und Brutalität, die das klassische Lolita-Motiv spiegelt, jedoch — literaturgeschichtlich ungewöhnlich — aus der weiblichen Perspektive erzählt. Ute Cohen will, keinen Tabubruch scheuend, mit ihrem Buch aufrütteln, das Thema Missbrauch im öffentlichen Bewusstsein verankern und potenzielle Opfer aufklären und schützen.

Dass die Berliner Schriftstellerin ausgerechnet in die Altmühlstadt gekommen ist, ist kein Zufall: Geboren 1966 in Oettingen, verbrachte sie ihre Kindheit und Jugend in Westheim und Heidenheim, ihr Abitur legte sie am Gunzenhäuser Simon-Marius-Gymnasium ab. So geriet für sie die Lesung zu einem Wiedersehen mit vielen bekannten Gesichtern aus ihrer Jugend, fröhlich und unbeschwert ging es zu im "Hafner".

Mit dieser Unbeschwertheit war es allerdings schlagartig vorbei, als Literaturwissenschaftlerin Kristy Husz als Vertreterin der Kulturmacherei kurz den Inhalt des Buchs zusammenfasste: Es geht um die zwölfjährige Marie, die in die Fänge des Vaters ihrer zwei Freundinnen gerät. Sie schwärmt für ihn, testet ihre Reaktion auf den älteren Mann, einer bedeutenden Größe in dem beschaulichen Ort, was er schließlich schamlos ausnutzt.

"Es ist wie ein Strudel, der sich da entwickelt", erklärte Ute Cohen. Immer stärker zieht der angesehene Bauunternehmer und Lokalpolitiker Fred Bauleitner Marie in seinen Sog, sie hat keine Chance auf Entkommen. "Die Machtverhältnisse in diesem Franken-Tatort sind unverrückbar", stellt Kristy Husz treffend fest, zumal der Täter geschützt ist durch ein Umfeld, das zwar ahnt und vielleicht auch weiß, was sich zwischen den beiden abspielt, aber sich schweigend die Augen zuhält.

Marie selbst ist einerseits geschmeichelt von der Aufmerksamkeit, die ihr von diesem angesehenen Bürger entgegen gebracht wird, etwas, das sie in ihrer Familie vermisst. Die Mutter, nur am Backen und Putzen, der Vater wirtschaftlich von dem erfolgreichen Architekten abhängig, sind sie zu sehr mit sich und ihren eigenen Problemen selbst beschäftigt. Ihnen kann sich das Mädchen nicht anvertrauen.

Andererseits spürt sie instinktiv, dass das, was ihr passiert, nicht richtig ist. Sie kann keine Liebe empfinden, dieses Gefühl ist in ihrem Inneren gleichgesetzt mit Sex. Ein Verhalten, das bei Gleichaltrigen auf Unverständnis und Ablehnung stößt.

Spätestens dann, wenn Bauleitner Marie an einen Geschäftskollegen "ausleiht", weiß man, was Kristy Husz mit ihrer Einschätzung gemeint hat: "Das ist ein Psychothriller über die unbarmherzige Zerstörung eines jungen Mädchens." Die sinnliche und bildlich starke Sprache, die Ambivalenz, in der sich Marie bewegt, ihre verzweifelte Hoffnung auf echte Zuneigung und ihre Erkenntnis: "Es gibt keinen Ausweg" sorgten für fassungslose Gesichter im "Hafner", für Beklemmung im Herzen. Schwer hat man an diesen Szenen zu schlucken, man weiß, Maries Kindheit ist unrettbar verloren — und man weiß genau, dass sich so etwas viel zu oft ereignet.

Die kurze Starre der Hilflosigkeit machte jedoch schnell einer lebhaften Diskussion um Inhalt und Wirkung Platz. Daraus, dass die Orte des perfiden Geschehens autobiografische Bezüge haben, machte Ute Cohen kein Geheimnis. Wie viel von ihr in Marie steckt, wollte sie dagegen nicht wirklich preisgeben. "Es ist ein fiktiver Roman", antwortete sie auf eine entsprechende Frage aus dem Publikum. Dadurch könne sich der Leser positionieren, ohne betroffen zu sein.

Und genau das, eine klare Position zu beziehen, ist ihre Absicht: "Missbrauch muss auf die sozialpolitische Agenda, strafrechtlich muss sich einiges ändern", betonte sie und sprach beispielsweise die Verjährungsfristen an. Diesem Thema könne man sich auf verschiedenen Ebenen nähern, "die literarische ist eine sehr gewagte", gab sie zu. Doch ein Roman verschwinde eben nicht so schnell wieder in der Versenkung wie ein Artikel und man beschäftige sich über einen längeren Zeitraum damit.

"Ich will mit dem Buch einen Weckruf starten, dass jeder die Augen öffnet und nicht wegschaut", erläuterte sie. Denn: "Unser wichtiges Gut ist die individuelle Selbstbestimmung."

  

TINA ELLINGER E-Mail

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