Montag, 19.04.2021

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Gunzenhausen: Das Kino soll weiterleben

Nach dem Tod ihres Mannes und wegen Corona sieht sich Marion Böhm großen Herausforderungen gegenüber - 08.04.2021 06:33 Uhr

Marion Böhm in ihrem leeren Kino in Gunzenhausen: Die 35-Jährige hat die Geschäfte ihres Mannes nach seinem überraschenden Tod übernommen.

07.04.2021 © Foto: Isabel-Marie Köppel


Die derzeit an die 7-Tage-Inzidenz gekoppelten Regeln können für manche Branchen ein Segen sein. So profitierte der Einzelhandel im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen bis vor kurzem von der geringen Neuinfektion und durfte öffnen. Doch Marion Böhm hätte dies nichts genutzt – selbst wenn sie hätte öffnen dürfen.

Die 35-Jährige kümmert sich um die drei "Movieworld"-Kinos in Nördlingen und Gunzenhausen und sagt: "Dieser Flickenteppich bringt nichts." Sie würde sich wenigstens wieder bundeslandweite Regelungen wünschen mit Blick auf ihre Branche. "Kein Filmverleih hätte einen Film für mich. Alle Starttermine sind bis auf Weiteres verschoben. Die warten, bis alle Kinos wieder öffnen dürfen", erklärt sie.

Ohne neue Filme, habe sie nicht viele Möglichkeiten. Sie könnte höchstens auf drei, vier Streifen zurückgreifen, die vor der jetzigen Zwangspause nur kurz liefen wie etwa "Greenland" mit Gerard Butler. Kindervorstellungen oder "ganz alte Sachen wie ,Pretty Woman‘ oder ,Grease‘" wären weitere Optionen, die sie sich vorstellen könnte. Diese Gedankenspiele lassen sich jedoch nicht weit spinnen, da es keine aktuellen Rahmenbedingungen für eine mögliche Öffnung gibt, so Böhm.

In Gedenken an Johannes Böhm: Dieses Bild klebt an einer Tür des „Movieworld“.

07.04.2021 © Foto: Isabel-Marie Köppel


Was die staatliche Unterstützung angeht, zeigt sich die Geschäftsfrau allerdings zufrieden: "Wir haben jede Hilfe beantragt und sie wurden schnell ausbezahlt. Das ist wirklich positiv. Gerade beantragen wir die Überbrückungshilfe III." Finanziell stünden die "Movieworld"-Kinos noch ganz gut da. "Wir haben die vergangenen Jahre gut gewirtschaftet – beziehungsweise mein Mann", sagt Böhm.

Vergessen fühle sie sich also nicht von der Politik – aber sie empfinde die Entscheidungen als "undurchdacht" bezogen auf ihre Branche. Die Verbände hätten viele Gespräche geführt, für einheitlichere Lösungen plädiert, "und jetzt wird genau das Gegenteil gemacht". Selbst wenn sie inzidenzabhängig öffnen würde, bräuchte sie Vorlaufzeit. "Beim Popcorn habe ich momentan zwei, drei Wochen Lieferzeit, weil die in Kurzarbeit sind", sagt sie. Bis sie alles entsprechend eingerichtet hätte, könnten die Neuinfektionen bereits wieder nach oben geschnellt sein. Dass die Öffnungsschritte "an den Inzidenzen hängen, ist für unsere Branche katastrophal. Wir gehen ja Verträge ein", macht sie noch mal deutlich.

Wobei sich die Filmbranche in Sachen Exklusivität bereits ändert. Hatten die Kinos sonst drei Monate das Vorrecht auf einen neu erschienenen Film, verlagern sich jetzt viele Premieren auf Streamingdienste, erläutert Böhm. Ein prominentes Beispiel ist die Neuverfilmung von "Mulan". Nachdem der Kinostart aufgrund der Corona-Pandemie mehrfach verschoben wurde, entschied Disney den Streifen auf seiner Videoplattform "Disney+" online zu stellen.

Die Film- und Fernsehgesellschaft "Warner Bros" nennt Böhm als weiteres Beispiel: "In Amerika gehen die Filme gleichzeitig in den Kinos und auf den Streamingdiensten an den Start." Ob diese Entwicklung auch ohne Corona so stattgefunden hätte, könne sie nicht einschätzen. Aber für Deutschland rechne sie mit einer ähnlichen Entwicklung. "Die kann aber auch etwas Gutes haben", glaubt die zweifache Mutter. Dadurch könnten sich günstigere Konditionen ergeben, eine geringere Mindestlaufzeit etwa und somit mehr Programm mit schnelleren Wechseln.

Kein Autokino

Doch zurück zur aktuellen Lage. Ein Autokino wie vergangenes Jahr wird es heuer an keinem Standort geben, hat Marion Böhm bereits entschieden: "Das war ein sehr großer Aufwand – auch zeitlich, und hat sich nicht sehr gelohnt." Stattdessen überlegt sie, wenn es auch im Sommer noch "so blöd läuft", in Gunzenhausen erstmals ein Open-Air-Kino anzubieten: "Damit wir den Leuten wieder ein bisschen was geben können. Wir haben ja auch einen kulturellen Auftrag."

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In Nördlingen war sie bereits komplett involviert, doch nun alle Geschäfte auch in Gunzenhausen zu führen, ist neu für die 35-Jährige. Anfang Februar starb ihr Mann Johannes Böhm überraschend im Alter von 47 Jahren. In seinem Sinne möchte sie nun die drei Kinos weiterführen und sich der Aufgabe stellen. Daher kommt ihrer persönlichen Situation der Lockdown auch zugute. Denn sie muss sich neu orientieren. "Aber wir stehen in den Startlöchern und warten, dass wir aufmachen dürfen. Auch um ein Zeichen zu setzen, dass es weitergeht", sagt sie fest entschlossen und freut sich – trotz allem – auf ihre neue Aufgabe.

ISABEL-MARIE KÖPPEL

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