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Montag, 06.04.2020

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Gunzenhausen: die Wirtschaft und die Corona-Krise

Fünf Firmenchefs aus der Altmühlstadt schildern ihre Probleme - 24.03.2020 17:26 Uhr

Die Auftragslage ist gut, aber eine wichtige Komponente wird langsam knapp: Verpa-Werksleiter Marco Stenglein (Mitte), hier mit Mitarbeitern in der Folien-Produktion, hofft auf baldigen Nachschub. © Jürgen Eisenbrand


Im ganz normalen Schichtbetrieb wird derzeit bei Verpa Folie Gunzenhausen gearbeitet, allerdings mit reduzierter Belegschaft. "Wir haben aus jeder Schicht zwei bis drei Leute herausgenommen", sagt Geschäftsführer Marco Stenglein, und zwar sowohl im Büro, als auch in der Produktion. So steht im Notfall noch eine Ersatzmannschaft zur Verfügung, ist Stengleins Rechnung.

Insgesamt kann das Unternehmen, das viel für die Lebensmittelindustrie produziert, nicht über mangelnde Aufträge klagen, allein, eine wichtige Komponente im Druckbereich droht auszugehen: Ethanol. Der hochprozentige Alkohol ist momentan echte Mangelware, wird dringend für die Herstellung von Desinfektionsmitteln benötigt.

Verpa braucht den Ethylalkohol aber ebenso dringend für das Bedrucken etwa von Tiefkühlverpackungen. Noch reicht der Vorrat für rund zwei Wochen, wenn Stenglein bis dahin keinen Nachschub bekommt, müsste er eine ganze Abteilung schließen. Derzeit versuche er deshalb abzuklären, ob sein Unternehmen zu den sogenannten systemrelevanten gehört, erläutert er.

"Partnerschaftliche Lösung"

Finanzielle Einbußen müssen die 239 Mitarbeiter nach dem jetzigen Stand der Dinge nicht befürchten. Stenglein weiß, dass das bei manchem an die Existenz gehen könnte, etwa wenn gerade erst ein Haus gebaut wurde. "Wir wollen eine partnerschaftliche Lösung finden", verspricht der Werksleiter, wie diese genau aussehe, das werde man noch klären.

Setzt auf Homeoffice: Sanmina-Chef Ottmar Bieber. © Marianne Natalis


Beim Gunzenhäuser Werk von Sanmina-sci Germany wurden die Bürotätigkeiten weitestgehend ins Homeoffice verlegt, rund 70 Mitarbeiter arbeiten momentan von zuhause aus, berichtet Werkleiter Ottmar Bieber auf Anfrage des Altmühl-Boten. Das sei sehr schnell möglich gewesen. In der Produktion fällt diese Alternative aber natürlich flach, die hier tätigen 180 Mitarbeiter wurden in verschiedene Schichten aufgeteilt. "Wir halten alle Hygienevorschriften ein", unterstreicht Bieber und auch der geforderte Abstand sei kein Problem, der sei zwischen den Maschinen, die in der Regel von einer Person bedient werden, ja sowieso gegeben.

Zu den Kunden von Sanmina-sci Gunzenhausen gehört auch die Autoindustrie, allerdings nur zu 20 Prozent. Man beliefere zudem nicht direkt die großen Automobilkonzerne, sondern Betriebe in einer Zwischenstufe und noch gebe es hier Abnehmer. Luft- und Raumfahrt und Industrieelektrik sind weitere Arbeitsfelder des Werks.

Noch gibt es genug zu tun, doch das könne sich in diesen schwierigen Zeiten ja "sehr schnell ändern". Sollten in den nächsten Tagen Aufträge wegbrechen, weil Kunden ihre Betriebe zumachen, so sollen die Mitarbeiter zunächst ihre Überstunden abbauen. "Wir müssen von Tag zu Tag denken", weiß Bieber.

Dass sich die Voraussetzungen täglich ändern, damit muss auch Robert Bloos gerade klarkommen. "Wir versuchen, normal weiterzuarbeiten", sagt der Chef der Firma Heizomat in Maicha, soweit das eben möglich ist. Einige Büromitarbeiter wurden in den Urlaub geschickt, um die geforderten Abstände einzuhalten, die Fertigung laufe noch normal. "Keine Kurzarbeit" für die rund 250 Mitarbeiter ist für ihn dabei oberstes Ziel, "dafür stehen wir als Familienbetrieb". Schließlich habe es das bei Heizomat noch nie gegeben.

Die Auftragsbücher sind voll, zu tun gibt es eigentlich genug – allein, die Firma kann längst nicht alle bestellten Heizungen ausliefern. Die Grenzen nach Polen, Österreich, Frankreich sind dicht, viele Kunden in Deutschland wollen unter den gegebenen Umständen keine Montage im eigenen Haus, berichtet Bloos. Ein Glück, dass das Unternehmen über genügend Lagerkapazitäten verfügt.

"Gut aufgestellt"

Es bleibe abzuwarten, wie lange diese Ausnahmesituation anhalte. Zwei bis vier Wochen könne seine Firma ausharren, hier zahle es sich aus, dass "wir immer gut gewirtschaftet haben". Heizomat sei "gut aufgestellt".

Schichtbetrieb: Eisenhändler Hans-Georg Degenhart. © Marianne Natalis


Bei der Firma Degenhart Eisenhandel wird momentan im Schichtbetrieb gearbeitet. Die eine Hälfte der Belegschaft hält von 7 bis 12 Uhr die Stellung, die andere Hälfte übernimmt dann bis 17 Uhr. Sollte es im einen Team einen Corona-Verdachtsfall geben, kann immer noch das andere Team übernehmen.

"Viel Stahl aus Italien"

Der Verkauf an Privatkunden wurde bereits am Donnerstag vergangene Woche eingestellt, erläutert Firmenchef Hans-Georg Degenhart gegenüber unserer Zeitung, der Großhandel – der überwiegende Teil des Geschäfts – läuft noch normal weiter. Bislang war die Versorgungssituation gut, so Degenhart, doch das könnte sich jetzt abrupt ändern. Denn der Gunzenhäuser Eisenhandelsbetrieb bekommt "viel Stahl aus Italien".

Doch Stahl gekocht wird in unserem südlichen Nachbarland erst einmal nicht mehr, nachdem die Regierung dort die Notbremse gezogen und die Wirtschaft in die Zwangspause geschickt hat. Wie alle seine Kollegen, muss sich auch Hans-Georg Degenhart während der anhaltenden Corona-Pandemie täglich neu orientieren.

Arbeit genug gibt es derzeit auch noch für die 145 Mitarbeiter bei RF-Plast. Der kunststoffverarbeitende Betrieb aus Gunzenhausen produziert zu 80 Prozent für die Autoindustrie, deshalb weiß Nadine Amesöder, die die Geschäfte zusammen mit ihrem Mann Dr. Simon Amesöder führt, das sich die Lage täglich ändern kann.

Splittet Teams: RF-Plast-Chefin Nadine Amesöder. © Marianne Natalis


Zuletzt galt es vor allem, die Arbeit im Betrieb neu zu strukturieren. Wer kann, ist im Homeoffice, auch Nadine Amesöder erledigt ihre Aufgaben zuhause. Unter anderem hält sie sich ständig über die aktuellen Regelungen auf dem Laufenden, damit diese im Betrieb sofort umgesetzt werden. "Wir splitten unsere Teams", erläutert sie am Telefon, etwa in der Instandhaltung und im Werkzeugbau. Die Übergabe zwischen den Teams verläuft schriftlich, damit sich die Mitarbeiter nicht begegnen. Im Werk sind Desinfektionsspender aufgebaut, allerdings ist es laut der Geschäftsführerin total schwer, hier an Nachschub zu kommen. Noch kann sich die Belegschaft aber die Hände desinfizieren.

Die Lage ist für alle Unternehmen derzeit belastend, entsprechend angespannt verfolgt Nadine Amesöder die aktuellen Nachrichten. Sollten auch in Deutschland die Betriebe ihre Pforten schließen müssen, dann wäre das sicher nicht nur für RF-Plast "dramatisch".

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