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Fränkische Schützin: "Frauen schießen meistens besser"

Laura Seybold schießt mit 18 Jahren schon in der 2. Bundesliga - 25.08.2020 13:02 Uhr

Laura Seybold ist am Schießstand höchst konzentriert: Schon eine minimale Bewegung mit dem Lauf des Gewehres in die falsche Richtung kann einen ganzen Wettkampf zerstören.

© Foto: privat


Laura Seybold weiß, wie sie ihre Gegner verunsichern kann. 50 Minuten hat sie eigentlich Zeit, um 40 Schuss möglichst präzise auf die zehn Meter entfernte Zielscheibe abzugeben. Meistens braucht sie nur halb so lange – ohne deswegen weniger genau zu treffen. Für Seybolds Gegner ein Stressfaktor. Schließlich gehen immer zwei Kontrahenten parallel an den Schießstand. Wer seine 40 Schuss als erster absolviert hat, kann den anderen mental unter Druck setzen – vor allem, wenn er ein gutes Ergebnis erzielt hat. Weil der Gegner dann weiß, dass er sich keinen Fehler mehr erlauben darf, will er das Duell noch gewinnen.

Mit einer beeindruckenden Kombination aus Präzision und Schnelligkeit hat es die 18-jährige Mitteleschenbacherin inzwischen in die 2. Bundesliga gebracht. Seit 2019 schießt sie in der Disziplin "Luftgewehr stehend" für die FSG Titting. "Mein Papa kennt den 1. Schützenmeister, Richard Eder. Der hat gefragt, ob ich Interesse hätte, in der zweiten Liga zu schießen", erzählt Seybold.

Die Berufung in ein Zweitliga-Team, einer der zahlreichen Höhepunkte ihrer jungen Karriere. Bayerische Jugendmeisterin war sie schon, ihr größter Erfolg, wie sie findet. Mit der Mannschaft stand sie aber auch bei den Deutschen Meisterschaften schon mehrmals auf dem Podest.

"Was anderes als Fußball"

Erfolge, an denen ihr Vater einen nicht unerheblichen Anteil hat. Immerhin hat er ihre Faszination für den Sport geweckt – weil er seine Tochter von Kindesbeinen an mit ins Schützenhaus genommen hat. "Ich war sieben Jahre als ich dann selber angefangen habe. Damals habe ich noch eine Sondergenehmigung vom Landratsamt gebraucht – eigentlich darf man erst ab zwölf Jahren schießen", blickt Seybold zurück. Die Tatsache, dass es auf der Weihnachtsfeier des SSV Mitteleschenbach, ihrem Heimatverein, eine Zielscheibe mit Diddlmaus zu gewinnen gab, hat die Entscheidung für den Schießsport zusätzlich begünstigt. "Das ist schon was anderes als Fußball oder Tanzen" sagt sie.

Zumal Schießen ja nach Männersport klingt, was rein zahlenmäßig auch stimmt. Noch immer ist eine deutliche Mehrheit der Schützen in Bayern männlich. Geschossen wird allerdings in gemischten Teams. Aber: Die Mitgliederstatistik des Deutschen Schützenbundes zeigt, dass zunehmend auch Mädchen den Sport für sich entdecken. Während bei den Senioren die Zahl der Männer dreimal höher liegt als die der Frauen, ist der Abstand im Jugendbereich deutlich kleiner.

Rund 21 000 Mädchen und junge Frauen unter 20 sind im Freistaat Mitglied in einem Schützenverein. Für Laura Seybold ist ohnehin klar: "Frauen schießen meistens besser." Auch ihr Vater berichtet von bemerkenswert guten Leistungen vieler Schützinnen im Nachwuchsbereich.

Gewalttäter schaden dem Sport

Dumme Bemerkungen musste sich Seybold auch noch nie anhören. Im Gegenteil: Die meisten Leute haben großes Interesse an ihrem Sport. Trotz des negativen Images, das Schützenvereinen und ihren Aktiven bisweilen anhaftet. Gewalttaten, Morde, Amokläufe – immer wieder werden derartige Verbrechen von Sportschützen begangen. "Es ist schlimm zu hören, wenn ein Schütze sowas gemacht hat", findet die Mitteleschenbacherin. Das Problem sieht sie aber nicht bei ihrer Sportart, sondern vielmehr im Wesen der Täter. "Menschen mit normalem Verstand machen so etwas nicht."


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Sie selbst hat durch den Sport gelernt, die eigene Aufregung zu kontrollieren, sich selbst zu beruhigen, Nervosität abzubauen. "Das hat auch in der Schule vor Prüfungen geholfen." Musik hören, Atemübungen und mit anderen Menschen über belanglose Dinge zu reden hilft ihr, die Anspannung vor einem Wettkampf nicht zu groß werden zu lassen. Natürlich lässt es sie trotzdem nicht ganz kalt, im vollbesetzten Tittinger Schützenhaus an den Schießstand zu treten.

"Es ist schon eine Umstellung gewesen, in der 2. Bundesliga zu schießen", gibt sie zu. "Aber es ist auch einfach toll, wenn das ganze Dorf hinter dem Schießsport steht." In Titting, der kleinen Gemeinde östlich von Weißenburg, ist man stolz auf seine Schützen. Es hätte nicht viel gefehlt und Seybold würde mit ihrem Team im kommenden Herbst sogar in der 1. Bundesliga antreten. In der Relegation um den Aufstieg musste sich die Mannschaft der FSG nur knapp geschlagen geben.

"Man hält die Luft an"

Wie hoch das Niveau ist, wie wenig Spielraum für Fehler bleibt, verdeutlicht schon ein Blick auf Seybolds persönliche Bestleistung: Von 400 Schuss hat sie da 399 mal die "Zehn", also direkt in die Scheibenmitte, getroffen. "Wenn ich mein Gewehr einen Millimeter bewege, verschiebt sich der Schuss auf der Scheibe um einen Zentimeter", erklärt die Schützin.

Wenn die 18-Jährige gerade einmal nicht im Schützenhaus ist, packt sie auch im heimischen Gemüsegarten mit an.

© Dominik Mayer


Ein Zentimeter weiter rechts oder links – das darf nicht passieren. Sonst trifft man statt der "Zehn" schnell nur noch den Ring mit der "Sechs" oder der "Sieben". Der Wettkampf ist dann kaum mehr zu gewinnen. Ausgewertet wird das Trefferbild maschinell. So ist es sogar möglich, bis auf eine Nachkommastelle genau zu erfassen, wo der Schuss auf die Scheibe getroffen ist. Eine 8,9 ist also beispielsweise besser als eine 8,5, eine 9,7 besser als eine 9,4. Jedes Zehntel entspricht 0,25 Millimetern auf der Zielscheibe. "Ab einem gewissen Punkt hält man die Luft an", beschreibt Seybold den Moment vor einem Schuss. Das kleinste Zittern, die leiseste Regung in der Hand können einen Wettkampf zunichte machen.


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Wann es für die junge Nachwuchsschützin das nächste Mal ernst wird, ist indes noch unklar. Die Corona-Pandemie hat auch den Schießsport getroffen. Momentan absolviert Seybold Einzeltrainings im Schützenhaus Bechhofen. Erst ein einziges Mal kam die Mannschaft der FSG Titting bislang zusammen, um gemeinsam zu trainieren. Mitte Oktober soll die neue Saison starten. Ob das klappt und wenn ja, unter welchen Voraussetzungen, weiß niemand. Vielleicht werden wenige Zuschauer erlaubt sein, vielleicht muss das Publikum auch komplett draußen bleiben. Ein schwerer Schlag für die Sportart, deren Wettkämpfe über die vergangenen Jahre hinweg immer mehr Eventcharakter bekommen haben. Ratschen, Trommeln, Hallensprecher – für Stimmung ist immer gesorgt.

Irgendwann wird es auch im Tittinger Schützenhaus wieder laut werden. Bis dahin gilt: Ruhe bewahren, trainieren, die entscheidenden Kleinigkeiten verbessern. Damit die Gegner auch in Zukunft ungern auf Laura Seybold treffen.

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