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Gunzenhäuser Friedhöfe im Wandel der Zeit

Insgesamt neun letzte Ruhestätten gab es im Laufe der Jahrhunderte in der Altmühlstadt - 30.11.2018 06:12 Uhr

Das hölzerne Epitaph hing früher in der Kapelle des Friedhofs in der Bahnhofstraße/Osianderstraße und ist momentan im Stadtmuseum untergebracht. Es war Leonhard Wolf (gestorben 1622) gewidmet und zeigt seine gesamte Familie, wie Stadtarchivar Werner Mühlhäußer erläutert. © Tina Ellinger


Fragt man einen Gunzenhäuser, wie viele Friedhöfe es heute in der Kernstadt gibt, wird man wohl überwiegend die Zahl zwei als Antwort zu hören bekommen: den Alten Friedhof an der Sonnenstraße und den Neuen Friedhof an der Weinbergstraße. Doch gibt es noch einen dritten, der den meisten Einwohnern unbekannt ist: den jüdischen Friedhof an der Leonhardsruhstraße.

Im Laufe der Jahrhunderte verfügte Gunzenhausen sogar über neun Friedhöfe, erzählt Stadtarchivar Werner Mühlhäußer. Diese doch ziemlich große Anzahl letzter Ruhestätten mag auf den ersten Blick verblüffen, relativiert sich allerdings, wenn man bedenkt, dass die Altmühlstadt auf eine nahezu 1200-jährige Geschichte zurückblicken kann. Auf das Jahr 823 ist die erste urkundliche Erwähnung Gunzenhausen datiert.

Römisches Gräberfeld

Davor gab es bereits eine Siedlung in römischer Zeit, und sogar vor den Römern haben nachweislich schon Menschen hier gelebt und sind auch hier gestorben. Spuren derer Begräbnisse aus Bronze-, Urnenfelder- beziegungsweise Hallstattperiode (2000 bis 500 v. Chr.) sind jedoch nicht mehr vorhanden. Ebenso ist die Lage des römischen Gräberfelds, auf dem die stationierten Soldaten aus dem Numeruskastell am heutigen Kirchenplatz, deren Angehörige und Bewohner der römischen Zivilsiedlung bestattet waren, völlig unbekannt.

Die Aufnahme zeigt den ältesten erhaltenen Grabstein Gunzenhausens aus dem Jahr 1483, gestaltet für Kunz Wurm. © Stadtarchiv Gunzenhausen


Erste konkrete Hinweise auf einen Friedhof in Gunzenhausen erbrachten archäologische Grabungen des bekannten Vor- und Frühgeschichtsforschers Dr. Heinrich Eidam rund um den Kirchenplatz. Er fand dort in unterschiedlichsten Bodentiefen Unmengen an Skelettteilen. In über zwei Metern Tiefe entdeckte er die ältesten frühmittelalterlichen Bestattungen mit Grabbeigaben — Schläfenringe und Münzen — die laut Mühlhäußer ins 7. Jahrhundert zu datieren sein dürften.

Ebenso auf dem geschichtsträchtigen Areal des Kirchenplatzes, da wo auch das Benediktinerkloster "Gunzinhusir" stand, ist der kleine, eigene Klosterfriedhof für die verstorbenen Mönche zu vermuten. Beide Friedhöfe, der frühmittelalterliche wie der Mönchsfriedhof, sind aufgegangen im ersten städtischen Friedhof, der sich um die Kirche herum befand. Seine intensive, jahrhundertelange Nutzung mit Bestattungen von Generationen verstorbener Gunzenhäuser in mehreren Schichten übereinander, endete 1545.

Die Bevölkerung der Stadt hatte sich kontinuierlich so vergrößert, dass die Fläche des Gottesackers an der Kirche schlichtweg nicht mehr für die Toten ausreichte. So kamen die städtischen Entscheidungsträger auf die Idee eines Neubaus. Da dafür innerhalb der historischen Stadtummauerung keine ausreichende Freifläche zur Verfügung stand, entschied man, den neuen Friedhof in der so genannten Oberen Vorstadt zu errichten. Zwischen der heutigen Bahnhofstraße und der Osianderstraße — letztere führte übrigens früher die Bezeichnung "Leichenweg" — wurde ein großes Areal mit einer Maurer umfasst. Auch eine kleine Kapelle, 1618 wesentlich erweitert, entstand.

Erneut ein Platzproblem

Um 1875 wurde der Bau der Leichenhalle am heutigen Alten Friedhof in der Sonnenstraße in Angriff genommen. Die Anlage wurde 1876 ihrer Bestimmung übergeben. © Stadtarchiv Gunzenhausen


Mehr als 300 Jahre nach der Einweihung sah man sich wieder mit demselben Problem konfrontiert: Nachdem Tausende Menschen dort ihre letzte Ruhe gefunden hatten, war für weitere Bestattungen kein Platz mehr. Da jedoch im Laufe der Zeit in umittelbarer Nachbarschaft zum Friedhof zahlreiche Wohnhäuser errichtet worden waren, war eine Erweiterung an dieser Stelle nicht möglich. Wieder war der Bau eines neuen Friedhofs unumgänglich, und der Magistrat beschloss, die im Osten der Stadt zur Verfügung stehenden Grundstücke zu kaufen. Nach Abschluss der Bauarbeiten für umgerechnet 265 000 Euro wurde am 31. Dezember 1876 die Einweihung des jetzigen Alten Friedhofs an der Sonnenstraße begangen.

Zeitgleich endete damit die Belegung des bisherigen Friedhofs an der Bahnhofstraße.

Nach einer pietätvollen Wartezeit erfuhr das Areal zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine grundlegende Nutzungsänderung, indem es zum Stadtgarten umgewandelt und nun für die Lebenden zum beliebten und belebten Aufenthaltsort avancierte. Heute steht dort das Ärztehaus.

Schon nach relativ wenigen Jahrzehnten erwies sich der Friedhof aber wieder als zu klein. Obwohl freie Erweiterungsflächen zur Verfügung standen und auch mehrfach einbezogen wurden, sahen die Zukunftsperspektiven für eine dauerhafte Belegung nicht allzu günstig aus. Das hohe Bevölkerungswachstum vor allem nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs machte die Notwendigkeit eines weiteren Friedhofs in Gunzenhausen deutlich.

Dieser sollte im leichten Hanggelände des Weinbergs entstehen. Die 22 000 Quadratmeter große Gottesackerfläche des Neuen Friedhofs mit Kapelle, Leichenhalle und Wärterhaus wurde am 31. Juli 1966 eingeweiht und gewährleistet die Belegung für lange Zeit. Ein Grund dafür ist sicher auch, dass sich die Bestattungswünsche der Menschen — Urnengräber nehmen immer mehr zu — sehr verändert haben.

Eine Besonderheit stellte der kleine Spitalfriedhof dar. Wie lange er tatsächlich existierte, ist unbekannt. Bei Grabungen auf dem Gelände um die Spitalkirche stieß man aber auf Skelettreste. Offensichtlich wurden die Bewohner des Spitals, Pfründner genannt, eine Zeit lang dort beigesetzt.

Bestattung in Bechhofen

Neben den christlichen Friedhöfen gab und gibt es in Gunzenhausen zwei jüdische Friedhöfe. Der mittelalterliche Friedhof der jüdischen Bevölkerung erstreckte sich zwischen dem Haus Silo an der Bahnhofstraße, die Nürnberger Straße entlang bis etwa zur Schillerstraße. Der erste schriftliche Nachweis darauf findet sich laut Mühlhäußer im Jahr 1460. Seine Besonderheit bestand darin, dass gemäß markgräflicher Anordnung dort alle verstorbenen Juden des Fürstentums Brandenburg-Ansbach zu bestatten waren.

Da die Kapazitäten des Alten Friedhofs relativ schnell erschöpft waren, entschloss sich die Stadt, am Weinberg einen weiteren Gottesacker anzulegen — den jetzigen Neuen Friedhof. Das Foto entstand während der Bauarbeiten 1965. © Stadtarchiv Gunzenhausen


Mit Vertreibung der Juden aus dem Fürstentum im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts endete auch die Belegung dieses Friedhofs. Seine Grabsteine verwendete man offensichtlich als Baumaterial. Als sich wieder jüdische Menschen im Markgrafentum und damit auch in Gunzenhausen ansiedeln durften, fanden deren Beerdigungen auf dem jüdische Friedhof in Bechhofen statt.

Die Notwendigkeit eines eigenen Friedhofs in der Altmühlstadt ergab sich durch das stete Anwachsen und Blühen der hiesigen Kultusgemeinde, sodass am 26. August 1875 der zweite jüdische Friedhof feierlich eingeweiht werden konnte. Bis zur Vertreibung durch die Nationalsozialisten und deren Schändung des Friedhofs fanden dort in der Leonhardsruhstraße in Gunzenhausen nahezu 300 Tote ihre letzte Ruhe. 

TINA ELLINGER UND WERNER MÜHLHÄUSSER E-Mail

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