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Montag, 14.10.2019

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Gunzenhausen: Auch hier gibt es Altersarmut

Wegweisendes Projekt zieht nach gut einem Jahr eine erste Bilanz - 09.10.2019 18:02 Uhr

Alexandra Trögl (links) und Sozialarbeiterin Hasive Pachur (rechts) freuen sich mit Dietbert Marx und Ursula Pabst über ein erfolgreiches erstes Projektjahr. © Andrea Schödl


Die Leiterin der Caritas-Kreisstelle Weißenburg-Gunzenhausen hatte dort erklärt, dass bayernweit rund 17 Prozent der Senioren unter dem Existenzminimum leben. Und das wären in Gunzenhausen statistisch gesehen 400 Personen.

Am Ende des Gesprächs waren sich Trögl und Bürgermeister Karl-Heinz Fitz einig: "Dagegen wollen wir etwas tun". Gemeinsam stellten die Caritas-Kreisstellenleiterin und der Bürgermeister deshalb ein Maßnahmenpaket auf die Beine, für das sie jetzt – nach einem Jahr – eine positive Bilanz ziehen können.

Die erfolgreichen Projekte von "Hand in Hand gegen Altersarmut" heißen "Mittagstisch", "Seniorencafé", "Herzenswünsche" und Freizeitangebote zur meist kostenfreien Teilnahme an städtischen Veranstaltungen und anderen ausgewählten Angeboten. Alle werden über die Caritas-Kreisstelle in Gunzenhausen in Absprache mit der Stadt koordiniert und organisiert.

"Fühle mich wohl"

Seniorenberaterin Hasive Pachur kümmert sich mit viel Einfühlungsvermögen um die Klienten. Sie prüft nicht nur deren Bedürftigkeit, sondern ist auch gleichzeitig eine herzliche Ansprechpartnerin für alle Anliegen. "Von Anfang an war hier eine Verbindung da", sagt die 69-jährige Ursula Pabst und ergänzt: "Ich fühle mich hier wohl."

Sie ist eine derjenigen, bei denen die Projekte gegen Altersarmut die Lebensqualität sichtbar gesteigert hat. Dazu gehört auch ihr Hund, den sie sich dank eines Zuschusses aus der Aktion "Herzenswünsche" leisten konnte. Die Steuer und Versicherung wurden über Projektmittel getragen, denn über ihre Rente hätte sie den Betrag nicht aufbringen können.

Die Säule des Maßnahmenangebots von "Gemeinsam gegen Altersarmut" ist der Mittagstisch. Jeden Dienstag und Donnerstag können ältere Menschen ab 60 Jahre ein warmes Mittagessen im städtischen Seniorenheim Burkhard-von-Seckendorff erhalten. Sie zahlen nur einen Euro und bekommen eine vollwertige Mahlzeit mit Vorspeise, Hauptspeise und Dessert. Der Differenzbe-trag von rund fünf Euro, der pro Essen fehlt, wird über Spenden finanziert. Seit dem Start des Mittagstischs im Juli 2018 wurden schon über 400 Essen ausgegeben.

200 Euro zum Leben

Rund 15 Rentner nehmen das Angebot regelmäßig wahr. "Es bringt mir sehr viel", sagt der 63-jährige Dietbert Marx, der wie viele Menschen nur etwa 200 bis 250 Euro im Monat für seinen Lebensunterhalt zur Verfügung hat. "Für diese zwei Tage muss ich schon nix einkaufen."

Doch der finanzielle Aspekt ist nicht der einzige Grund, warum ältere Menschen zum Mittagstisch kommen. "Es geht nicht nur ums Essen, sondern auch darum, aus der Isolation zu kommen", sagt Seniorenberaterin Pachur.

Die Vereinsamung ist eines der schwierigsten Felder beim Thema Altersarmut, bestätigt Kreisstellenleiterin Trögl. Diese treffe vor allem Männer, die oft in Vereinen oder Gastwirtschaften, beim Kartenspielen oder am Stammtisch ihr soziales Umfeld gefunden haben.

Vertraute Atmosphäre zwischen Dietbert Marx (links) und Wladimir Barantschikov: Beim Mittagstisch ist auch die Gemeinschaft wichtig. © Andrea Schödl


"Wenn sie finanziell nicht mehr mithalten können, sondern sich viele ab." Das bestätigt auch Dietbert Marx. "Das Alleinsein macht dich fertig. Du machst deine Wohnung und deine Wäsche und dann kannst du nur noch fernsehen", sagt er.

Statistisch gesehen sind Frauen häufiger von Altersarmut betroffen als Männer. Sie haben aufgrund ihrer Erwerbsbiographien oft nur eine niedrige Rente. Jede Vierte über 60 Jahre, also knapp 25 Prozent aller Rentnerinnen in Bayern, ist von Altersarmut betroffen. Im Jahr 2036 sollen es deutschlandweit knapp 28 Prozent sein. "Dabei ist die Dunkelziffer gerade auf dem Land noch höher", erklärt Trögl. "Aus Scham suchen viele beim Staat nicht um Hilfe, obwohl es ihnen zustehen würde."

Stattdessen springen Nachbarn ein, die Essen bringen oder jemanden zum Arzt fahren. "Es gibt noch viel zu tun", weiß Trögl. Deshalb wurde in Gunzenhausen auch ein Verein gegründet: "Hand in Hand gegen Altersarmut" Schon 27 000 Euro konnten eingeworben werden – "und jeder Euro kommt an".

 

Das Spendenkonto lautet: Hand in Hand gegen Altersarmut e.V, Sparkasse Gunzenhausen, IBAN: DE85 7655 1540 0015 1749 07

ANDREA SCHÖDL E-Mail

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