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Donnerstag, 24.09.2020

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Im Seenland im Gespräch, im Allgäu schon gebaut: Ein Center Parc

Ein Gespräch mit dem Leutkircher Gemeinderat Gottfried Härle über die Ferienanlage - 09.08.2020 08:06 Uhr

Der Center Parc Allgäu entstand auf einem ehemaligen Munitionsdepot. Seit Herbst 2018 ist die Ferienanlage in Betrieb. Unser Bild entstand in der Bauzeit.

© Felix Kästle/dpa


Seit kurzem sorgt das Thema für viel Diskussionen: Center Parcs will offensichtlich einen neuen Anlauf im Fränkischen Seenland starten und scheint sich für das Muna-Gelände bei Langlau, direkt am Brombachsee gelegen, zu interessieren. Bereits 2009 wollte das Unternehmen eine Ferienanlage in der Heide, dem großen Waldgebiet bei Dennenlohe errichten, hatte diese Pläne dann aber fallenlassen und stattdessen ein ehemaliges Munitionslager bei Leutkirch im Allgäu ins Visier genommen. 

Herr Härle, Der Center Parc Allgäu feierte im Oktober 2018 seine Eröffnung, allerdings geriet der Start etwas holprig, 400 der ersten 2800 Urlauber reisten gleich wieder empört ab. Was war passiert?

Gottfried Härle: Der Start war in der Tat etwas schwierig. Das hing damit zusammen, dass die Bauphase sehr kurz bemessen war und in der Eröffnungszeit technische Probleme auftauchten, unter anderem beim Fernwärmesystem. Die Anlage musste noch einmal kurzfristig geschlossen werden, seitdem läuft der Betrieb aber relativ reibungslos.

Mit 1000 Ferienhäusern und Platz für 4000 bis 5000 Gäste ist auf dem 180 Hektar großen Gelände quasi ein neuer Stadtteil aus dem Boden gestampft worden. Dagegen regte sich in der Stadt Leutkirch, auf deren Gebiet der Park steht, so gut wie kein Widerstand, im Gegenteil: In einem vom Gemeinderat initiierten Bürgerentscheid sprachen sich weit über 90 Prozent der Bürger dafür aus. Eine solche Zustimmungsrate ist bei Großprojekten nicht unbedingt üblich, wie ist sie zu erklären?

Das ehemalige Munitionsdepot wurde vor 15 Jahren geschlossen. Zunächst sollte dort ein Industriegebiet entstehen mit einem großen Sägewerk, diese Pläne waren in Leutkirch heftig umstritten. Ein Bürgerentscheid fiel dennoch knapp für das Industriegebiet aus, aber dank der Finanzkrise 2008 wurde das Projekt dann nicht mehr verfolgt, das Sägewerk war in finanzielle Schieflage geraten.

Es gab damals große Befürchtungen, dass das Industriegebiet sehr viel Verkehr, vor allem Lkws, mit sich bringt. Für die Bevölkerung war der Ferienpark dagegen eine richtige Erleichterung. Diese Vorgeschichte ist wichtig, wenn es um die Akzeptanz geht.

Gottfried Härle ist Fraktionsvorsitzende des Grünen-nahen Bürgerforums Leutkirch und sitzt seit 31 Jahren im Gemeinderat der baden-württembergischen Stadt Leutkirch.

© Felix Kaestle


Aber 5000 an- und abreisende Gäste bringen doch auch erheblichen Verkehr mit sich.

Jetzt zu Corona-Zeiten merkt man davon nicht viel. Im vergangenen Jahr war der Park aber zumindest zu den Ferienzeiten ausgebucht. Das Verkehrsaufkommen war an den An- und Abreisetagen – montags und freitags – etwas erhöht, aber es hält sich sehr in Grenzen. Wir haben aber natürlich den Vorteil, dass der Park direkt in der Nähe einer Autobahnausfahrt liegt, von dort sind es nur etwa fünf bis sechs Kilometer bis zur Ferienanlage.

Die einen haben sich mehr Geschäft erhofft, die anderen überlaufene Wanderwege befürchtet. Wie sieht es denn nun tatsächlich aus, bleiben die Gäste denn eher im Park oder gehen sie auch raus in die Umgebung?

Bisher beobachten wir, dass die Mehrzahl der Touristen im Park bleibt und dort auch ihren Urlaub verbringt. Es gibt einen kleineren Anteil, der Ausflüge macht, wie hoch der ist, kann ich jedoch nicht genau sagen. In Leutkirch merkt man schon, dass zunehmend Gäste in die Stadt kommen. Gastronomie und Teile des Einzelhandels profitieren durchaus, allerdings sind die Gaststätten deshalb aber nicht überlaufen. Das gastronomische Angebot im Park selbst ist relativ teuer.


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Befürworter von Center Parcs argumentieren immer wieder mit der Wertschöpfung für die regionale Wirtschaft. Wie sieht es damit im Allgäu aus, sind die örtliche Unternehmer in der Bauphase zum Zuge gekommen?

Teils, teils. Im Hochbaubereich sind etwa die Bodenplatten für die Häuser von örtlichen Unternehmen gefertigt worden. Das Zentralgebäude wurde von einem großen Bauunternehmen aus der Region erstellt. Mit den Fliesenarbeiten in der Wasserwelt wurde ein örtliches Unternehmen beauftragt. Die Ferienhäuser sind Fertighäuser, die wurden komplett angeliefert. Ein Teil der örtlichen Handwerker hat profitiert, aber ein Großteil der Wertschöpfung blieb nicht in der Region.

Und wie sieht das bei der Verpflegung der Gäste aus, kommen die örtlichen Metzger und Bäcker zum Zug?

Die Gastronomie im Park ist an Areas verpachtet, das ist ein Großkonzern mit sieben Milliarden Umsatz. Die betreiben unter anderem die Autobahnraststätten in Frankreich und Italien. Dort werden nur am Rande heimische Firmen berücksichtigt. Eine Bäckerei aus Isny beliefert den Park, die meisten anderen Lebensmittel kommen nicht aus der Region.

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Ein Center Parc braucht per se eine Menge Wasser, produziert aber auch viel Abwasser. Musste Leutkirch hier seine Infrastruktur erweitern?

Unsere Wasserversorgung ist so leistungsstark, dass wir das auffangen können. Das gilt auch für die Abwasserversorgung, auch unsere Kläranlage ist groß genug. Das ist natürlich ein Glücksfall, sonst wäre es vielleicht schwierig geworden.

Hat Center Parcs das Gelände selbst von den Altlasten befreit?

Ja. Was noch an potentiellen Altlasten vorhanden war, haben sie selber beseitigt. Center Parcs hat dafür aber einen Zuschuss im einstelligen Millionenbereich vom Land Baden-Württemberg bekommen.

Auch die vielen neuen Arbeitsplätze werden gerne als Argument für eine solche Anlage herangezogen. Wie sieht das in Leutkirch aus?

Von den knapp 1000 neuen Arbeitsplätzen ist nur ein relativ kleiner Teil mit Leuten direkt aus der Region besetzt worden. Der größere Teil entfällt auf den Dienstleistungsbereich, also Reinigung und Service. Hier arbeiten sehr viele Menschen aus den Balkanländern. Diese Arbeitskräfte waren in der Region aber auch gar nicht verfügbar, wir haben Vollbeschäftigung.

Die heimische Gastronomie musste unter den vielen neuen Stellenangeboten nicht besonders leiden, das Personal konnte größtenteils gehalten werden. Viele Menschen arbeiten doch lieber in einem Familienbetrieb als für einen Großkonzern. Da hat sich hier am Arbeitsmarkt eigentlich relativ wenig bewegt.


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Die Abstimmung vor elf Jahren im Gemeinderat fiel sehr eindeutig aus, die ganz große Mehrheit votierte für das Projekt. Wie haben Sie damals gestimmt?

Ich habe dafür gestimmt, für mich war ganz wichtig, dass dieses Industriegebiet nicht kommt. Und auch der Bürgerentscheid war ausschlaggebend, die Bevölkerung steht ja hinter dem Projekt.

Ich halte diese Form des Tourismus unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten für vertretbar. Die Familien – sie kommen größtenteils aus Deutschland – fliegen schon nicht in andere Länder. Ob einem das Angebot gefällt, muss jeder für sich selber entscheiden.

Aber es ist eine einigermaßen ökologisch verträgliche Art, Ferien zu machen. Die Gäste reisen mit dem Auto an, kommen nicht von allzu weit und fahren vor Ort kaum bis gar nicht Auto. Ökologisch ist das eindeutig besser als eine Flugreise. Zudem ist der Center Parc ein Ganzjahresangebot, die Leute müssen auch im Novemer nicht nach Ägypten fliegen. Das war für mich ein ganz wichtiges Argument.

Und Sie würden heute wieder so stimmen?

Ja. Das einzige, wo wir als Stadt hätten mehr Einfluss nehmen sollen, ist der Energiesektor. Der hätte wesentlich umweltfreundlicher gestaltet werden können, der Energieverbrauch im Park ist ja nicht unerheblich. Momentan wird überwiegend mit fossilen Energieträgern geheizt. Erneuerbare Energien kommen kaum zum Einsatz.

Ein anderer wichtiger Punkt ist das Umfeld des Parks, hier muss man sehr darauf achten, dass sich keine zusätzliche Unterhaltungsindustrie ansiedelt. Das haben wir bisher verhindern können.

INTERVIEW: MARIANNE NATALIS E-Mail

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