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Montag, 17.06.2019

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Gunzenhausen: Hochsaison für Rehkitz-Retter

Jäger und Landwirte bewahren Jungtiere gemeinsam vor dem Tod im Mäher - 08.06.2019 13:57 Uhr

Gerettet: Ein Helfer bringt ein Rehkitz vor den Messern des Mähwerks in Sicherheit. © Sebastian Vieten


"90 Prozent der Bauern sind Rambos, für die nur ein totes Reh ein gutes Reh ist", wetterte jüngst bei der Jahresversammlung des Jagdvereins Gunzenhausen einer der Waidmänner aus der Altmühlstadt. Doch sein Jagdkollege Daniel Gosse hat da ganz andere Erfahrungen gemacht.

Er ist derzeit, zusammen mit anderen Jägern, immer wieder auf Wiesen unterwegs, die zur Mahd anstehen. Sein Ziel: möglichst viele der kleinen Reh-Babys vor den todbringenden Mähmaschinen der Landwirte zu retten. "Das funktioniert nur durch die gute Zusammenarbeit von Bauern und Jägern", sagt Gosse. Und erzählt freudig von seinen jüngsten Erfolgen: Im Igelsbacher Revier von Friedrich Billner hätten er und seine Mitstreiter in der vergangenen Woche in nur drei Stunden zehn Kitze bergen können, in Geiselsberg bei Absberg (Jagdpächter: Karl Rutz) seien es in einer Stunde immerhin fünf gewesen.

Rechtzeitig melden

Entscheidend dabei sei, dass sich die Bauern, wie in diesem Fall Gerd Nehmeier, rechtzeitig bei den Jägern meldeten und das Mähen der Wiesen ankündigten. "Wenn wir 24 Stunden Vorlauf haben, klappt das in der Regel", sagt Gosse, der als Marketingleiter bei Bosch Industriekessel in Gunzenhausen arbeitet. Im hiesigen Jagdverein gebe es nämlich eine besonders gute revierübergreifende Zusammenarbeit, und wenn ein Jäger um Hilfe bitte, fänden sich schnell Kollegen, die mit ihm gemeinsam auf die Suche nach Kitzen gingen.


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Dass nicht alle Landwirte gleichermaßen aufgeschlossen sind für das Thema, wurde bei der Jahresversammlung deutlich. Gosse, der vor vier Jahren sein "grünes Abitur", sprich: den Jagdschein, erwarb, will da kein weiteres Öl ins Feuer gießen – und formuliert vorsichtig: "Wenn wir erst eine Stunde vor der Mahd informiert werden, ist das natürlich etwas kurzfristig." Ein Satz, in dem der Appell mitschwingt, die Bauern mögen ein bisschen vorausschauender agieren und rechtzeitig Bescheid geben.

Gut getarnt: Rehkitze verstecken sich in ihren ersten Lebenswochen im hohen Gras – und werden so allzu oft bei der Mahd verstümmelt oder getötet. © Sebastian Vieten


Das Problem mit den Rehkitzen: Sie haben in den ersten Lebenswochen keinen Fluchtinstikt. Sie vertrauen auf ihre gute Tarnung im hohen Gras und darauf, dass sie in den ersten Lebenswochen noch keinen eigenen Geruch verbreiten. Das hilft gut gegen Fressfeinde wie den Fuchs, ist aber absolut tödlich bei der Mahd: Bis zu 30 Prozent eines Jahrgangs, schätzt der Vorsitzende des Jagdvereins Gunzenhausen, Harald Fritsch, fallen den Mähwerken zum Opfer. Und auch Daniel Gosse räumt ein: "Das Mähen und schnelle Autofahrer sind die hauptsächlichen Todesursachen der Tiere."

Die übliche Methode, die Kitze aufzustöbern, ist aufwendig und "personalintensiv". Dabei streifen die Freiwilligen auf engmaschigen Wegen durch die Wiese (Gosse: "Schon aus drei Metern Entfernung ist ein Kitz oft schon kaum mehr zu entdecken") und halten Ausschau: nach den Jungtieren am Boden – und nach Muttertieren, die irgendwo aufspringen und sich in Sicherheit bringen.

Mit Handschuhen und in Gras gehüllt

"Dann wissen wir, wo wir eventuell ein Kitz finden können", sagt Gosse. Das heben er und seine Helfer dann vorsichtig hoch und tragen es in die Fluchtrichtung des Muttertiers – natürlich mit Handschuhen und häufig auch noch in Grashalme gehüllt, damit die Kitze keinen menschlichen Geruch annehmen und vom Muttertier nicht deshalb verstoßen werden. "Und immer mal wieder können wir dann auch beobachten, wie sich das Reh schnell wieder um sein Junges kümmert", sagt Gosse.

Hin und wieder setzen die Gunzenhäuser Jäger zwischen April und Juni, der Zeit, in der die Kitze zur Welt kommen, auch auf technische Hilfsmittel: eine Drohne mit Wärmebildkamera.

Setzt auf Kooperation mit den Bauern: der Gunzenhäuser Jäger Daniel Gosse. © Sebastian Vieten


Die aber zwei entscheidende Nachteile hat: Zum einen ist ihr Einsatz relativ teuer und umständlich, da man einen versierten "Piloten" braucht und die Akkus nur kurze Zeit die nötige Energie liefern. Und zum anderem ist sie nur für Einsätze am ganz frühen Morgen geeignet. "Die Körpertemperatur des Kitzes muss sich möglichst deutlich von der der Umgebung unterscheiden", erklärt Gosse. Wenn es erst mal so richtig heiß geworden ist, liefert die Kamera keine eindeutigen Ergebnisse mehr.

Die Zusammenarbeit zwischen Bauern und Jägern gebe es schon seit vielen Jahren, sagt Daniel Gosse, und er habe durchaus den Eindruck, dass bei den Landwirten "immer mehr Bewusstsein für das Problem entsteht". Jüngst habe sogar die Mitgliederzeitung des Bayerischen Bauernverbandes das Thema auf den Titel gehoben.

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Er jedenfalls ist froh, dass die Kooperation so gut funktioniere, auch wenn – Stichwort: frühzeitige Information – durchaus noch Luft nach oben sei. Und er ist besonders froh, wenn es ihm und seinen Helfern wieder einmal gelungen ist, einige Kitze vor dem Tod im Mähwerk zu bewahren: "Da geht man dann am Abend schon mit einem guten Gefühl ins Bett."

Wer Interesse hat, bei der Suche nach Rehkitzen mitzuhelfen, kann über die Website der Gunzenhäuser Jäger Kontakt aufnehmen: www.jagdverein-gunzenhausen.de

Dieser Artikel wurde zuletzt am Samstag um 13.57 Uhr bearbeitet. 

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