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Gunzenhausen: Kleines Apartment könnte Großes leisten

Angehende Mediziner lernen Praxisalltag und Landleben kennen — Spätere Niederlassung in der Provinz erhofft - 07.02.2018 06:12 Uhr

Allgemeinmediziner Dr. Marc Metzmacher (links) und Bürgermeister Karl-Heinz Fitz (rechts) mit den Nachwuchs-Hausärzten Katharina Wittmann und Sebastian Landgraf im Kinder-Behandlungsraum der Praxis Metzmacher. © Kristy Husz


Als die Uni Erlangen im Wintersemester 2013/14 den ersten regulären Lehrstuhl für Allgemeinmedizin in Bayern ins Leben rief, benötigte sie natürlich entsprechende Lehrpraxen. Metzmacher ergriff die Gunst der Stunde, ließ seine Räumlichkeiten akkreditieren und stand sodann vor einem Problem: Wie könnte man Medizinstudenten tatsächlich davon überzeugen, Teile ihrer Praxisausbildung im Fränkischen Seenland zu absolvieren? Schließlich kann ein Hochschüler kaum eine Zweitunterkunft mieten oder hat Zeit für stundenlanges Pendeln.

Schnell war Metzmacher daher klar, dass so eine Kleinstadt-Stippvisite im Rahmen des zweiwöchigen Blockpraktikums, der vierwöchigen Hausarztpraxis-Famulatur und vor allem der letzten vier Monate des sogenannten Praktischen Jahres (PJ) nur mit eigenem, kostenfreiem Quartier attraktiv ist. Weil das auch jeder Kommune mit Weitsicht einleuchten sollte, wandte er sich an Bürgermeister Karl-Heinz Fitz, um aus diesem, wie es der Doktor flapsig formuliert, "eine Wohnung herauszuleiern".

Kurze Wege sind von Vorteil

Der Plan ging auf, der Rathauschef willigte ein und ein erfolgreiches Programm war geboren: Schon mehr als ein Dutzend Studenten haben inzwischen die Gelegenheit genutzt, in der Altmühlstadt Praxisalltag und Landleben kennenzulernen und währenddessen das kleine, möblierte Apartment zu bewohnen, das ihnen die Stadtverwaltung unentgeltlich zur Verfügung stellt. Kurze Wege zum Arbeitsplatz und zum Bahnhof, das Sportangebot sowie die Nähe zur Natur – bis heute haben es die jungen Leute nie bereut, sich für Gunzenhausen entschieden zu haben, und die Integration in Metzmachers Team klappte ebenfalls stets reibungslos.

Umgekehrt wissen die Patienten des Allgemeinmediziners und Leitenden Notarztes im Landkreis dessen aktive Zukunftsarbeit zu schätzen. Regelmäßig ausgetauschte Plakate an der Empfangstheke machen darauf aufmerksam, welche Studenten gerade zu Gast sind, und die Bereitschaft, sich von diesen untersuchen und beraten zu lassen, ist laut Metzmacher hoch.

Ein nachhaltiges, mit wenig Aufwand gewecktes Entwicklungspotenzial sieht der Bürgermeister hier, und der Arzt pflichtet ihm bei: Wenn der Branchennachwuchs nicht in der Großstadt bleiben wolle, dann ziehe es ihn als Erstes dahin, wo er schon einmal war und schöne Erfahrungen gemacht hat. Wer sich also im Seenland prima aufgehoben und angenommen fühlte, bei dem steigen die Chancen, dass er irgendwann zurückkehrt.

Meinungsumschwung

Bestes Beispiel dafür ist Sebastian Landgraf. Er ist derzeit Metzmachers Weiterbildungsassistent, und obwohl er aus der Gegend stammt, hatte er seine Heimat nie beruflich im Visier, der Fokus lag woanders. Überdies wollte er Chirurg statt Hausarzt werden. Das alles änderte sich, als der eloquente junge Mann für das Blockpraktikum und das PJ nach Gunzenhausen kam und dort seine eigentliche Berufung entdeckte. Seitdem schwärmt er vom "hohen Freizeitwert" der Region und hat Spaß daran, dass er bei Metzmacher "jeden Tag etwas Neues dazulernt".

Dass Landgraf Gefallen an der Allgemeinmedizin gefunden hat, ist keine Selbstverständlichkeit. Unter Uni-Professoren genieße sie einen schlechten Ruf, der gerne an die eigenen Zöglinge weitergegeben werde, wie Katharina Wittmann erzählt. Die freundliche, in Erlangen immatrikulierte PJ-Studentin aus Oberbayern hat es aufgrund von Metzmachers Homepage und der dort zu lesenden anerkennenden Worte ihrer Vorgänger zu ihm verschlagen. Und auch Wittmann, die von Januar bis April im Ort weilt, schätzt die Betreuung durch Praxis und Stadt schon jetzt als hervorragend ein.

Wittmanns umtriebiger Chef ist jedoch nicht der Einzige, der sich medizinischen Nachwuchs ins Haus holt. Dr. Ute Schaaf in Absberg etwa oder die Brüder Dr. Simon Sitter und Dr. Sören Sitter in Bechhofen handhaben es ähnlich. Deshalb hat Metzmacher zusammen mit den genannten Praxen und einigen anderen im Frühjahr 2016 den Verein "Ärzte schnuppern Landluft" (ÄSL) gegründet. Dieser kooperiert zudem mit dem Klinikum Altmühlfranken und dem Klinikverbund ANregiomed.

Allen Vereinsmitgliedern gemeinsam ist der Wunsch, die primärmedizinische Versorgung im südwestlichen Mittelfranken langfristig zu sichern. Zu diesem Zweck haben sie, so wie Marc Metzmacher, um Unterstützung durch ihre jeweilige Kommune gebeten, welche für die Unterbringung der heiß umworbenen Hausarzt-Generation von morgen sorgt. Doch die Initiative leistet noch mehr: Falls sich bei Metzmacher mehr Studenten um eine Praxisausbildung bewerben, als er Kapazitäten hat – das städtische Apartment ist lediglich auf einen Bewohner ausgerichtet –, kann er sie über ÄSL ruhigen Gewissens an seine umliegenden Kollegen vermitteln.

Gemeinsame Unternehmungen

Seit letztem Jahr wird darüber hinaus der Austausch unter den jungen Leuten gefördert. Jeden Mittwoch können sie, organisiert von ÄSL, als Gruppe etwas in der Region unternehmen. Da besucht man dann die Kreuzgangspiele in Feuchtwangen, fährt zum Spalter Fasching, besichtigt Ansbach oder schaut sich in der Altmühlstadt den Rettungshubschrauber-Landeplatz und das Hilfskrankenhaus an.

Karl-Heinz Fitz hält dieses Zusatzangebot an die Studenten für richtungsweisend. Es zeige ihnen, dass man im Fränkischen Seenland nicht bloß gut arbeiten, sondern auch gut leben kann, und trage so gleichfalls zu dem Ziel bei, frischgebackene Allgemeinmediziner zur Niederlassung in der Provinz zu bewegen.

Von einem "Leuchtturm" für Gunzenhausen spricht Metzmacher in seinem Fazit. Die kleine Wohnung in Bahnhofsnähe sei laufend ausgebucht, das Renommee des Projekts reiche weit – Katharina Wittmanns Vorgängerin kam beispielsweise aus Niedersachsen – und in immer mehr Menschen reife ein Bewusstsein dafür, dass Hausärzte für unser Gesundheitssystem nicht weniger wichtig sind als Fachärzte. Nicht nur, aber gerade auf dem Land. 

KRISTY HUSZ E-Mail

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