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Dienstag, 22.10.2019

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Matthias Egersdörfer eröffnet Gunzenhäuser Erzählfest

Der Kabarettist und Autor bestritt den Auftakt der Veranstaltungsreihe in der Druckerei Emmy Riedel - 03.10.2019 07:02 Uhr

Wortdrechsler, Sprachkünstler, Poet: Der ansonsten brachiale Kabarettist Matthias Egersdörfer zeigte sich zum Auftakt des Gunzenhäuser Erzählfests in der Druckerei Emmy Riedel von seiner sensiblen Seite. © Jürgen Eisenbrand


Bürgermeister Karl-Heinz Fitz hatte das Erzählfest, das alle zwei Jahre im Wechsel mit dem Märchenfest stattfindet, zuvor als "wunderbares Format" gepriesen. Es finde an besonderen Orten statt, und zwar dort, "wo sich das Leben abspielt". Und Fitz erinnerte daran, dass gerade in diesen Zeiten "das Erzählen so wichtig sei wie das Zuhören", dass es darauf ankomme, "Gedanken entgegenzunehmen". Er dankte der Kulturmacherei, die als Veranstalter das Kulturangebot der Stadt bereichere: "Wir sind stolz auf das, was ihr macht."

Ehe dann Egersdörfer ans Mikrofon durfte, erinnerte Buchhändlerin Ulrike Fischer daran, dass der Fürther Brachial-Kabarettist eine "Gunzenhäuser Geschichte" habe: Im November 1989, als sich die politische Lage Europas radikal veränderte, habe er schon einmal in Gunzenhausen gelesen. Im damaligen Café Holderied trug er, der frischgebackene Abiturient, einige Gedichte vor – "von denen ich jetzt allerdings keines vorlese", sagte sie. Wofür sich Egersdörfer schmunzelnd bedankte.

Und Fischer wusste noch mehr vom Gast des Abends. Sein Vater, der im "Roman meiner Kindheit" (Untertitel) naturgemäß eine Hauptrolle spielt, habe als Vertreter für Schmuckkarten nämlich regelmäßig die Buchhandlung Fischer besucht – und dabei auch viel über seine Familie erzählt. Eine Anekdote, die Egersdörfer junior sichtlich überraschte und amüsierte, zumal der Senior vom Sprössling "immer voller Vaterstolz berichtete", wie Ulrike Fischer im Gespräch mit dem Altmühl-Boten verriet.

Dieser Sprössling, inzwischen ein vielfach ausgezeichnetes kabarettistisches Schwergewicht, der auf der Bühne gerne den cholerischen Berserker gibt, erwies sich dann bei der Lesung als überraschend sensibler Beobachter seiner Umwelt, als Autor mit poetischem Sprachschatz, als Wortdrechsler und Philosoph, der immer wieder auch sein Kabarettisten Handwerkszeug benutzt.

Allein schon bei der Art, wie er seine Lesung inszeniert. Gibt er doch vor, mit den gelesenen Textpassagen auf herabwürdigende Leserkommentare im Internet zu reagieren, wobei er sich nicht scheut, seine "Kritiker" mal als "brunzblöd", ein andermal als "blöde Sau" zu schmähen – da taucht er kurz auf, der kraftmeiernde Kabarettist. In Wahrheit sind die Kommentare aber erfunden, wie er im persönlichen Gespräch einräumt – und dienen lediglich der Dramaturgie des Abends.

Egersdörfer schildert die eitle Perfektion des Vaters beim Skifahren, die überaus stattlichen Brüste und das unzähmbare Mitteilungsbedürfnis seiner Mutter ("Die Welt war ihre Bühne, und sie hatte den meisten Text."). Er rekapituliert seinen orgiastischen Zeugungsakt und seine wissenschaftlichen Experimente, bei denen Ameisen, Klebstoff und ein Feuerzeug eine Rolle spielen. Er schildert die miefige Spießigkeit seiner Vorstadtsiedlung, und er seziert die Seelennöte des kleinen Matthias, wenn ihm die Mutter in der Metzgerei Pristownik, nach Empfang der obligatorischen Scheibe Gelbwurst, die zweithäufigste aller Fleischereifragen stellt: "Wie sagt man?"

Das ist alles sehr unterhaltsam, mit feiner Feder zu Papier gebracht und macht Lust auf die gut 300 Seiten, auf denen Egersdörfer seine Kindheit in Lauf an der Pegnitz romanhaft schildert (Vorstadtprinz, Roman meiner Kindheit, Rowohlt, 20 Euro).

Aber, um noch einmal auf die typischste aller Fleischereifragen zurückzukommen: Mehr durfte es an diesem Abend wirklich nicht mehr sein. Pralle zwei Stunden las Egersdörfer aus seinem Buch, so viel, dass ihm am Ende die Zunge merklich schwer wurde. Und das hörte sich dann fast so an, als kaue er gerade auf einem Stückchen Gelbwurst aus der Metzgerei Pristownik herum.

IDie nächsten Veranstaltungen des Erzählfestes: Donnerstag, 17. Oktober, 16 Uhr, G&B-Café, Weißenburger Straße 87: Alexandra Walczyk (Markt Berolzheim) liest aus ihrem Kinderroman "Winonas Traumauto". Um 19 Uhr (Hafner, Nebenzimmer, Hafnermarkt 16) liest Roswitha Minnameyer bisher unveröffentlichte Kurzgeschichten. Eintritt jeweils frei

JÜRGEN EISENBRAND

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