Sonntag, 18.04.2021

|

Kalbensteinberg: Idyllisches Kleinod im Seenland

Das Dorf besticht mit Kirchenkunst, Kirschen und köstlichen Erzeugnissen - 17.02.2017 18:30 Uhr

Zirkuskamel Iwan verbringt seinen Lebensabend auf dem Gnadenof, gut versorgt von Dominik Schubert, dem ehemaligen Zirkusdirektor.

17.02.2017 © Babett Guthmann


Das dritte K ergibt sich aus der traditionellen Verwertung von Ernteüberschüssen, die im Paradies des Obstanbaus regelmäßig eingefahren werden: Der "Original Kalber" ist ein im Dorf gebrannter Obstbrand mit einem besonders hohen Alkoholgehalt von 50 Prozent. Gleich zwei Brennereien gibt es in Kalbensteinberg und beide garantieren: Für die vier Obstbrände —Apfel, Zwetschge, Kirsch und Birne — werden nur heimische Früchte verwendet.

K wie Kirche

Kalbensteinberg ist eng verknüpft mit der Geschichte einer Nürnberger Patrizierfamilie, den Rieters. Über Jahrhunderte hinweg kauften die Oberhäupter dieser Kaufmannsfamilie Höfe hinzu und waren schließlich die unumstrittenen Herren von Kalbensteinberg. Ihre Wappenfigur, eine Melusine oder Meerjungfrau, die ihre beiden Fischschwänze in den Händen hält, ist in der St.-Marien-und-Christophorus-Kirche, den Stiftern zu Ehren meist "Rieter-Kirche" genannt, und an zahlreichen Fassaden im Ort gegenwärtig.

Im Jahr 1464 wurde im Auftrag von Paulus Rieter mit dem Bau der Kirche begonnen, finanziert durch Ablassbriefe. Im frühen 17. Jahrhundert war es dann der Sammelleidenschaft des Hans Rieter Nummer neun (Hans war ein beliebter Vorname in der Familie) zu verdanken, dass die Kirche sich heute als kleines Museum spätmittelalterlicher und barocker Kirchenkunst präsentiert. In einem wahren "Shopping-Wahn" bestückte Hans Rieter die Kirche unter anderem mit der heute international bekannten Ikone, "Theodorus-Bild" genannt, sowie mit einer 56 Szenen aus dem Leben Marias und Jesu zeigenden Bilderbibel und vielen weiteren Kunst- und Kirchenschätzen – oftmals von Nürnberger Künstlern gefertigt.

Eine Idylle wie aus dem Bilderbuch empfängt den Besucher Kalbensteinbergs. Die Ortsansicht wird dominiert von der „Rieter-Kirche“, die eine reiche Nürnberger Patrizierfamilie einst gestiftet hat.

17.02.2017 © Babett Guthmann


Thomas Müller, der mit seiner Familie derzeit das Mesneramt übernommen hat, kennt all die Wappen der Rieter-Familie, die besagter Hans Nummer neun wieder in der damals bereits evangelisch-lutherischen Kirche aufhängen ließ, und die einst zur Auffrischung der fantasiereich angelegten Familienlegende der Rieters nützlich waren. Thomas Müller macht auf den mit einem Netz gesicherten Kirchturm aufmerksam und spricht die anvisierte Generalsanierung des Turmes an: "Für uns Kalbensteinberger ist diese Kirche ein uns anvertrautes Erbe, um dessen Erhalt wir uns kümmern müssen", betont er.

Dass die Pflege eines reichen Erbes nicht immer ganz einfach ist, lässt sich am Ballkleid einer gewissen Anna Catharina von Lindenfels festmachen. Ihre Mumie lag jahrhundertelang mit einem Ballkleid bekleidet in der Rieter-Kirchengruft. Der Legende nach soll sie sich im zarten Alter von 18 Jahren bei einem Ball in Triesdorf zu Tode getanzt haben und wurde deshalb mit diesem Tanzkleid in Kalbensteinberg bestattet. Derzeit befindet sich das Kleid im Freilandmuseum in Bad Windsheim im Depot, da sich erst ein Sponsor für die Restaurierung finden muss.

K wie Kirschenland

"Die Kalbensteinberger betreiben die Kirschenzucht mit Herzblut und verwenden einen Teil ihres Jahresurlaubs, um bei der großen Kirschenernte dabei zu sein!" Thomas Müller, der bei der Touristik-Information Absberg beschäftigt ist, kennt das Obstbaugebiet um Kalbensteinberg wie seine Westentasche und empfiehlt, den Ort unbedingt von der "Schokoladenseite", von Fünfbronn aus, anzufahren. Auch im Winter sorgen hier die Altbestände mit den Kirschbaum-Riesen und die jüngeren Plantagenbäume für eine malerische Kulisse. Anfang Mai, zur Kirschblüte, taucht man dann ein in ein Meer weißer Blüten.

Zwischen Reckenberg und Reichelsberg erstreckt sich das Kalbensteinberger Obstland mit mehreren tausend Bäumen. Früher prägten auch die langen Hopfenstangen das Bild, doch der Hopfenanbau liegt in den letzten Zügen. Dominierend sind die Kirschbäume, auch Äpfel, Birnen, Zwetschgen und Mirabellen finden hier ein ideales Terrain.

Theo Ballenberger ist der letzte Hopfenbauer im Ort und führt dazu einen großen Obstbaubetrieb mit eigener Sortieranlage. Im Angebot hat er die gängigen Marktsorten, aber auch den modernen Durstlöscher-Apfel "Mairac" oder eine "Gräfin von Paris" – eine Winterbirne — bietet er in der Saison bei seinem Hofverkauf an.

Die Süßkirschen machen einen gewichtigen Teil der Produktion aus, und wie alle professionellen Obstbauern setzt auch Theo Ballenberger auf neue Sorten, wobei der Trend zu immer größeren und sehr festfleischigen Kirschsorten geht. Um dies zu demonstrieren, zeigt er eine Messschablone: Früher gab es viele Kirschen mit einem Durchmesser von 20 oder 22 Millimetern, eine heute gut verkäufliche Süßkirsche darf gerne einen Durchmesser von 32 Millimetern, also eigentlich eine ordentliche Zwetschengröße, haben. Solche dicken Kirsch-Kracher werden im Direktverkauf vermarktet oder gehen zur Verwertungsgenossenschaft nach Igensdorf in die Fränkische Schweiz.

Obstbauer Theo Ballenberger zeigt eine Messschablone für Kirschen.

17.02.2017 © Babett Guthmann


Im Obsthof helfen alle Familienmitglieder mit und gerade bei der Süßkirschenernte sind Elke und Theo Ballenberger froh um die Unterstützung durch ihren Sohn Nico sowie die Senioren Gudrun und Hermann Ballenberger. So ist es auch bei den anderen Kirschbauern in Kalbensteinberg, und Thomas Müller kann berichten: Während der Kirschernte von Ende Juni bis Mitte Juli sieht man auch Senioren wacker mithelfen, von denen man eigentlich dachte, sie wären längst zu alt und zu schwach für solche Arbeiten.

Kirschen ernten hält offenbar jung! Der eigene Kirschgarten gehört bei den Alteingesessenen zum Familienbesitz, und natürlich stehen auch rund ums Haus die Kirschbäume, manche scheinen geradezu in die Fenster hineinzuwachsen. Kein Wunder, dass kürzlich ein dorfeigenes Kirschenkochbuch erschienen ist. 131 Rezepte sind dort gesammelt, in denen die Kirschen als Zutat nicht fehlen dürfen – vom exotisch anmutenden Kirsch-Ketchup bis zum traditionellen "Kerschermännla".

Überhaupt sind die Kalbensteinberger recht findig, was die Verwertung des Obstes angeht. 2012 und 2013 wurde das Mosthaus des Obst- und Gartenbauvereins mit viel Eigenbeteiligung renoviert und die Vereinsvorsitzende Evi Zottmann-Reichard kann sich auf ihr Most-Team mit Silke und Michael Barthel, Stefan Müller und Jürgen Wiesinger verlassen. Im September und Oktober kann man hier sein Obst anliefern und erhält seinen eigenen, frischgepressten Saft in praktischen Big-Bag-Behältern.

Die Kirschen setzen auch Akzente im Kalbensteinberger Festkalender: das Kirschblütenfest am 1. Mai und mitten in der Kirschenernte das Kirschhoffest am letzten Juni-Wochenende. Hier hat dann die amtierende Kalbensteinberger Kirschkönigin Christina Barthel wichtige Auftritte.

K wie "Kalber" Obstbrand

„Ich mag keinen Schnaps“: Mit diesem Satz kommt man bei Schnapsbrenner Jürgen Wiesinger nicht durch.

17.02.2017 © Babett Guthmann


Gleich zwei Schnapsbrennereien gibt es in Kalbensteinberg. Eine davon betreibt der örtliche Gartenbauverein Kalbensteinberg und Umgebung. Stolze 600 Liter "Kalber Apfel", "Kalber Zwetschger", "Kalber Kerscher" und "Kalber Bierer" werden Jahr für Jahr gebrannt. Das Besondere an diesen klaren Obstbränden ist ihr hoher Alkoholgehalt: Statt der üblichen 42 Prozent kommen die geschmacklich hochwertigen Edelbrände auf 50 Prozent.

Jürgen Wiesinger ist Schnapsbrenner in der dritten Generation und nicht nur den Umgang mit der Destille hat er von seinem Vater Fritz Wiesinger übernommen, auch dessen Talent fürs Geschichtenerzählen hat er geerbt. Bei den legendären Schnapsproben, zu denen man sich als Gruppe anmelden kann, erzählt er Wissenswertes über das seit 1912 betriebene "Kalber Schnapshaus" und erläutert die Produktpalette der Brennereigenossenschaft. Neben den berühmten Kalber Klaren serviert er Fruchtliköre, die Dessertweine "Brombachseer Bergapfel" und "Brombachseer Bergkirsch" und — wenn er nicht ausverkauft ist – auch einen Glühwein namens "Brombachseer Kirschfeuer" und seit der vergangenen Glühweinsaison auch "Brombachseer Apfelfeuer".

Da die Kalbensteinberger und ihre Schnapsproben-Gäste es nicht schaffen können, die 600 Liter allein zu trinken, werden einige Lebensmittelläden in der Region, eine Getränkehandlung und umliegende Gastwirtschaften beliefert. Gerade der regionale Glühwein ist ein Verkaufsschlager und im vergangenen Jahr wurden 8000 Liter verkauft – auch an den Weihnachtsmärkten in Gunzenhausen, Spalt und Treuchtlingen wurde diese Spezialität ausgeschenkt.

Der große Obstbauer Theo Ballenberger betreibt die zweite Brennerei in Kalbensteinberg. Er hat aus eigenem Obstbau auch noch einen Quitten-, einen Mirabellen- und den äußerst seltenen Speierling-Brand zu bieten. Der Speierling ist ein Verwandter der Elsbeere und seine Früchte spielen beispielsweise bei der Veredelung des Hesssischen "Appelwoi" eine Rolle. Zum Speierling und seinen Früchten kann Theo Ballenberger allerhand erzählen, genauso wie über die Zollvorschriften und das damit verbundene Branntweinmonopol. Überhaupt sind die beiden Kalbensteinberger Schnapsbrenner sehr unterhaltsame Geschichtenerzähler und überzeugende Verkäufer.

So kommt man bei Jürgen Wiesinger mit dem Statement "Ich mag keinen Schnaps!" nur schwer durch: "Dann mögen Sie halt Dessertwein!", kontert er, und nach einer Kostprobe des "Echt Brombachseer BergApfel" muss man zustimmen und versteht auch die Juroren bei der Weltmesse für Apfelweine in Frankfurt, die das Regionalprodukt aus Kalbensteinberg zu den drei besten Sherry-Produkten gekürt haben. Den Unterschied zwischen "Appelwoi" und Apfelsherry versteht die Testtrinkerin zwar immer noch nicht, aber "Prost – egal!".

K wie Kamel

Seit Mitte 2013 beherbergt Kalbensteinberg einen Gnadenhof für Zirkustiere. Auch "Iwan", ein Zirkuskamel, verbringt hier seinen Lebensabend. In seiner aktiven Zeit gehörte "Iwan" zum traditionsreichen Zirkus der Nürnberger Artistenfamilie Schubert. Bis ins Jahr 1479 lassen sich die Spuren der Zirkusfamilie zurückverfolgen, Dominik Schubert war mit einer Pferdedressurnummer sogar einmal beim internationalen Circus Festival von Monte Carlo vertreten, doch als sich die Ränge des 2000-Mann-Zeltes nur noch spärlich füllten, beschloss Zirkusdirektor Dominik Schubert, aufzuhören, und zog mit seinen schlauen Zirkustieren aufs Land.

"Ich wollte alle Tiere behalten und in Kalbensteinberg sind wir gut aufgenommen worden", betont er. Rund 30 Tiere – Pferde, Ponys, Esel, Schafe, ein Lama, ein Gänserich, Hunde und der freundliche "Iwan" – stehen bei Dominik Schubert im Stall, und auf dem Areal gibt es auch noch ein Tierschau-Zelt. Besucher seien am Kalber Gnadenhof immer willkommen, betont der ehemalige Zirkusdirektor. Gerne werden auch Heu und Stroh als Spende angenommen.

Gelegentlich gibt es noch kleine Engagements für die Zirkus-Rentner, zum Beispiel haben die Tiere in Nürnberg bei einer lebenden Krippe einen Einsatz oder im Sommer beim Streichel-Zirkus "Central" an der Absberger Badehalbinsel. All seine Tiere seien sehr schlau und könnten mit ein wenig Übung ihre alten Zirkusnummern noch vorführen, ist Dominik Schubert überzeugt. Nur der Gänserich, der im Stall frei herumläuft und versucht, Eindruck auf die Besucher zu machen, sei nicht gerade ein Könner. Er gehörte zur Ausstattung eines Zauberers und hatte die Aufgabe, sich wegzaubern zu lassen und an anderer Stelle wieder aufzutauchen.

K wie Krippenbauer

Eine besonders detailreich ausgestattete Krippe ist in der Advents- und Weihnachtszeit in der Rieter-Kirche zu sehen. Der im Ort ansässige Krippenbauer Erich Reif hat sie auf Anregung des damaligen Ortspfarrers Friedrich Zenner angefertigt und sich das schöne Fachwerkhaus aus der Nachbarschaft der Kirche zum Vorbild genommen. Das im Jahr 1612 errichtete ehemalige Wirtshaus passt gut in die Szene: Vor der Tür steht der Wirt und macht deutlich, dass kein Platz mehr in der Herberge sei. Die eigentliche Krippenszene findet sich dann im benachbarten Stall. An den Weihnachtsmärkten in Spalt und Großbreitenbronn verkauft Erich Reif heute noch seine fränkischen Krippen, die er getreu nach dem Auftrag des Franz von Assisi anfertigt: "Bauet die Krippen zum Lobe des Herrn, aber bauet sie nach eurer Heimat".

Bei den vielen Kirchenschätzen in der Rieter-Kirche verliert der Besucher leicht die Orientierung und in einer stillen Nische ist die "tränenreiche Madonna" leicht zu übersehen. Diese Marienfigur aus Terrakotta verfügt über ein Wasserreservoir am Kopf, das befüllt werden kann; unter günstigen Bedingungen tritt das rötlich verfärbte Wasser dann in der Augengegend wieder aus. In alten Zeiten wurde die Madonna wohl als verehrungswürdiges Mysterium behandelt, heute sind die Kalbensteinberger evangelisch und die Madonna ist derzeit außer Betrieb.

 

BABETT GUTHMANN E-Mail

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Kalbensteinberg