Corona-Beschränkungen

Hilferuf einer Psychotherapeutin: "Lasst die Kinder in Ruhe wachsen"

27.11.2021, 11:10 Uhr
Zuhause mit den Eltern im Homeoffice, weil Kitas und Schulen geschlossen sind: Vor allem Kinder leiden in der Corona-Pandemie darunter, wenn sie keine Gleichaltrigen treffen können.

Zuhause mit den Eltern im Homeoffice, weil Kitas und Schulen geschlossen sind: Vor allem Kinder leiden in der Corona-Pandemie darunter, wenn sie keine Gleichaltrigen treffen können. © Foto: imagoe images

"Nicht nur die Intensivstationen sind überlastet" - auch bei Kindern und Jugendlichen sei durch die Corona-Pandemie eine gesunde Entwicklung sehr gefährdet: Mit einem Hilferuf hat sich eine Gunzenhäuser Psychotherapeutin an die AB-Redaktion gewandt. Sie will den Kindern eine Stimme geben und hat klare Forderungen an Politik und Gesellschaft.

Seit zehn Jahren praktiziert die Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin Stephanie Strauß in Gunzenhausen. Doch was Corona und die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie bei ihren Patienten auslösten, habe sie in ihrer Laufbahn noch nicht erlebt: "Noch nie habe ich so viele zum Teil lebensbedrohliche Zustände und schwere Krisen gesehen wie im letzten Jahr. Unsere Kinder brauchen dringend wieder ihre gesunden, natürlichen Lebensräume, in denen sie sich entfalten, ausprobieren und normal entwickeln können", schreibt sie in ihrem Hilferuf.

"Gift für die Entwicklung"

Auf keinen Fall, sagt Strauß, dürften Schulen, Sport- oder Musikvereine wieder geschlossen werden. "Die Kinder und Jugendlichen brauchen Kontakt zu Gleichaltrigen, das können ihnen die Erwachsenen nicht bieten."

Und auch die Psychotherapie könne die Probleme nicht lösen, die sich aus Kontaktbeschränkungen ergeben oder dem kompletten Abtauchen in die virtuelle Welt mangels Alternativen. "Das ist Gift für die Entwicklung", sagt Strauß. Und: "Wir Psychotherapeuten sind keine Reparaturwerkstatt für gesellschaftliche Missstände."

Strauß fordert, dass die Erwachsenen den Kindern und Jugendlichen Orientierung in der Krise geben. Derzeit sei die Gesellschaft in einer Angstspirale gefangen. Dabei sollten doch gerade die Erwachsenen den Kindern lernen, wie man mit Krisen umgeht.

Dass das Corona-Virus die Menschen vor bisher nicht gekannte Herausforderungen stelle, will Strauß nicht gelten lassen "Krisen gibt es immer." In ihrer Arbeit habe sie täglich damit zu tun, seien es nun Trennungen, Gewalt, Mobbing in der Schule oder ein Todesfall in der Familie. Vielmehr sei es die Aufgabe der Erwachsenen, die Kinder an die Hand zu nehmen und ihnen zu zeigen, wie gutes Krisen- und Konfliktmanagement aussehe.

 Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin Stephanie Strauß.

 Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin Stephanie Strauß. © Foto: Christina Heinig

Um psychische Symptome zu lösen, empfehle die psychotherapeutische Fachliteratur unter anderem "soziale Kontakte und zum Beispiel Sport, Musizieren, Kreativität", sagt Strauß. "Doch alles, was helfen würde, dürfen die Kinder vielleicht bald nicht mehr machen, wenn Schulen oder Vereine wieder schließen." Die Kinder und Jugendlichen zahlten den größten Preis, obwohl sie das geringste Risiko darstellten.

Strauß will keinesfalls Querdenkern oder anderen Gruppierungen in die Hände spielen, betont sie. "Uns geht es um die Bedürfnisse und die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen."

Auch würde meist vergessen, das bisherige Verhalten der Kinder und Jugendlichen in der Pandemie zu loben. Klaglos hätten sie allein gelernt, auf Hobbys und Klassenfahrten verzichtet, auf Tanzkurse, Skifahren, Abschlussfeiern, sagt Strauß. "Für diese Leistung gab es bisher so gut wie keine Würdigung."

"Lasst unsere Kinder in Ruhe wachsen", appelliert Stephanie Strauß an Politik und Gesellschaft. Denn es seien die nachkommenden Generationen, die zukünftig die Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen sollen.

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