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Heidenheim: Flüchtlingsfamilie hofft auf Hilfe

Asylantrag wurde abgelehnt — Tochter benötigt Operation - 23.02.2019 17:22 Uhr

Margit Kleemann (hinten Mitte) versucht, der Familie Pomyshaieva aus der Ukraine zu helfen, damit sie wenigstens bis nach der Operation ihrer Tochter in Heidenheim bleiben kann. © Tina Ellinger


Aufgeschreckt durch den Russland-Ukraine-Konflikt, in dessen Folge es ab Frühjahr 2014 heftige militärische Auseinandersetzungen in ihrer Heimatstadt Mariupol gegeben hat, zogen Pavlo und Svetlana Pomyshaieva mit ihren fünf Kindern zunächst zu Verwandten nach Kiew. Dort aber konnten sie nicht lange bleiben, teilten sie sich die Wohnung doch mit neun weiteren Personen. Die Suche nach einer eigenen Bleibe und Arbeit blieb erfolglos — begründet auch dadurch, dass die beiden Russisch sprechen, wie sie erklären. Die Zustände seien vor allem für die Kinder schwierig gewesen: Vom Wohnhaus am Stadtrand aus hätten sie die schwere Artillerie im Blick gehabt und mussten ständig üben, wie sie am schnellsten im Keller Schutz finden,

Arbeit und Engagement

Schließlich entschied das Paar, in Deutschland Asyl zu suchen. So erzählen es die zwei in gut verständlichem Deutsch. Seit März 2015 sind sie in Heidenheim, haben Sprachkurse absolviert, engagieren sich in der Nähstube, beim Projekt "Interkulturelle Gärten in Heidenheim" und auch beim Bau des Kinderspielplatzes an der Gemeinschaftsunterkunft. "Die beiden sind immer da, wenn man sie braucht", betont Margit Kleemann. Die Kinder besuchen die örtlichen Schulen und Kindergärten.

Auch die Suche nach einer Arbeit verlief positiv: Im April 2016 trat der gelernte Autoschlosser eine Stelle bei der Firma Grillenberger Tief- und Straßenbau in Degersheim an. "Ich repariere alle Maschinen – von klein bis groß", sagt der 42-Jährige nicht ohne Stolz. Für seine Frau stehen die Chancen auf einen Job ebenfalls mehr als gut: Sie ist Krankenschwester und hat bereits eine Anstellung in Aussicht, wenn das jüngste der mittlerweile sieben Kinder etwas älter ist.

"Das sind genau die Leute, die wir hier brauchen", meint Margit Kleeman mit Blick auf den Mangel an Fachkräften und den viel zitierten Pflegenotstand. "Wir schaffen Gesetze, um Leute ins Land zu holen, und die zwei sind bereits hier integriert und wären bereichernd für unsere Gesellschaft."

"Er fehlt uns natürlich"

Unverständnis herrscht auch bei der Firma Grillenberger, die ihren ukrainischen Mitarbeiter gerne weiterbeschäftigen würde. "Er fehlt uns natürlich. Wir suchen dringend Leute, finden aber niemanden", sagt Gudrun Prosiegel vom Degersheimer Bauunternehmen Grillenberger. Sie erinnert sich an die Anfangszeit, als Pavlo Pomyshaieva fast kein Wort Deutsch sprach oder verstand. Chef und Kollegen hätten sich viel Zeit für ihn genommen und einigen Aufwand betrieben, "und jetzt, wo er gut Deutsch spricht, wird er weggeschickt. Wir könnten gut mit ihm arbeiten." Auf Dinge wie Integrationswillen und Arbeitsverhältnisse werde nach Ansicht von Margit Kleemann jedoch vonseiten der Behörde zu wenig geachtet, nur das Herkunftsland spiele eine Rolle.

Und genau hier hakt es: Die Ukraine galt damals zwar nicht als sicheres Herkunftsland, der Grund der Flucht reichte jedoch nicht aus, um Asyl zu erhalten. Gegen diesen ersten negativen Bescheid vom August 2016 klagte das Paar, doch auch dieser Einspruch wurde im August 2018 abgelehnt. Da Svetlana Pomyshaieva zu diesem Zeitpunkt schwanger war, wurde zugestanden, dass die Familie noch bis Ende des Mutterschutzes bleiben kann.

Mittlerweile ist auch diese Frist abgelaufen, Pavlo Pomyshaieva verlor zum 23. Januar seine Arbeitserlaubnis, sämtliche Ausweispapiere gelten nur noch bis 6. März. Bis dahin sollen die Dokumente für die beiden jüngsten Familienmitglieder von der ukrainischen Botschaft in München ausgestellt sein.

Dann müsste die Familie eigentlich ausreisen, was sie auch — schweren Herzens zwar, wie die Eltern zugeben — tun würde, bevor es zu einer Abschiebung kommt. Aber noch haben sie die Hoffnung auf Verlängerung ihres Aufenthalts nicht ganz aufgegeben: Grund ist ihre 13-jährige Tochter, die sich beim Fußballspiel schwer an der Hüfte verletzt hat und bereits viermal operiert werden musste. Ein bis zwei weitere OPs stünden noch aus, erzählt ihre Mutter. Der nächste Termin in der Cnopf’schen Kinderklinik in Nürnberg ist für den 18. April angesetzt.

Attest nicht anerkannt

Die behandelnden Ärzte haben dem Mädchen ein entsprechendes Attest ausgestellt, in dem eine weiterführende Behandlung in Deutschland als dringend notwendig erachtet wird. Das Verwaltungsgericht in Ansbach sieht das allerdings anders und verweist darauf, dass die Erkrankung bereits behandelt worden sei: "Die Gefahr, dass sich der in den Knochen eingebrachte Nagel verschiebt, ist eine allgemeine Gefahr und droht nicht akut aufgrund der Verhältnisse im Heimatland Ukraine", heißt es in dem amtlichen Schreiben, mit dem der Abschiebeschutz aus gesundheitlichen Gründen abgelehnt wird.

Auch die Härtefallkommission (ein Fachgremium, das aus dringenden persönlichen oder humanitären Gründen eine Aufenthaltserlaubnis an eigentlich ausreisepflichtige Ausländer erteilen kann) sieht keinen Handlungsbedarf. Es sei der Familie zuzumuten, zurückzukehren und von dort aus das Visumverfahren zu betreiben, ist in der entsprechenden Stellungnahme zu lesen.

Vertrauen in deutsche Medizin

"Wir möchten gerne bis zur OP hierbleiben", lautet die Bitte von Pavlo und Svetlana Pomyshaieva, deren Vertrauen in die medizinische Versorgung in der Ukraine nicht so groß ist wie in das deutsche Gesundheitssystem: "Das mit der Hüfte ist kompliziert, das muss doch richtig gemacht werden." Zudem kenne ihre Tochter die Klinik und die Ärzte bereits, was für solche Eingriffe von Vorteil sei. "In der Ukraine müssen wir komplett von vorne anfangen, brauchen eine Wohnung und Arbeit. Wir haben auch kein Auto für die Arztbesuche", gibt Pavlo Pomyshaieva zu bedenken.

Solche Operationen werden nur in Krankenhäusern in großen Städten durchgeführt, dort aber gebe es nach seiner Erfahrung keinen bezahlbaren Wohnraum für seine große Familie. Eine Freundin sei bereits in der Heimat für sie auf der Suche, hat bis jetzt aber nichts Passendes gefunden.

In Heidenheim dagegen würde es eine Wohnung für sie geben, das hat Margit Kleemann bereits organisiert. Auch von der Firma Grillenberger kommt grünes Licht: "Wir haben auf jeden Fall Arbeit für ihn", betont Gudrun Prosiegel. Am 6. März hat die Familie noch einmal einen Termin bei der Regierung von Mittelfranken in Ansbach und hofft auf ein positives Signal, wenigstens noch bis nach der Operation in Deutschland bleiben zu können. Sollten alle Stricke reißen, wollen Pavlo und Svetlana Pomyshaieva über ein Arbeitsvisum versuchen, wieder einreisen zu dürfen. "Wir möchten gerne in Heidenheim bleiben." 

TINA ELLINGER E-Mail

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