"Die Patienten werden jünger"

Kritische Lage: Die Intensivstationen am Klinikum Altmühlfranken sind voll

Jürgen Eisenbrand
Jürgen Eisenbrand

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21.11.2021, 06:57 Uhr
Ein Covid-Patient auf der Intensivstation in Gunzenhausen: Pfleger Peter Deitigsmann kümmert sich um ihn. Im Krankenzimmer herrscht ein niedrigerer Luftdruck, der verhindern soll, dass Corona-Viren nach draußen entweichen.

Ein Covid-Patient auf der Intensivstation in Gunzenhausen: Pfleger Peter Deitigsmann kümmert sich um ihn. Im Krankenzimmer herrscht ein niedrigerer Luftdruck, der verhindern soll, dass Corona-Viren nach draußen entweichen. © Foto: Jürgen Eisenbrand

Auf dem langen Flur herrscht konzentrierte Betriebsamkeit, Pflegekräfte eilen von Zimmer zu Zimmer, tragen Infusionsflaschen und anderes Gerät hin und her. Auf einem Monitor kontrollieren Dr. Marc Gutsche und Stationsleiter Peter Deitigsmann den Gesundheitszustand ihrer Patienten, als plötzlich eine zarte, in einen grünen Kittel gehüllte Gestalt mit OP-Haube und Plexiglas-Visier an ihnen vorbeihuscht.

Nein, sagt die junge Frau entschieden, sie habe jetzt keine Zeit für ein Gespräch, sie müsse sich um einen Patienten kümmern, bei dem die Sauerstoff-Sättigung im Blut gerade abgesackt sei. Dann öffnet sie die schwere Schiebetür, an der deutlich sichtbar eine Warntafel prangt. Denn dahinter liegt einer von vier künstlich beatmeten Corona-Patienten, die auf der Intensivstation des Klinikums Altmühlfranken in Gunzenhausen derzeit betreut werden. Dazu kommen 18 Infizierte auf der Normalstation.

In Weißenburg waren es Mitte der Woche acht "normale" und zwei beatmete Corona-Patienten, am Donnerstagmorgen waren somit beide Intensivstationen mit jeweils acht Patienten voll belegt – in Gunzenhausen zur Hälfte, in Weißenburg zu einem Viertel mit Covid-Fällen. Aber das seien Zahlen, die sich von Tag zu Tag ändern könnten, sagt Gutsche, der Chefarzt für Anästhesie und Intensivmedizin.

"Kollaps der Intensivmedizin"

Etwas anderes habe sich bereits geändert: "Unsere Patienten werden jünger", hat Peter Deitigsmann festgestellt. Auf der Intensivstation lägen jetzt zumeist Menschen zwischen 30 und 60 – "solche gab es bislang praktisch gar nicht bei uns". Chefarzt Gutsche teilt seine Klientel derzeit grob in zwei Patientengruppen ein: "Unter 60 und ungeimpft – und über 60, geimpft, aber eben auch schwer vorerkrankt."

Alles im Blick: Chefarzt Dr. Marc Gutsche und Stationsleiter Peter Deitigsmann (im Vordergrund) überwachen die Patientendaten per Bildschirm auf dem Gang der Intensivstation.

Alles im Blick: Chefarzt Dr. Marc Gutsche und Stationsleiter Peter Deitigsmann (im Vordergrund) überwachen die Patientendaten per Bildschirm auf dem Gang der Intensivstation. © Jürgen Eisenbrand, NN

Und der erfahrene Mediziner macht kein Hehl daraus, dass seiner Ansicht nach der Höhepunkt der vierten Corona-Welle noch lange nicht erreicht ist: "Wenn die Entwicklung so weitergeht", sagt er mit Blick auf derzeit bundesweit mehr als 50 000 tägliche Neuinfektionen, "dann droht ein Kollaps der Intensivmedizin in Deutschland."

Derzeit behandelten er und sein Team aus elf Ärzten und 24 Pflegekräften "jene Patienten, die sich Mitte Oktober infiziert haben". Seitdem sind die Inzidenzwerte in ungeheurem Tempo gestiegen, was Gutsche zu einer düsteren Prophezeiung veranlasst: "Die Intensivstationen werden volllaufen."

Intensivbetten wegen Personalmangel gesperrt

In Deutschland gebe es etwa 28.000 Intensivbetten – im Vergleich zu anderen Staaten ein guter Wert, sagt Gutsche. Davon sind derzeit etwa 3300 belegt, was sich "zunächst nicht besonders dramatisch anhört", wie er selbst einräumt. Aber: "3000 dieser Betten können wegen Personalmangels überhaupt nicht betrieben werden, mehr als die Hälfte der deutschen Kliniken mussten deshalb einen Teil ihrer Intensivbetten sperren."

Im Bereich der hiesigen Leitstelle, die in Schwabach sitzt und die Landkreise Roth und Weißenburg-Gunzenhausen sowie die Stadt Schwabach betreut, sei "Gunzenhausen von allen Krankenhäusern am stärksten mit Covid-Patienten belegt", sagt Gutsche. Das Problem: Während andere Patienten häufig nach nur wenigen Tagen die Intensivstation verlassen könnten, betrage die durchschnittliche Verweildauer eines Covid-Patienten wegen seiner zumeist lang anhaltenden Störung der Lungenfunktion 28 Tage. "Das ist sehr belastend", sagt der Chefarzt – für Patient und Pflegekräfte.

Dass viele der Ungeimpften gar nicht auf seiner Station liegen müssten, wenn sie sich hätten impfen lassen, betrachtet Gutsche, so sagt er, nüchtern-professionell: "Wir haben auch andere Patienten, die unvernünftig sind, beispielsweise Raucher." Ein ungeimpfter Corona-Patient werde deshalb "genauso behandelt wie jeder andere", sein Schicksal löse eher Betroffenheit über sein Schicksal aus als Wut.

Klinikum hat auch "Notfall-Versorgungsauftrag"

Gutsche betont, dass das Klinikum Altmühlfranken ja auch einen "Notfall-Versorgungsauftrag" für die Region zu erfüllen habe: Auch Unfallopfer, Herzinfarkt-Patienten und Menschen mit schweren Frakturen "haben ein Anrecht auf Versorgung", sagt er. Und er betont: "Wir sind nach wie vor aufnahmebereit."

Achtung, Corona-Patient: Auf den Schiebetüren zu den Covid-Zimmern sind Warnschilder angebracht.

Achtung, Corona-Patient: Auf den Schiebetüren zu den Covid-Zimmern sind Warnschilder angebracht. © Foto: Jürgen Eisenbrand

Aber angesichts der Corona-Zahlen sei die "Versorgung vor Ort stark gefährdet". Weshalb auch hier bereits begonnen wurde, medizinisch nicht dringend notwendige, sogenannte elektive, Operationen zu verschieben, um Kapazitäten auf der Intensivstation nicht unnötig zu blockieren. Worauf die meisten Patienten "verständnisvoll reagieren, auch wenn die Situation natürlich belastend für sie ist".

Dass die Lage derzeit in Altmühlfranken noch vergleichsweise gut ist, verdanken die Verantwortlichen auch und vor allem dem Pflegeteam. Während anderswo immer mehr Intensivpfleger an den Arbeitsbedingungen verzweifelten und abwanderten, habe man hier "großes Glück", sagt Gutsche: "Je größer die Belastung, desto wichtiger ist es, dass ein Team funktioniert."

"Die Pfleger sind die tragende Säule der Station"

Dass das am Klinikum Altmühlfranken der Fall sei, zeige schon die Tatsache, dass noch immer alle Planstellen besetzt seien. "Wir haben ein altersmäßig gut aufgestelltes Team aus jungen und erfahrenen Kräften, das "toll kooperiert" – und deshalb eine geringe Fluktuation, sagt der Chefarzt: "Die Pfleger sind die tragende Säule der Station, sie sind die, die die Arbeit machen", gerät er förmlich ins Schwärmen.

Ein Loblied, in das Pflegedirektorin Aleksandra Kahrs nahtlos mit einstimmt ("ein tolles Team!"), aber sie warnt auch: "Die Kollegen sind am Limit!" Weshalb sie sich – wie auch Gutsche und Stationsleiter Deitigsmann – dringend wünschen, dass sich die Rahmenbedingungen für die Arbeit in der Pflege verbessern.

Dabei gehe es "nicht unbedingt um mehr Geld", sagt Kahrs, wichtiger sei mehr Personal, um die Arbeitsbelastung des Einzelnen reduzieren zu können. Sie selbst stelle "jeden ein, der Interesse hat", aber der Markt an Fachkräften sei schlichtweg leergefegt.

"Es wird schlimmer werden"

Eine Entwicklung, die auch einem Mentalitätswechsel bei jungen Menschen geschuldet sei, glaubt Intensivmediziner Gutsche: Die legten heute einfach mehr Wert auf eine ausgeglichene Work-Life-Balance, wollen mehr Zeit für Familie und Kinder haben", sagt er. Früher sei klar gewesen, dass der Beruf Priorität habe, aber so sei nun einmal die "neue Realität, und darauf muss sich der Arbeitsmarkt einstellen".

"Die junge Generation hat einfach ein anderes Verständnis vom Job", hat auch Guido Nüßlein beobachtet, der seit 30 Jahren als Intensivpfleger tätig ist. Und er fragt sich nicht ohne Sorge: "Wie kriege ich die Jungen in einen Dreischichtbetrieb, wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen?"

Derzeit laufe es, sagt Stationsleiter Peter Deitigsmann, auf der Intensivstation "noch einigermaßen gut". Aber mit Blick auf den nahenden Winter warnt er auch: "Es wird schlimmer werden." Er habe keine Angst vor den nächsten Monaten, "aber großen Respekt. Denn Covid wird viele erwischen, auch Pflegepersonal." Und wenn jemand ausfalle, müssten andere einspringen, "und das geht an die Substanz". Zumal die vierte Welle, wie es Gutsche formuliert, "auf ein bereits sehr beanspruchtes Pflegeteam traf". Deitigsmann spricht treffend von einem "Marathon ohne Ende", den er und seine Kolleginnen und Kollegen zu absolvieren hätten.

"Die Impfungen haben uns bislang gerettet"

Um diese Höchstleistung auch tatsächlich erfolgreich absolvieren zu können, haben Gutsche und Kahrs – neben den genannten Rahmenbedingungen – noch einen weiteren großen Wunsch; nicht an die Politik, sondern an die Bevölkerung: Lassen Sie sich impfen!

"Die Impfungen haben uns bislang gerettet", ist Dr. Marc Gutsche überzeugt. Wie auch davon, dass die Immunisierung weit besser ist als ihr Ruf. Einen absoluten Schutz gebe es nie, der sei auch nie versprochen worden – auch wenn dies bei vielen Menschen, der Politik und Teilen der Medien so angekommen sei. Aber: "Eine Impfung verringert die Wahrscheinlichkeit einer schweren Krankheit und einer Behandlung auf einer Intensivstation um den Faktor sechs!"

Deshalb appelliert auch Pflegedirektorin Kahrs beinahe flehentlich: "Wir sind gerne für euch da. Also tut bitte auch etwa für uns und lasst euch impfen und boostern. Denn nur dann können wir euch auch weiterhin helfen."

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