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Mittwoch, 12.08.2020

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Kreuzgangspiele mit Abstand

In Feuchtwangen startete eine schwierige Theatersaison - 05.07.2020 06:01 Uhr

Abstand halten – das gilt auch auf der Bühne der Kreuzgangspiele – präsentiert wird mit „Passionen“ ein Theatererlebnis für Pandemie-Zeiten.

© Babett Guthmann


"Eine große kommunale Leistung!", betonte Intendant Johannes Kaetzler, der sich freute, das Publikum nun zur Sonderspielzeit 2020 begrüßen zu können. Mit den "Passionen", angelehnt an Giovanni di Boccaccios Novellensammlung "Decamerone", wollen die Feuchtwanger bis zum 16. August sieben Wochen dem Publikum Songs und Geschichten bieten. Jede Woche neu, jede Woche unter einem anderen Hashtag vereint. Am Auftakt der "Passionen" steht der "#Welt" im Fokus.

Boccaccio, der heute als Wegbereiter der Novellendichtung gilt, erlebte, wie im 14. Jahrhundert die Pest in Florenz wütete: Leichen über Leichen "wie Stapelware in einem Schiffsrumpf". Im "Decamerone" thematisierte er diese Epidemie, erzählte, wie das Sterben und die Bedrohung durch die Krankheit die Menschen und ihr Zusammenleben veränderte, sie furchtsam und abweisend machte und sich mitunter Vater und Mutter weigerten, ihre eigenen erkrankten Kinder zu pflegen.

Eine Gruppe junger Adeliger beschließt, vor der Pest auf ein toskanisches Landgut zu fliehen. Dort könnte man nun weiter grübeln und das Scheitern aller ärztlichen Ratschläge und das Fehlen jedweder Arznei bedauern, doch die jungen Leute beschließen: "Wir freuen uns des Lebens!". Um die heißen Stunden des Tages mit Unterhaltung zu füllen, wird jeweils eine Königin oder ein König bestimmt, der die übrige Gesellschaft mit Geschichten unterhalten darf. Und eben aus jenem Geschichtenschatz, gesammelt im "Decamerone", schöpfen die Akteure in Feuchtwangen.

Lebensbeichte verdreht die Fakten

Sie erzählen von Cepparello von Prato, einem Verbrecher und Betrüger. Diebstahl und Raub, Meineid, Völlerei und Falschspiel – Cepparello hat keine Schandtat ausgelassen. Als er als Geldeintreiber unterwegs bei zwei burgundischen Brüdern Station macht, erkrankt er schwer. Um dem unweigerlich drohenden Höllenfeuer zu entkommen, lässt er einen Mönch rufen. In einer amüsanten Lebensbeichte verdreht er alle Fakten, und sein Leben erscheint so makellos, dass der Mönch ihm nicht nur die Absolution erteilt, sondern auch ein Begräbnis im Hof des Klosters verspricht. Bald sind die Menschen überzeugt: Cepparello muss ein Heiliger gewesen sein!

40 Jahre lang führe er nun schon Regie, und in dieser ganzen Zeit habe er gedacht, man dürfe im Theater machen, was man wolle, erzählt Johannes Kaetzler zum Saisonauftakt. Genau dies gelte in dieser Saison nicht: Abstand halten gelte nämlich nicht nur im Zuschauerraum, sondern auch für die 18 Akteure auf der Bühne. So beugt sich der Beichtvater eben nicht hinunter zum todkranken Cepparello, sondern lauscht in gebührender Entfernung. Die jungen Adeligen demonstrieren ihre Freude, dem verseuchten Florenz entkommen zu sein, aber jeder für sich. Wie Schachfiguren auf einem überdimensionierten Spielfeld lassen Regisseur Johannes Kaetzler und die Dramaturgin Maria Wüstenhagen ihre Darsteller agieren. Jeder steht für sich, und da ist es schon manchmal schwer, Interaktion verständlich zu machen. Da wird "Dancing cheek to cheek" gesungen und über eine Distanz von vier Metern hinweg geturtelt.

Andererseits ist genau dies das Besonders an dieser szenischen Interpretation des Decamerone: Alles, was auch die mit einer Reihe und drei freien Stühlen Abstand platzierten Zuschauergrüppchen erleben, spiegelt das Ensemble auf der Kreuzgangbühne. Dass dann nach den vielen bewegenden und von ganz unterschiedlichen Sängerinnen und Sängern interpretierten Songs und nach der zweiten Geschichte des Abends, der Ringparabel, dennoch begeistert applaudiert wird, das ist vom Publikum eine große Reflexionsleistung. Der übliche Funke, der bei einer gelungenen Aufführung überspringt, hat es in Corona-Zeiten schwer. Doch genau das haben die Theatermacher in Feuchtwangen mit ins Spiel eingearbeitet.

Ein Neuling trumpft groß auf

Als Zugabe bei der Premiere nochmals gewünscht: Joseph Reichelt sang „Eldorado“ von Udo Lindenberg.

© Babett Guthmann


Und dann sind da ja auch noch solche individuellen Schauspiel- und Gesangsleistungen wie die vom Feuchtwangen-Neuling Joseph Reichelt. Er spielte mit einem mit allen Wassern gewaschenen Cepparello und sang sich mit dem Lindenberg-Song "Eldorado" in die Herzen der Zuschauerinnen und Zuschauer. Nicht entgehen lassen, dieses nur 2020 mögliche Theatererlebnis!

InfoTermine und Themen der "Passionen" in Feuchtwangen: #Welt noch Samstag und Sonntag (4. und 5. Juli) um 20.30 Uhr.

Passionen Zwei #Glück: Donnerstag, 9. Juli, Freitag, 10. Juli, Samstag, 11. Juli und Sonntag, 12. Juli, jeweils um 20.30 Uhr.

Passionen Drei #Wünsche: Donnerstag, 16. Juli, Freitag, 17. Juli, Samstag, 18. Juli und Sonntag, 19. Juli, jeweils um 20.30 Uhr.

Passionen Vier #Herzschmerz: Donnerstag, 23. Juli, , Freitag, 24 Juli, Samstag, 25. Juli, jeweils um 20.30 Uhr. Zusätzlich Samstag, 25. Juli, um 18.30 Uhr.

Passionen Fünf #Klugheit: Donnerstag, 30. Juli, Freitag, 31. Juli, Samstag, 1. August, Sonntag, 2. August und Sonntag, 12. Juli, jeweils um 20.30 Uhr. Zusätzlich Freitag, 31. Juli, um 22.30 Uhr,.

Passionen Sechs #Paare: Donnerstag, 6. August, Freitag, 7. August, und Sonntag, 9. August, jeweils um 20.30 Uhr. Samstag, 8. August, um 18.30 Uhr und um 21 Uhr.

Passionen Sieben #HappyEnd: Freitag, 14. August, Samstag, 15. August, Sonntag, 16. August, um 20.30 Uhr. Zusätzlich Freitag, 14. August, um 22.30 Uhr.

Information und Kartenbüro unter 09852/90444 oder karten@kreuzgangspiele.de

BABETT GUTHMANN E-Mail

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