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Reinhard Ebert: Querdenker aus Überzeugung

ÖDP-Mann aus Heidenheim kandidiert erstmals für den Posten des Landrats. - 27.02.2020 15:57 Uhr

ÖDP-Politiker Reinhard Ebert vor seinem Haus in Heidenheim. Der 56-Jährige bewirbt sich erstmals um das Amt des Landrats. © Jan Stephan


"Das kann es ja wohl nicht sein, dass sie nicht voll dahintersteht, dass am Sonntag die Geschäfte zubleiben müssen", sagt Ebert und beginnt sich bei Kaffee und Gugelhupf der Schwägerin in Rage zu reden. "Das macht doch die Familien kaputt, dass immer alles irgendwo offen haben soll." Er sitzt am Esszimmertisch seines Hauses in Heidenheim, den er sonst mit seiner Frau und den beiden Töchtern teilt, und erzählt von dem ewigen Immer-Mehr des aktuellen Systems. Während der Kaffee kalt wird, läuft Ebert warm.

Diese politische Leidenschaft ist es, die den 56-Jährigen zu einem der Gesichter der Landkreispolitik gemacht hat, die man zwischen Muhr und Raitenbuch kennt. Diese Leidenschaft hat ihm Fans beschert, aber auch Ärger eingebrockt. Im Kreistag besetzt er die Rolle des nörgelnden Stachels im Fleisch. Dass die meisten Entscheidungen mit großer Mehrheit getroffen werden, sehen die einen als Beleg für gute Zusammenarbeit, Ebert wertet es als Zeichen für mangelnde Überzeugungen.

"Wir als ÖDP sind oft die Einzigen, die dagegen stimmen", stellt der studierte Ingenieur fest, der in Gunzenhausen bei Sanmina arbeitet. "Dann frage ich mich schon, mit welcher Logik die anderen Parteien eigentlich einen Kandidaten aufstellen, wenn doch immer alles passt." Die ÖDP dagegen hätte inhaltliche Unterschiede anzubieten. Und die will man auch über Eberts Landratskandidatur transportieren.

Das politische Profil der Partei ist ökologisch eher grün (Energie muss teurer werden), gesellschaftlich eher konservativ (Schutz des klassischen Familienmodells, Skepsis gegenüber der Frauenquote) und wirtschaftspolitisch eher sozial (Erhöhung des Mindestlohns). Es ist in diesen Zeiten vor allem die Umweltpolitik, mit der die ÖDP wahrgenommen wird. Sie ist auch der Grund, weswegen Ebert Anfang der 1990er-Jahre zu ihr fand.

 

Schon der Vater warnte

 

Politisch sozialisiert hat ihn sein Vater. Ein Landwirt aus Hohentrüdingen, der lieber Ingenieur geworden wäre, der kurz nach dem Krieg aber den Bauernhof der Eltern übernehmen musste, um die Familie über die Runden zu bringen. Als Autodidakt brachte er sich das Tüfteln bei und wurde zu einer Zeit Umweltaktivist, als der Begriff noch nicht erfunden war. Er warnte als Wasserwart vor steigenden Nitratwerten und befragte Politiker nach dem Klimawandel, als die das noch für ein Wetterphänomen des Mittelmeerraums hielten.

"Er war damals mit so was ein bisschen der Außenseiter im Dorf, aber heute ist es das Mainstream", stellt Ebert fest. Von seinem Vater dürfte er die politische Leidenschaft und die Hartnäckigkeit geerbt haben. Die hilft ihm, Zeiten durchzustehen, in denen es wenig Applaus für sein Engagement gab.

"Die ersten zehn, 15 Jahre waren schon hart", erzählt er. Die ÖDP hatte wenig Mitglieder, in Heidenheim sah man ihn in den ersten Jahren im Gemeinderat als Nestbeschmutzer. "Ich bin kein großer Diplomat", gibt er offen zu, "aber das muss ich auch nicht, wir haben unsere Standpunkte, und wir vertreten sie mit Überzeugung." Auch für seine Familie war das nicht immer einfach. "Aber meine Frau hat immer zu mir gestanden", stellt Ebert dankbar fest, "dabei ist sie in einigen Dingen sicher liberaler als ich."

Wasser predigen und Wein trinken ist Eberts Sache nicht. Mit dem gleichen Engagement, mit dem er seine Überzeugungen im Kreistag vertritt, lebt er sie privat. Er ist fast ausschließlich mit dem öffentlichen Nahverkehr unterwegs, zu seiner Arbeitsstelle in Gunzenhausen, aber auch zu den Kreistagssitzungen in Weißenburg. In den Urlaub fährt er grundsätzlich nicht. Kinder und Ehefrau schließen sich stets der Verwandtschaft an. "Ich habe meine Arbeitszeit reduziert, um mehr Zeit für die Familie zu haben, ich muss das nicht auf 14 Tage heile Welt im Jahr komprimieren."

 

Zisterne für die Toilette

 

Auch in den eigenen vier Wänden sind Eberts Überzeugungen greifbar. Das Haus steht ein paar Steinwürfe vom Heidenheimer Kloster entfernt in einer Gasse am Hang. Auf dem Dach findet sich eine der ersten Fotovoltaikanlagen der Region. Im Keller eine Heizung, die mit Holz aus dem eigenen Wald befüllt wird, im Garten eine Zisterne, die die Toilettenspülung speist.

Die Zisterne selbst ist ein ausrangierter Biertank, den Ebert auf einem Schrottplatz aufgespürt hat, die Pumpe des Hauswasserwerks sieht aus, als hätte sie die Industrialisierung aus erster Hand erlebt. Er macht das nicht, weil es ihm ums Geld geht, sondern wegen der Ressourcen, die in all diesen Dingen stecken.

Ohne Einsparungen wird die Welt nicht zu retten sein, glaubt der ÖDPMann. "Der Lebensstil der 1970er-Jahre wäre es wieder. Da gab es ein kleines Familienauto mit 50 PS, einen Fernseher, keine Fernreisen, und es ist auch keiner verhungert." Auf Landkreisebene seien der Umweltpolitik natürlich Grenzen gesetzt, aber man müsste überall handeln. Ausbau der erneuerbaren Energien wo irgend möglich, vorbildliche energetische Ausstattung der landkreiseigenen Gebäude, ein Ende des Baus neuer Straßen (damit verbunden eine Absage zur neuen Hörnlein-Kreuzung in Weißenburg) und nicht zuletzt mehr Augenmerk auf die Wasserqualität im Fränkischen Seenland. Das sind einige der lokalen Schwerpunkte Eberts.

Bislang nutzte der Heidenheimer seinen Sitz im Kreistag, aber auch das Mittel des Bürgerentscheids, um seinen Positionen Gehör zu verschaffen. "30 Bürgerentscheide habe ich bestimmt schon formuliert", erzählt er, "und zwei Drittel davon gewonnen." Die ÖDP und Ebert standen unter anderem bei den Bürgerprotesten gegen die B-13-Umgehung in Schlungenhof, die Grundwassernutzung durch Altmühltaler in Treuchtlingen oder die Straßenausbaubeitragssatzung in der ersten Reihe.

 

"Dinge besser machen"

 

Da wirkt es fast ein bisschen kokett, wenn Ebert sagt: "Ich brauche die Politik nicht." Aber man nimmt es ihm tatsächlich ab. "Mir geht es darum, Dinge zu gestalten und sie besser zu machen", erklärt er. "Wenn jemand kommt, der das besser macht als ich, bin ich der Erste, der Schafkopf spielen geht und sich aufs Kanapee legt." Ebert macht Politik also weniger aus Lust, denn mehr aus Verpflichtung. An seinem leidenschaftlichen Einsatz ändert das allerdings nichts.

JAN STEPHAN E-Mail

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