Mittwoch, 25.11.2020

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Hunde als Beschützer: Damit der Wolf keine Chance hat

In der Region ist der Einsatz von Herdenschutzhunden noch ungewöhnlich - 22.11.2020 07:48 Uhr

Zwei der Bergpyrenäenhunde liegen entspannt auf der Weide, während die Gotland-Pelzschlafe in Ruhe weiter fressen. Sind sie einmal an ihre Aufpasser gewöhnt, bleiben sie auch gelassen, wenn ein Wolf auftauchen sollte.

20.11.2020 © Foto: Isabel-Marie Köppel


Fünf beinahe hüfthohe Hunde preschen durch den Matsch, direkt auf die Gruppe Menschen zu. Das Gebell ist tief und laut. Selbst für jemanden, der sonst keine Angst vor Hunden hat und darauf vorbereitet war, dass gleich mehrere Pyrenäenberghunde um die Ecke stürmen, sind das mulmige Minuten.

Dann haben sich die Vierbeiner mit dem dichten weißen Fell und dem langen Körper beruhigt: sind neugierig, schnuffeln an den Händen und lassen sich hinter den Schlappohren kraulen. "Sie sind alle akzeptiert. Keiner wurde als Feind eingestuft", sagt Peter Dobrick in die Runde. Ihm gehören die Herdenschutzhunde, die er sich zur Bewachung seiner Schafe angeschafft hat. Dobricks 350 Jahre alter Hof befindet sich in Steinhart, einem Ortsteil von Hainsfarth.

Der 78-Jährige trägt klobige Schuhe, Latzhose und eine große Jacke, eine Schramme ziert seine Stirn. Wind und Wetter scheinen den weißhaarigen Mann geformt zu haben. Gleichzeitig strahlt er eine große Milde aus, schenkt seinen Zuhörern – und den Hunden – oft ein breites Lächeln. Dazu mischt sich eine gewisse Präsenz. Seine Wort wählt er mit Bedacht und spricht beinahe druckreif. Das rührt vielleicht von seinem früheren Beruf. Dobrick war Förderschullehrer und Psychotherapeut: "Und mit diesen Augen sehe ich die Welt, die Schafe, die Hunde und die Menschen an."

Ein Hof für alte und gefährdete Rassen

Bei Peter Dobrick und seinem "Wildensteiner Schafhof" gäbe es sicher viel zu entdecken. Die rund 70-köpfige Herde setzt sich aus Gotland-Pelzschafen, Braunen Bergschafen und den englischen Rassen Herdwick und Wensleydale zusammen. Zudem hält er ein paar Thüringer Waldziegen – alles alte, gefährdete, langsam wachsende Rassen. Doch sie spielen heute nur die Nebenrolle.

Die Hunde sind der Grund, weshalb sich an diesem Nachmittag sechs Leute auf seinem Hof eingefunden haben: zwei Jäger aus Hechlingen, Simone Buckel und ihr Vater Richard, der Wolfsbeauftragte des Landesbunds für Vogelschutz (LBV) Willi Reinbold, René Gomringer, der durch sein Schafbüro für den Bund Naturschutz hier ist, und Vertreter der Presse. Hofbesitzer Dobrick hat sie eingeladen, weil er über die Arbeit mit den Hunden aufklären möchte, die seine Schafe vor dem Wolf beschützen sollen. Deren Einsatz ist in unserer Gegend ungewöhnlich – noch zumindest.

Für ein Foto auf der Weide hat sich Peter Dobrick den zweijährigen Ewal geschnappt.

20.11.2020 © Foto: Isabel-Marie Köppel


Zudem gab es noch einen Anlass: Vor Kurzem kam es zu erheblichem Ärger mit Anwohnern und auch Jägern in Hechlingen am See. Dort am Ortsrand hat der Schafhalter eine Weide, die weit genug entfernt sei, sodass seine Hunde durch ihr Bellen niemanden störten. Allerdings waren sie samt Herde nun schon drei Mal außerhalb unterwegs, weil der Zaun beschädigt war, und Gerüchte machten die Runde, sagt Dobrick. Die Polizei bestätigt, dass Beamte wiederholt vor Ort waren. Zu den Gerüchten kam es, weil ein Jäger zeitgleich mehrere gerissene Rehe meldete. Es konnte aber nicht ermittelt werden, welcher Hund die Tiere gejagt hat. Hinweise, dass es Dobricks Herdenschutzhunde waren, gibt es nicht, so die Polizei.

Laut ihres Besitzers wurde der Zaun jedes Mal durch Fremdeinwirkung geöffnet. Einmal hat ihn vermutlich ein Reh eingerannt, das zweite Mal konnte nicht geklärt werden und das letzte Mal wurde er laut Aussage eines Landwirts touchiert. Der Hechlinger Jäger Richard Buckel konnte keine Gefahr durch die Pyrenäenhunde ausmachen. Natürlich sei dadurch etwas Unruhe im Revier entstanden, aber "die Hunde sind in Ruhe den Wald entlang gelaufen und haben nicht gejagt".

Dafür breitet sich in Deutschland ein anderer Jäger weiter aus. 173 Wolfsreviere gibt es derzeit, sechs davon befinden sich in Bayern (Stichtag 30. April). Sie werden von Einzeltieren, Paaren oder einem Rudel beansprucht. Im Schnitt ist eines 250 Quadratkilometer groß, weiß Reinbold. Im Vorjahr waren es 158 Reviere. Als wirkungsvollstes Mittel gegen das Raubtier benennen die beiden Fachmänner einen korrekt angebracht Elektrozaun, der genügend Strom führt, in Verbindung mit Herdenschutzhunden. Entscheidend ist der Bereich 20 Zentimeter über dem Boden, damit der Räuber nicht unten durchschlüpfen kann. Wozu es dann noch einen Hund braucht?


Lehrgang: So können Herdenhunde vor Wölfen schützen


"Der Wolf darf nicht springen lernen", lautet die Antwort von Gomringer. Körperlich sei das Tier dazu zwar in der Lage, aber es handle sich um kein natürliches Verhalten, sondern um eines, das erst erlernt werden muss. In Deutschland hätten nur ganz wenige Wölfe diesen Trick im Repertoire. Sind Herdenschutzhunde im Einsatz, wird ein Wolf nicht auf die Idee kommen über den Zaun zu hüpfen.

Wolf hat sich in der Nachbarschaft niedergelassen

Hier in der Region ist zwar noch keiner sesshaft, aber die Raubtiere streifen umher. So fotografierte eine Wildkamera einen Wolf vor zwei Jahren im östlichen Landkreis Donau-Ries, erinnert sich Willi Reinbold. Und erst jetzt, Mitte November, lieferte ein Kotfund den genetischen Beweis: In der Nachbarschaft, im westlichen Landkreis Eichstätt, hat sich ein Wolf niedergelassen, berichtet der 68-Jährige. Anfang Mai wurde das Raubtier erstmals gesichtet und seither mehrfach fotografiert. Zu diesem kommt noch ein neues Revier im Allgäu hinzu, sodass die Zahl in Bayern seit dem 30. April nun auf acht angewachsen ist.

Bis ein Wolf in seine Nähe kommt, so lange wollte Peter Dobrick nicht warten: "Mir graust es vor der Szene – ich komme raus und sehe die Tiere, die ich vorher gepflegt und versorgt habe, zermetzelt auf der Weide liegen." Nicht der finanzielle Schaden wäre für ihn das Schlimme, sondern der emotionale. Andere Schäfer hätten ihm das schon geschildert.

Während die Runde plaudert, halten immer zwei bis drei der Pyrenäenberghunde – übrigens eine französische Rasse – Abstand. Irgendwann macht Dobrick darauf aufmerksam und erklärt, dass das nicht von Ängstlichkeit zeugt: "Dieses unterschiedliche Verhalten ist erwünscht. Ein Teil bleibt im Hintergrund und beobachtet die Situation, der andere ist mit der Kontaktaufnahme beschäftigt."

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Das sind Herdenschutzhunde und ihre Aufgaben

Peter Dobrick will gut vorbereitet sein: Um seine Herde vor einem Wolfsangriff zu schützen, setzt der Schafhalter aus Steinhart auf Pyrenäenberghunde. Was genau Herdenschutzhunde tun, was sie von einem Hütehund unterscheidet und wie man sich ihnen gegenüber verhält, darüber klärt der 78-Jährige auf.


Die Hunde müssen sich in ihren Rollen ergänzen. Sie sind 23 Stunden am Tag alleine bei den Schafen. Es ist sehr wichtig, dass Herdenschutzhunde selbstständig arbeiten – ohne einen Schäfer. Das sei der entscheidende Unterschied zu einem Hütehund, der darauf trainiert ist, ständig gefallen zu wollen und deshalb Befehle braucht. Bei Herdenschutzhunden ist dieses Verhalten absolut nicht gewollt: "Wenn sie auf ihren Namen hören und ins Auto reinspringen, reicht das vollkommen", sagt Dobrick.

In Altmühlfranken und im Donau-Ries gab es bisher keinen Schafhalter, der Herdenschutzhunde einsetzt, der näheste befindet sich in Greding, erzählt Schafexperte Gomringer. Deshalb könne man Dobrick durchaus als Pionier bezeichnen. Zum ersten Mal kam Peter Dobrick im Herbst 2017 mit einem Pyrenäenberghund in Kontakt. Damals hatte der Rinderverband auf einen Hof eingeladen. Dort begegnete er Django zum ersten Mal. Und bereits im Dezember war die Entscheidung gefallen: Auch er will Herdenschutzhunde. So kam es, dass der befreundete Rinderhalter ihm Django gab, als er davon hörte.

Herdenschutzhunde entwickeln verschieden Charaktere

"Bevor ich Hunde hatte, habe ich nicht gewusst, dass sie so unterschiedliche Charaktere entwickeln. Ich bin ganz gerührt davon", schwärmt der 78-Jährige. Mittlerweile besitzt er zwölf Pyrenäenberghunde und ist unter die Züchter gegangen: Django, Packo, Ewal, Amira und Merle mit den sieben Welpen – Dobricks erstem Wurf. Erst als er deren Namen erwähnt, wird klar, dass die "Welpen" drei der Hünen sind, die zu Beginn auf den Hof gestürmt sind.

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"Die Hunde wachsen schnell, aber von der Psyche her sind sie erst mit zwei Jahren fertig", erklärt Dobrick. Geboren werden Herdenschutzhunde im Stall, das sei wichtig für die Sozialisierung: "Bevor sie riechen oder hören können, sind die Schafe da. Sie sind deren erste Umwelterfahrung." Befände Dobrick sich in einem ausgewiesenen Wolfsgebiet, würde er eine einmalige Förderung von 3000 Euro pro Hund bekommen.

"Wenn der Wolf da ist, ist es aber eigentlich schon zu spät. Haben Schafe einmal Wolfserfahrung ist es ganz schwierig noch mit Hunden anzufangen", sagt René Gomringer. Denn die Herdentiere unterscheiden nicht zwischen einem Hund und einem Wolf. Sind sie jedoch an Herdenschutzhunde gewöhnt, herrsche eine enge Bindung zwischen ihnen und die Schafe begegnen auch anderen Raubtieren gelassener. "Sie bleiben ruhig und fressen weiter", weiß der 67-Jährige.

Eine Vorstellung davon bekommt man beim Besuch einer Weide in der Nähe von Unterappenberg (Gemeinde Megesheim), der zum zweiten Teil der Zusammenkunft gehört. Bewusst schickt Dobrick die sechs Fremden voraus, um einen unverfälschten Eindruck vom Verhalten der Hunde zu bekommen. Auch diese drei bellen laut, als sie den Trupp erblicken, laufen den Zaun auf und ab und konzentrieren sich dann auf den Punkt, wo alle stehen bleiben.

Die Rollenaufteilung ist dabei noch nicht perfekt, bemerken die beiden Experten Gomringer und Reinbold. Allerdings ist der Lehrmeister, der zweijährige Ewal, selbst noch sehr jung und die beiden "Welpen" sind sowieso noch in der Ausbildung. Falls das Trio nicht zusammen funktionieren würde, hätte Dobrick genügend Hunde, um die Konstellation zu ändern. Das ist auch einer der Gründe, warum man mehrere braucht – ein Schäfer muss die Beschützer wechseln können und die Austauschbarkeit fördern. Auf 200 Schafe brauche es mindestens zwei Hunde, weiß Gomringer. Die Anzahl richte sich aber auch nach der Größe der Weide oder nach der Übersichtlichkeit des Geländes.

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Wer an einer Weide mit Herdenschutzhunden vorbeikommt, sollte zügig vorbei gehen, den Abstand vergrößern, die Tiere nicht füttern oder streicheln, bittet Dobrick eindringlich. Fahrradfahrer sollten zudem absteigen und Hundebesitzer ihre Vierbeiner anleinen. Man brauche sich nicht vor den Pyrenäenhunden zu fürchten, denn sie bleiben hinter dem Zaun. Damit das aber so bleibt, dürfe die Gefahr, also alles, was von außen kommt, nicht stehen bleiben oder gar über den Zaun langen, so der Schafhalter. Zudem dürfen sie nicht zutraulich werden.

Dobrick liegt es sehr am Herzen, über die Arbeit mit Herdenschutzhunden aufzuklären und für Verständnis zu sorgen. Deshalb hat er zu dem Treffen eingeladen. Ihm ist jeder Besucher willkommen, der mehr über die Schafe und die Hunde erfahren will.

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