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Gunzenhausen: Senioren sicher hinterm Steuer

Programm "Fit im Auto" in der Altmühlstadt in die Praxis umgesetzt - 02.05.2017 17:27 Uhr

Polizeihauptkommissar Harald Eckert assistierte beim rückwärtigen Rangieren, was alle teilnehmenden Senioren als am schwierigsten empfanden. © Kristy Husz


Bettys Blick ist aufmerksam auf den Hindernisparcours geheftet. Vor der 77-Jährigen wartet eine Reihe leuchtorangefarbener Kegel, denen sie mittels Slalomkurven ausweichen soll. Auf ein Zeichen von Fahrlehrer Markus Ortner drückt sie aufs Gaspedal, ihr dunkler Mercedes driftet – wie am selben Ort sonst die Kirchweihgondeln – mit Schwung von links nach rechts und zurück, die Verfasserin dieser Zeilen klammert sich vorsorglich an die Wagentür und sinnt über ein Szenario nach, das Ortner zuvor entworfen hat: Was, wenn zu heftig am Lenkrad gerissen und das Vehikel instabil wird?

Doch Betty hat ihren Pkw fest im Griff, sie gewinnt von Mal zu Mal an Selbstbewusstsein und Ehrgeiz hinzu und bewältigt die vorgegebene Route immer zügiger. Im Gegensatz zur tagtäglich hier ihr Unwesen treibenden Tuningszene wird der Festplatz aber nicht zur Erprobung des maximalen Gefährdungs-, Lärm- und Energieverbrauchspotenzials motorisierter Geschosse missbraucht. Niemand muss sich bedroht oder belästigt fühlen, während die souveräne Seniorin zusammen mit Altersgenossen in geschütztem Rahmen ihre persönliche Reaktionsfähigkeit testet und lernt, mit Dimensionen und Verhalten des eigenen Fahrzeugs richtig umzugehen.

"Fit im Auto" heißt das von Innenministerium, Fahrlehrerverbänden und Verkehrswacht initiierte, gänzlich neue Programm hinter dieser Übung. Qualifiziertes Personal wie das Team der Gunzenhäuser Fahrschule Schmidt oder Harald Eckert, Leiter der lokalen Polizeiinspektion, trainieren dabei mit der stetig wachsenden Schar älterer, körperlich meist eingeschränkter Menschen das sichere Fahren und machen sie rund 50 Jahre nach dem Erwerb des Führerscheins mit verkehrsrechtlichen und automobiltechnischen Neuerungen vertraut.

Reaktion lässt nach

Wie Roland Schmidt, Vorsitzender der Gebietsverkehrswacht Gunzenhausen und Fahrschulchef, im Theorieteil des Workshops erläutert, sind Rentner hinter dem Steuer nämlich unverhältnismäßig häufig Opfer tödlicher Unfälle. Bedeutendster Risikofaktor für solche Unglücke sind die typischen Alterserscheinungen wie schwindendes Seh-, Hör- und Bewegungsvermögen, ein nachlassendes Reaktionsvermögen sowie Schwierigkeiten beim Erfassen gefahrenträchtiger Situationen. Hinzu kommen Empfindungen wie Ungewissheit und Überforderung, die oftmals natürlich aus den genannten Beeinträchtigungen resultieren.

Die zwölf Seminarteilnehmer können davon beim lockeren Austausch im Kursraum ein Lied singen. Ihre Straßenerfahrungen als Ruheständler ähneln sich, und jeden plagen inzwischen gewisse Zipperlein, obwohl die einzelnen Biografien und Gründe, diese Weiterbildung zu absolvieren, unterschiedlicher nicht denkbar sind: Emma, Gerhard und Karl zum Beispiel haben als ehemalige Außendienstmitarbeiter oder Handwerker ordentlich Kilometer in den Knochen, seit der Pensionierung hat die Fahrpraxis und damit die Routine jedoch rapide abgenommen.

Ella ist ihre Unabhängigkeit, etwa bei Arztbesuchen, lieb und teuer, allerdings beobachtet sie auf bestimmten "Problemstrecken" mittlerweile ein ungewohntes Vermeidungsverhalten an sich. Klaus ist nach eigenen Angaben schleichend "zur Slow Motion übergegangen", wohingegen Irmgard regelmäßig ihren Mann fahren ließ und vor allem deshalb weniger Know-how hat, als sie eigentlich für gut befindet. Und Ulrich und seine Frau Brunhilde suchen zuvorderst Klarheit darüber, ob die Regeln, die ihnen einst beigebracht wurden, überhaupt noch so gelten.

Schwester Luise und Fahrlehrer Roland Schmidt bei einer klassischen Fahrschulszene. Über Land ging es unter anderem nach Laubenzedel und Büchelberg. © Kristy Husz


Allen gemeinsam ist der Wunsch nach bleibender individueller Mobilität, gerade auf dem Land. Um diesem Wunsch Rechnung zu tragen, läuft das Gros der fünfstündigen Veranstaltung denn auch im Auto ab, denn bekanntlich verankert sich Gelerntes bei unmittelbarer Anwendung am besten. Das Praxismodul am Schießwasen beinhaltet neben der anfangs erwähnten Slalomfahrt ein Wende- und Einparktraining, das zur genauen Auseinandersetzung mit den Maßen des eigenen Wagens zwingt: Wie weit muss man ausholen und wie weit das Lenkrad einschlagen, und ab wann sind die Pylone nicht bloß berührt, sondern umgenietet?

"Blechschäden" vorbeugen

Behindert von Gleitsichtbrille und steifer Wirbelsäule, muss man auf jeden Fall noch sorgfältiger aufpassen, um solchen "Blechschäden" vorzubeugen, darin ist sich das pensionierte Dutzend schnell einig.

Die Königsdisziplin auf dem Übungsplatz ist aber definitiv das Rangieren im Rückwärtsgang. Polizeihauptkommissar Eckert lotst seine unter der Genickverrenkung ächzenden Schäfchen geduldig und mit Humor zwischen im Eiswind zitternden Stecken hindurch, um bei aktiv gefällten Stangen augenzwinkernd zu kommentieren: "Der Fußgänger ist weg."

Parallel dazu bewegt sich die andere Hälfte des Kurses mit Fahrschulkarossen durch den öffentlichen Raum, bevor nach anderthalb Stunden und einer gesprächigen Brotzeit die Sitze mit der Gruppe am Kerwa-Areal gewechselt werden. Unter der Obhut von Roland Schmidt und Kollege Lars Perthel steuert die Generation 65plus hierbei manchen selbst vorgeschlagenen, kritischen Punkt an, wie den Doppelspiegel an der Einmündung des Bahnhofsplatzes in die Bahnhofstraße oder die bei jungen Fahrschülern ebenfalls berüchtigte Verkehrsinsel in Laubenzedel.

Heidi, bald 79, ist also nicht die Einzige, für die der dörfliche Fahrbahnteiler zur Herausforderung wird. Auf der Rückbank verfolgen währenddessen Luise (80), Hans (71) und der Altmühl-Bote (33) als "Prüfer" das Geschehen, was das Manövrieren zwar nicht entspannter macht, andererseits für sofortiges, hilfreiches Feedback aus Passagierperspektive sorgt. Zusammen mit der Expertenmeinung Schmidts erhält so jeder der drei Seniorchauffeure ein umfassendes Bild seiner Stärken und Schwächen und überdies kostbare Tipps für den Alltag mit dem Pkw.

Gemeinsame Bilanz

Nachdem die Hensoltshöhe-Diakonisse Luise unerwartet sportlich das Beschleunigungsverhalten von 150 Pferdestärken getestet und Hans’ defensiver, spritsparender Stil das Lob aller Wageninsassen gefunden hat, nähert sich der praktische Part seinem Ende. Ein zweites Mal versammeln sich die Seminarteilnehmer anschließend in der Fahrschule. Dort können sie bei Kaffee und Kuchen den Gesamtverlauf des aktionsreichen Workshops diskutieren, die Profis nochmals mit drängenden Fragen löchern und gemeinsam diese Veranstaltungspremiere bewerten.

Das Fazit der Fachleute ist durchweg positiv, und fehlende Kleinigkeiten wie Bremsübungen sollen beim nächsten Termin, der für Samstag, 8. Juli geplant ist, ergänzt werden. Die ersten Probanden des Freiwilligenprogramms "Fit im Auto" sind gleichermaßen zufrieden, sie haben stressfrei eine Menge nützlicher Informationen und vor allem "einen wesentlichen Grundstock für fahrtechnische Situationen" erworben, wie es Rentner Klaus formuliert.

Das Karambolagerisiko für ältere Menschen – und nicht nur diese – im Straßenverkehr lässt sich wohl bereits mit einigen der wichtigsten Fahrschulregeln deutlich reduzieren: früher schauen, mehr schauen, vorausschauend bei der Sache sein und den eigenen Kenntnisstand von Zeit zu Zeit auffrischen. Dadurch mildert man etwaige Handicaps am ehesten ab und bleibt im Idealfall lange, sicher und selbstbestimmt mobil.

Wer an dem Kurs am Samstag, 8. Juli Interesse hat, kann sich dafür beim

Verkehrswacht-Vorsitzenden Roland Schmidt anmelden, Telefon 09831/4759 oder E-Mail info@verkehrswachtgunzenhausen.de. Die Zahl der Teilnehmer ist im Sinn eines günstigen Betreuungsverhältnisses auf zwölf begrenzt. 

KRISTY HUSZ

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