Alltag mit der Krankheit

Ponys und Katzen: Wie Tiertherapie bei Demenz hilft

18.9.2021, 06:52 Uhr
Betreuungsfachkraft Beate bringt immer wieder eine ihrer Thai-Katzen mit. Die Rasse ist für ihr extrem freundliches, aufgeschlossenes und menschenliebendes Wesen bekannt. Somit eignen sich die Tiere gut für einen Besuchsnachmittag bei den Senioren.

Betreuungsfachkraft Beate bringt immer wieder eine ihrer Thai-Katzen mit. Die Rasse ist für ihr extrem freundliches, aufgeschlossenes und menschenliebendes Wesen bekannt. Somit eignen sich die Tiere gut für einen Besuchsnachmittag bei den Senioren. © Foto: Lidia Piechulek

Annalena Schmidt (Name geändert) sieht nur noch schemenhaft, aber erspürt ihre Besucherin, indem sie ihr weiches Fell streichelt. Josephine, eine sechs Monate alte Thai-Katze, ist heute ganz nah bei ihr. Die Seniorin erfreut sich an den Berührungen und dem Gespräch über das Tier, ein versonnenes Lächeln liegt auf ihrem Gesicht.

Dabei schwelgt sie in Erinnerungen an eine Katze, die sie und ihr Bruder einst gefüttert haben. Ihr Blick scheint sich dabei verträumt nach innen zu wenden. Dann, plötzlich, runzelt sie die Stirn, zieht die Augenbrauen sorgenvoll zusammen, weil eine weitere Erinnerung hochkommt.

Es folgt eine Geschichte über einen Hund, der sie als junge Frau über den Gartenzaun hinweg angesprungen und attackiert hat. "Ich konnte damals nicht zur Arbeit gehen", berichtet sie sichtlich aufgewühlt.

Erinnerungen kommen hoch

Betreuungsfachkraft Beate legt beruhigend eine Hand auf die ihre. Sie hat diese Geschichte heute zum ersten Mal gehört, fragt aber nicht weiter nach, da es sich um eine negative Erinnerung aus dem Leben von Annalena Schmidt handelt.

Im Fachjargon ist das, was gerade im Zimmer und im Kopf von Annalena Schmidt passiert, biografisches Arbeiten. Es ist ein wichtiger Bestandteil der Therapie und Betreuung von demenzkranken Senioren. Wie so oft funktionierte die junge Katze Josephine heute als ein Bindeglied – eine Brücke zur Vergangenheit der Patientin und auch zwischen der Betreuungsfachkraft und Annalena Schmidt.

Im BRK-Seniorenzentrum gibt es neben der Tagespflege 60 Langzeitpflegeplätze, ein großer Teil der Bewohner ist kognitiv erkrankt, etwa an Demenz, oder auch körperlich eingeschränkt. Die Einrichtung weicht vom klassischen Aufbau mit einem großen Speisesaal für alle ab. Stattdessen gibt es hier vier Wohnbereiche mit offenen Wohnküchen und vielen gemütlichen Sesseln und Sofas. Sie sind auch der Schauplatz für einige gemeinsame Aktivitäten wie etwa den Bingo-Abenden oder gemeinsamen Bastelstunden.

Teilnahme ist freiwillig

Wichtig ist im Alltag der Demenzkranken eine feste Tagesstruktur, welche die Einrichtung mit einem Wochenplan und vielen wiederkehrenden Ereignissen schafft. Die Teilnahme an den Veranstaltungen ist allerdings freiwillig.

Für die Bewohner sollen die Wohnbereiche zu einem Ort des familiären Miteinanders werden – das klappt aber nicht bei jedem gleichermaßen. Schwierig ist es etwa für Renate Maurer (Name geändert), die an diesem sonnigen Spätsommertag mit heruntergelassenen Jalousien auf dem ungemachten Bett sitzt – und all die Senioren auf dem sonnigen Balkon tunlichst meidet.

Bei ihr wird deutlich, was viele demenzkranke oder auch schlicht introvertierte Bewohner erleben: Gerade das Anfangsstadium einer Demenzerkrankung ist mit viel Scham verbunden. "Die Personen neigen dazu, sich in die innere Welt zurückzuziehen", erklärt der Leiter der Sozialen Betreuung, Josef Kollmann.

Das tun sie beispielsweise, wenn sie sich durch ihre Umwelt überfordert fühlen oder ständig von Anderen auf die zunehmende Vergesslichkeit hingewiesen werden.

Es ist für die Betreuungsfachkräfte ein mitunter schwieriges, aber auch sehr notwendiges Unterfangen, ihre Bewohner aus dieser Passivität herauszulocken. Renate Maurer hat in ihrem konkreten Fall zusätzlich mit depressiven Stimmungen zu kämpfen.

Die Senioren blühen auf

Aus der Reserve locken die Seniorin nur Beates Thai-Katzen, die sie regelmäßig mitbringt. Denn vor vielen Jahren hat Renate Maurer selbst eine Thai-Katze besessen und sehr geliebt. Wann immer Beate mit einer ihrer Katzen vorbeikommt, blüht die Bewohnerin bei der Durchsicht von Videos und Fotos förmlich auf.

"Bei manchen Bewohnern ist die Gefahr schon da, dass sie sich sehr zurückziehen", schildert Josef Kollmann. Renate Maurer seien die familiären Zusammenkünfte in den Wohnbereichen etwa von Anfang an zu viel gewesen: Vielmehr ein Stressfaktor als ein Genuss. Gemeinsame Gymnastikübungen, Kegelabende oder Gedächtnistraining im Mehrzweckraum scheut sie erst recht.

Die Tiere sind ein Türöffner

Übrig bleibt da noch das Zwiegespräch mit den Betreuungsfachkräften, in denen Katzen immer wieder als Türöffner dienen – ein Thema, für das sich die Seniorin immerzu begeistern kann. Diese Begeisterung zeigt sich in winzigen Gesten und kurzen Momenten, in denen die Anspannung von ihr abfällt. "Für manche Bewohner ist ein einzelnes Lächeln ein größerer Schritt als die Teilnahme an einer Beschäftigung", fasst Kollmann zusammen.


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Augenscheinlich wurde das bereits kurz zuvor auf dem Balkon im zweiten Obergeschoss des BRK-Seniorenzentrums. Dort waren die französischen Bulldoggen von Betreuungsfachkraft Marina ein großer Grund zur Freude.

Die Freude der Bewohner ist hier jedes Mal mit Händen zu greifen: Jeder, der möchte, kann die beiden Bulldoggen mit Leckerlis füttern und streicheln. Shanty und Milow trippeln unbekümmert zwischen den Senioren umher. Unterdessen entspinnen sich Gespräche und Anekdoten über die eigenen Erfahrungen mit Hunden und anderen Haustieren. Marina ermuntert jeden der Bewohner, offen zu berichten, zu beschreiben, in Kontakt mit den Tieren zu treten.


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Dabei spielen sich ganz nebenbei und natürlich Szenen ab, die im Leben der Senioren einen besonderen Moment bedeuten: Ein Bewohner, der an Parkinson im fortgeschrittenen Stadium leidet, umklammert zunächst mühsam ein Hundeleckerli. Zentimeterweise bewegt er den Arm nach vorne, um dem freundlichen Hund die Belohnung zu übergeben. Für ihn, der motorisch sehr eingeschränkt ist, ist das eine große Überwindung und Herausforderung, die in ein Erfolgserlebnis mündet.

Ein weiterer Senior, der normalerweise aufbrausend und etwas launisch ist, wird im Beisein von Shanty geradezu sanft. Er scherzt über die Gefrässigkeit der Tiere und streichelt sie wie alle anderen Bewohner, wird umgänglich und macht viele Scherze.

Pony besucht Seniorenzentrum

Das BRK-Seniorenzentrum erlebt immer wieder diese positiven Effekte – und hat sich daher nun vorgenommen, ein weiteres Angebot zu schaffen. In diesem Oktober soll ein Pony vom Reit- und Therapiehof "artgerecht" in Weißenburg die Bewohner des Heims besuchen. Schon jetzt kündigen Plakate davon und sorgen für Neugierde und Vorfreude bei den Senioren.

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