Sonntag, 17.11.2019

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"Gunzenhausen ist gut unterwegs"

Willi Kaczorowski zeigte in der Stadthalle die Chancen der Digitalisierung für das flach Land auf - 09.11.2019 12:22 Uhr

Die Digitalisierung ist aus dem beruflichen und privaten Alltag der meisten Menschen nicht mehr wegzudenken. Intelligent genutzt, kann sie entscheidend zur Verbesserung der Lebensqualität beitragen und beispielsweise dem flachen Land zu neuen Arbeitsplätzen verhelfen. © Daniel Naupold/dpa


Wenn morgens der Wecker klingelt, ist das bei vielen Menschen nicht mehr die herkömmliche Uhr, sondern das Smartphone. Der erste Griff führt denn auch zum Handy, das einen noch im Bett auf den neusten Stand bringt. Die Digitalisierung, sagt Kaczorowski, "hat die Welt in einem Ausmaß verändert, das wir uns vor 20 Jahren nicht hätten träumen lassen". Dass es damals weder iPhones noch Facebook gab, ist heute kaum mehr vorstellbar.

"Erfolgsfaktor: Smarte ländliche Regionen" hatte Kaczorowski den Abend überschrieben. Die Digitalisierung kann, ist der Referent aus Berlin überzeugt, viele Nachteile des flachen Landes gegenüber dem städtischen Leben ausgleichen.

Etwa im Bereich der Daseinsvorsorge: In Altmühlfranken ist die Lücke noch nicht so groß, doch in anderen Regionen hat der Ärztemangel bereits voll durchgeschlagen. Der Landarzt ist "eine aussterbende Spezies", so Kaczorowski, für einige Gemeinden in Nordhessen brachte hier der Medibus die Rettung: Ähnlich wie der Bäcker kommt der Doktor per Bus, darin enthalten eine kompletten Arztpraxis mit Warte- und Sprechzimmer samt Labor, bei Bedarf kann ein Facharzt zugeschaltet werden. Ohne die Digitalisierung wäre dieser Service nicht möglich.

"Smart City" heißt derzeit in Deutschlands Großstädten das Zauberwort, die Digitalisierung soll helfen, mehr Lebensqualität in die Städte zu bringen und drängende Probleme wie Verkehrskollaps, Wohnungsnot und Umweltprobleme zu lösen. Doch vergessen werde bei diesen Konzepten oft, dass die Städte von ländlichen Regionen umgeben sind. Und dort leben mit 56 Millionen Menschen der Großteil der Deutschen.

Gegenseitig befruchten

Für Kaczorowski liegt es deshalb auf der Hand: Stadt und Land müssen sich gegenseitig befruchten, stehen sie doch in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis. "Nur die Stärkung des ländlichen Raums mindert den Überforderungsdruck auf die Städte", lautet seine These.

"Smart City ist ein Sammelbegriff für gesamtheitliche Entwicklungskonzepte, die darauf abzielen, Städte effizienter, technologischer, fortschrittlicher, grüner und sozial inklusiver zu machen." Diese Definition, die Kaczorowski bei Wikipedia gefunden hat, lässt sich auch aufs smarte Land übertragen.

Referent Willi Kaczorowski (rechts), hier mit Bürgermeister Karl-Heinz Fitz. © Marianne Natalis


Der Teufel liegt nach Worten des Fachmanns im Detail, sprich in den unterschiedlichen Handlungsinteressen und -akteuren. Kaczorowski unterteilt diese in Ökologen, die den Energieverbrauch, das Klima und die Umwelt im Blick haben, die "Systemverbesserer", die eher unter technologischen Aspekten an die Sache herangehen und die "Demokratieförderer", die Transparenz und Partizipation anstreben.

Deutschland hat bei der Digitalisierung "viel verschlafen" – Kaczorowski nennt hier das Beispiel Glasfaser – und auch die Behörden sind nicht eben digitale Vorreiter, weiß der 62-Jährige. Vieles, was in diesem Bereich passiert, ist konzeptlos. Gemäß der Devise "einfach machen", werde dann etwa die Straßenbeleuchtung digitalisiert ("Smart Lighting") oder intelligente Mülltonnen eingeführt (die melden dem Müllauto, wenn sie voll sind).

Um aber nicht nur Feigenblätter ("wir tun doch was") zu produzieren, benötigen die Kommunen ein klares Konzept für die Digitalisierung ihres Orts. Denn die bedeutet weit mehr als bloßes E-Government, sollte die Bürger mit einbinden und auch die drängenden Probleme unserer Zeit im Blick haben. Wie etwa eine "nachhaltige Verkehrsvermeidung". Die Mobilität der Zukunft bedeutet laut Kaczorowski, alle Verkehrsträger stärker zu vernetzen. Und damit meint er nicht allein den herkömmlichen ÖPNV, so auch Uber oder Fahrgemeinschaften, die sich über Smartphone-Apps finden.

Auch die tägliche Pendlerströme könnten dank der Digitalisierung verringert werden, denn die macht Arbeiten auch auf dem Land möglich, sei es zu Hause oder in sogenannte "Co-Working Spaces", die in Städten längst gang und gäbe sind. Rheinland-Pfalz setzt solche Arbeitsstätten gerade mit dem Projekt "Dorf-Büro" um.

"Gut unterwegs"

Der beste Weg hin zu einer digitalen Agenda führt für den Referenten über Bürgerbeteiligung. Das sei zwar mühsamer, erhöhe aber die Akzeptanz. Zudem könne so das Wissens- und Kreativpotential des Orts voll ausgeschöpft werden.

Gunzenhausen, bestätigte der Referent am Ende gerne, ist da bereits "gut unterwegs". Schließlich ging es erst jüngst im Stadtratsausschuss für Hauptangelegenheiten, Finanzen und Digitalisierung um ein Digitales Konzept für die Stadtverwaltung. Und im kommenden Jahr soll das Portal "Gunzenhausen digital" online gehen, wie Bürgermeister Karl-Heinz Fitz zu Beginn des Abends verraten hatte.

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