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Loriot-Klassiker begeistern in Gunzenhausen

Vergnügliche Erinnerungen an zahlreiche unsterbliche Szenen - 05.08.2018 17:42 Uhr

Frau Hoppenstedt (Julenka Werkmeister, Mitte), Hausfrau und Mutter, absolvierte im vollen Falkengarten ihr Jodeldiplom, damit sie später mal "was Eigenes" hat. © Fotos: Kristy Husz


Dass es gelingen kann, bewies auf Einladung der Stadt das aus den letzten Jahren von den Muhrer Altmühlsee-Festspielen bekannte Ensemble der Volksbühne Michendorf im Markgräflichen Hofgarten. Trotz Hundstagehitze war der Freilichtspaß unter der Regie von Philipp Lang hervorragend besucht; Loriot zieht also noch, egal in welcher Fassung. Das Original kopierte man zum Jubel der textsicheren Zuschauer so genau wie möglich – und blieb dennoch so frei wie nötig bei der individuellen Ausgestaltung des Loriot’schen Kultfiguren-Panoptikums.

Gewissenhaft wie kaum jemand hat der Satiriker und Cartoonist aus Brandenburg die gestörte Kommunikation zwischen Mann und Frau, die Tücke des Objekts sowie die Absurdität mancher Gesellschaftsregeln beobachtet und in Sternstunden der TV-Unterhaltung verwandelt. Fast keine seiner Schöpfungen darf beim Abstecher der ebenfalls in Brandenburg beheimateten Theatertruppe nach Gunzenhausen fehlen: ob Erwin "Lotto" Lindemann, der selbstverliebte Bundestagsabgeordnete Werner Bornheim, der von seiner Gattin um den Feierabend gebrachte Hermann ("Ich möchte einfach hier sitzen.") oder Opa Hoppenstedt, der für Enkelkind Dickie ein Spielzeug-Atomkraftwerk ersteht.

Jodeldiplome, Frühstückseier, Kosakenzipfel und Nudeln haben ihren ausgiebig belachten Auftritt, es geht auf die Rennbahn, zur Paarberatung und zum Anstandsunterricht, und bei einem der Highlights des Abends natürlich mit Dr. Klöbner, Herrn Müller-Lüdenscheidt und Gummiente in die Badewanne. Diesen ursprünglich als Zeichentrick veröffentlichten Sketch füttern Hartmut Kühn und Jens Ulrich Seffen köstlich mit einer Extraportion Fleisch und laufen als stoischer Ehemann, eitler Verehrer mit Pasta auf der Nase ("Hildegard, sagen Sie jetzt nichts!") oder entflammter Trikotagen-Direktor auch sonst zur Höchstform auf.

In den unentbehrlichen Handlangerrollen macht mit Eric Naumann der Jüngste im Team Lust auf mehr, während Tina-Nicole Kaiser und Julenka Werkmeister unter anderem als genervte oder hysterische Ehe-Xanthippen glänzen. Und dann wäre da ja noch der Zungenbrecher-Parademoment der Fernsehgeschichte, wenn Kaiser gleich zu Beginn zusammenfasst, was in dem 16-teiligen englischen Flimmerkistenkrimi "Die zwei Cousinen" bisher geschah – zwar bar der hanseatischen Spröde und steinernen Mimik der Hamann, dafür aber mit Meisterlispeln.

Direktor Melzer (Jens Ulrich Seffen), Fräulein Dinkel (Tina-Nicole Kaiser) und die mit Tücken behaftete Liebe im Büro.


Nicht minder stimmig die Kleinigkeiten, die so eine Veranstaltung erst groß machen. Das fängt bei der passend gestalteten Speisekarte an und hört mit den an Loriots Diktion geschulten Zwischenmoderationen von Theaterleiter Christian A. Schnell nicht auf. Was wäre ein Event wie dieses schließlich ohne bieder-bürgerliches 70er-Jahre-Dekor (Bühne: Martin Riedl) oder einen musikalischen Scherz in den Umbaupausen?

Überhaupt sind diese Pausen schon allein deswegen erheiternd, weil jeder mitraten kann, welche der ins kollektive TV-Gedächtnis eingebrannten Szenen wohl als Nächstes an der Reihe ist. Ein paar eindeutige Requisiten und auf dem scheppsen Podiumsboden zurechtgerückte Holzkisten reichen oft bereits aus, um das Rätsel zu lüften. Falls nicht, muss nur der erste Satz fallen, um dem Publikum ein Grinsen des Wiedererkennens ins Gesicht zu zaubern.

Schade ist bloß, dass nach dem kräftigen Schlussapplaus der Wunsch nach einer Zugabe unerfüllt bleibt. So ein Vertreterbesuch ("Es saugt und bläst der Heinzelmann, wo Mutti sonst nur saugen kann.") oder eine finale Zimmerverwüstung ("Das Bild hängt schief.") hätten locker noch drin sein dürfen. Ach was! 

KRISTY HUSZ E-Mail

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