Impfstoffmangel: Das derzeit größte Problem in den Hausarztpraxen

12.6.2021, 09:17 Uhr
Nur noch acht Fläschchen Biontech im Kühlschrank: Für die  Hausarztpraxen, sagt Dr. Marc Metzmacher, ist nicht das Impfen als solches das Problem, sondern der fehlende Impfstoff.

Nur noch acht Fläschchen Biontech im Kühlschrank: Für die  Hausarztpraxen, sagt Dr. Marc Metzmacher, ist nicht das Impfen als solches das Problem, sondern der fehlende Impfstoff. © Marianne Natalis, NN

Es ist das erste Mal, berichtet Metzmacher, dass einer seiner Patienten einen Impftermin hat verfallen lassen. Einen zweiten wird er nicht bekommen, der Hausarzt fährt hier eine klare Linie: Wer eine Impfung verpasst, bekommt keine mehr. Denn der derzeit so begehrte "Stoff" ist immer noch sehr rar. Die Astrazeneca-Fläschchen für diese Woche waren schon Mitte der Woche verimpft, für die noch verbleibenden Tage hat der Mediziner gerade mal noch acht Fläschchen Biontech im Kühlschrank. Andere Vakzine, wie etwa Moderna, hat er bisher nicht erhalten.

Praxen tragen die Hauptlast

"Wir verhungern am ausgestreckten Arm", kommentiert Metzmacher die Tatsache, dass die Hausärzte zu wenig Impfstoff bekommen. Die Kapazität, mehr zu impfen, hätte nicht nur seine Praxis, sondern auch alle Kollegen, ist der Allgemeinmediziner überzeugt. Die "Hauptbelastung" haben nach seinen Worten derzeit sowieso die Medizinischen Fachangestellten, sie müssen die Terminvergabe managen, deshalb ständig telefonieren und müssen dann noch Patienten beruhigen, die sich über die schlechte Erreichbarkeit ärgern.

Auch die Diskussion um das in der Öffentlichkeit - zu Unrecht, wie Metzmacher findet - in Verruf geratene Vakzin Astrazeneca werde nicht in den Impfzentren, sondern in den Praxen geführt. Auch hier gibt es für Metzmacher keine Frage: Über 60-Jährige bekommen bei ihm Astrazeneca oder gar nichts. Und für dieses etwas rigorose Vorgehen hat er auch eine gute Begründung: "Ich mute keinem Elternteil zu, dass er seiner Tochter den Impfstoff wegnimmt." Es gehe hier schließlich um "soziale Gerechtigkeit".

"Wir haben die Argumente"

Ebenso wenden sich Menschen, die sich nicht sicher sind, ob sie sich überhaupt gegen das Corona-Virus immunisieren lassen sollen, in der Regel an den Hausarzt - und nicht an das Impfzentrum. Für diese Überzeugungsarbeit seien die Praxen aber auch der richtige Platz, denn "wir haben die Argumente" dafür, warum das Impfen so wichtig ist. "Die niedergelassene Ärzteschaft trägt ganz erheblich zur Impfmotivation bei", weiß der Gunzenhäuser Mediziner.


Chefarzt zur Corona-Lage in Altmühlfranken: "Wir haben ein bisschen Glück gehabt"


Geht es nach Metzmacher, dann wären Impfzentren überhaupt nicht notwendig gewesen. Diese Arbeit hätten von Anfang an die niedergelassenen Ärzte übernehmen können. Einzig die Tatsache, dass der Impfstoff von Biontech bei Minus 80 Grad gelagert werden musste, lässt er als Begründung gelten. Das hätte sich sich schon noch kurzer Zeit gegeben, inzwischen hält sich das Vakzin von Biontech bei Minus 20 Grad bis zu vier Wochen.

Von daher sieht er der für Ende September angepeilten Schließung der Zentren gelassen entgegen. Auch die dritte Impfung kann seiner Meinung nach problemlos von den Hausärzten abgewickelt werden - die Vorbeugung gegen die Grippe werde schließlich auch alljährlich geschultert.

Online-Buchung möglich

Derzeit werden in seiner Hausarztpraxis wöchentlich rund 100 Menschen geimpft, etwa 60 Prozent seiner Patienten haben mindestens eine Dosis erhalten. Von den über 60-Jährigen haben mittlerweile sogar fast alle das Vakzin erhalten. Mittlerweile sei auch eine online-Buchung möglich.

Die Impfbereitschaft ist "vernünftiger Weise relativ groß". Schließlich sei die Entscheidung ja nicht für oder gegen das Vakzin. Die Wahl sei vielmehr die Impfung oder in den nächsten zwei Jahren an Covid 19 zu erkranken. Und darüber müsse man sich dann ebenso wenig wundern wie ein Raucher, wenn er Lungenkrebs bekommt.

Ob auch Kinder immunisiert werden sollen, das ist nach Metzmachers Worten "nichts, was wir jetzt entscheiden müssen". Denn das Risiko, dass Kinder schwer an Covid 19 erkranken, sei sehr gering. Sinnvoll sei es, wenn ein Elternteil wegen einer Krankheit nicht geimpft werden könne. Aber Kinder zu impfen, um das Infektionsrisiko für Impfverweigerer zu verringern, das "ist ethisch zu diskutieren".


Den Nachwuchs impfen lassen? Das sagen Frankens Kinderärzte


Viel wichtiger ist laut Metzmacher, dass weltweit geimpft wird, denn nur so sei die Pandemie in den Griff zu bekommen. Deutschland, die EU und wer sonst noch dazu in der Lage ist, müssten den Ländern des globalen Südens den Impfstoff zur Verfügung stellen, fordert der Arzt. In Deutschland seien Milliarden für "viel Krampf" ausgegeben worden - er denkt dabei an schlechte Masken oder überteuerte Schnelltests - da müsse das möglich sein. Zumal das Vakzin nicht der Anteil sei, der das Impfen teuer mache.

Nach dem elektronischen Impfpass gefragt, muss Metzmacher lachen. Natürlich "würden wir die ausstellen", aber sicher nicht von jetzt auf gleich. Wer ihn wolle, müsse seinen Impfpass abgeben und könne ihn dann am nächsten Tag wieder abholen, kann er sich ein mögliches Prozedere vorstellen. Noch stehe hier aber viel in den Sternen.

Die Aufhebung der Priorisierung hatte übrigens zu keinem größeren Andrang geführt. Die meisten Leute wüssten ja, wie es um den Nachschub an Impfstoff bestellt ist und hätten sie sowieso schon vorher auf die Liste setzen lassen. Metzmacher, dessen Praxisteam komplett geimpft ist, ist übrigens optimistisch, dass in Deutschland eine Impfquote von über 70 Prozent erreicht werden kann.

Keine Kommentare