Donnerstag, 21.11.2019

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Seriöse Zeitungsarbeit kontra Fake News

NN-Chefredakteur Alexander Jungkunz hielt in Gunzenhausen ein vielbeachtetes Referat - 05.11.2019 17:41 Uhr

NN-Chefredakteur Alexander Jungkunz (links), hier im Gespräch mit Dekan Klaus Mendel, griff im Lutherhaus ein hochaktuelles und -interessantes Thema auf. © Foto: Erich Neidhardt


Dabei haben Studien ergeben: Falschmeldungen verbreiten sich sehr viel schneller als seriöse Nachrichten. Und sind sie einmal im Internet, kriegt man sie dort kaum mehr weg. Vielfach geteilt und geliked, tauchen sie immer wieder in den Timelines der Nutzer auf, werden auch nach Jahren wieder hochgespült. So entwickeln Falschmeldungen eine Dynamik, gegen die mit Aufklärung nur schwer anzukommen ist. Und die Wahrheit bleibt auf der Strecke.

Aber: Was ist eigentlich Wahrheit? Dieser Frage spürte Alexander Jungkunz auf Einladung des Evangelischen Bildungswerks (EBW) und der Evangelischen Kirchengemeinde Gunzenhausen bei einem Vortrags- und Ausspracheabend im Lutherhaus nach. Der Journalist, Chefredakteur der Nürnberger Nachrichten (NN), ging dabei auf Themen wie Lügenpresse und eben Fake News ein und richtete den Blick auch auf die Zukunft des Journalismus. Dies stieß auf reges Interesse: Knapp 100 Besucher aus dem gesamten Landkreis hatten sich im Lutherhaus eingefunden.

Pfarrer tun sich leichter

Alexander Jungkunz nimmt neben seiner journalistischen Arbeit einen Lehrauftrag am Lehrstuhl für Christliche Publizistik an der Erlanger Uni wahr und war über acht Jahre lang ehrenamtliches Mitglieder der Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Vor diesem Hintergrund ging er eingangs auf die Gemeinsamkeiten von Journalisten und Pfarrern ein. Beide Berufe versuchten, Wahrheiten zu verkünden. Dabei aber täten sich die Pfarrer jedoch eindeutig leichter als die Zeitungsmacher, denn sie verkündeten absolute Wahrheiten, Gottes Wahrheiten. "Das ist Glaubens-Wahrheit, und es ist Glaubens-Sache", konstatierte Jungkunz.

Bei der journalistischen Arbeit dagegen gehe es um Wissens-Wahrheit. "Unser Job ist es, der Wahrheit möglichst nahe zu kommen, zu informieren, Fakten zu liefern, Aussagen und Meldungen auf ihren Wahrheitsgehalt abzuklopfen und sie einzuordnen", sagte Jungkunz. Und ergänzte: "Unaufgeregt, nüchtern, klar." Ein Journalist müsse die Fakten suchen und ergründen. Das verlange handwerklich ein immer neues Ringen um die Wahrheit, ein Informieren, Diskutieren, Streiten, Abwägen. Es gehe um eine Annäherung an Wahrheit, ums Verstehen, Erkennen und um Zusammenhänge. Wahrheit als Annäherung heiße auch, der Versuchung zu widerstehen, die eigene Meinung in den Vordergrund zu stellen. Denn zu einer ordentlichen Pressearbeit gehöre auch der vernünftige Zweifel.

Essenziell: das Zweifeln

Für Jungkunz erhebt ein guter Journalist den Zweifel zu einem Kriterium für die Suche nach der Wahrheit. Zweifeln, konstatierte er, führe zum Nachfragen, zum Hinterfragen und zum Durchdringen und intensiviere so die Suche nach der Wahrheit. Der Zweifel als Tugend bewahre überdies vor Fundamentalismus, vor falschen Schlagzeilen oder vor einer missionarischen Besserwisserei.

Alexander Jungkunz zufolge wird das Ringen um die Wahrheit zusehends schwer in einer Welt, in der viele eine unglaubliche, eine längst überwunden geglaubte Sehnsucht nach einfachen, zu einfachen Wahrheiten oder auch Lügen haben. Für nicht wenige sei Wahrheit nicht mehr länger vor allem eine Sache des Wissens und einer Sache gesicherter Fakten. Sie wollten manches gar nicht wissen, wenn es ihrem einfachen Weltbild widerspreche. Die Welt erscheine manchen zu kompliziert. "Sie glauben an die Lügen, an all die Verleumdungen, an all die Verschwörungstheorien im Netz", stellte Jungkunz fest. Auch Journalisten bekämen das zu spüren – mit teils unsäglichen Leserbriefen, Mails oder Anrufen.

Laut Jungkunz landen Menschen durch die sozialen Netzwerke schnell in der berühmten Filterblase: "Sie lesen nur noch, was sie lesen wollen, was ihre eigene Meinung bestärkt." So entstehe ein Tunnelblick auf die Welt und die sozialen Medien entwickelten sich eher zu asozialen Medien. "Weil sie den Blick verengen statt ihn zu weiten, weil sich Menschen freiwillig Scheuklappen anlegen", führte der Referent erklärend aus.

Wahrheit hingegen sei ein immer neues Ringen um sie, ein Informieren, Diskutieren, Streiten, Abwägen und Denken. Journalisten müssten sich – und das gelte durchaus als Standesregel und Standespflicht – um Wahrhaftigkeit bemühen, damit sie sich der Wahrheit möglichst gewissenhaft, gründlich und nach gängigen Standards annähern, nahm Alexander Jungkunz auf den Pressekodex Bezug.

Zeitungsmachen wird transparent

"Glauben Sie an Gott, vertrauen Sie, vertrauen wir auf Gott – und haben Sie ein gesundes Misstrauen, einen gesunden Zweifel gegenüber Politik, Mächtigen, sehr intensiv gegenüber dem, was im Netz zu finden ist – auch gegenüber den Medien", rief Jungkunz den Zuhörern zu. Er appellierte gleichzeitig aber auch an ein "gesundes Vertrauen in die Art und Weise, wie sie arbeiten, wenn sie uns Einblick geben darüber, wie ihre Ergebnisse zustande kommen". Die Zeitungsmacher bei den Nürnberger Nachrichten ließen sich in die Karten schauen, man könne ihnen bei der Arbeit zusehen – und sie freuten sich über Kritik, Zweifel, Anregungen und natürlich auch über Lob.

Für Alexander Jungkunz sind die Zeitungsleser die beste, direkte Kontrollinstanz und das beste Korrektiv gegen Fake News und Fehler. "Wenn bei uns etwas nicht stimmt in einem Bericht, dann melden sich sehr schnell und sehr berechtigt Leser, die uns unsere Fehler unter die Nase reiben", berichtete er aus dem Zeitungsalltag. Und das sei gut so.

Wie Jungkunz in der sich anschließenden, durchaus lebhaften Aussprache erkennen ließ, nimmt die Regionalität einen zunehmenden inhaltlichen Schwerpunkt bei den NN ein. Man sei sich der hohen Bedeutung regionaler und lokaler Nachrichten bewusst und wolle diesen Bereich noch weiter ausbauen. Grundsätzlich sei man bestrebt, möglichst viel eigenes Material in der Zeitung unterzubringen und tagesaktuelle Meldungen zu erklären, beispielsweise also darzustellen, was in Berlin, München oder anderswo getroffene politische Entscheidungen für die Menschen in der Region bedeuten.

"Wir müssen weglassen"

Jungkunz bat um Verständnis, dass die Riesenmenge an Nachrichten, die täglich anflutet, nicht komplett in der Zeitung abgebildet werden kann. "Wir müssen sehr viel auswählen, auch weglassen", sagte er. Das öffentliche Geschehen werde auch künftig kritisch begleitet, gleichzeitig sei man bestrebt, vermehrt auch "Freude auf Zukunft" zu machen. Der Gast aus Nürnberg zeigte sich abschließend auf Publikumsanfrage sicher, dass sich im Netz hinsichtlich der Regulatorien in puncto Fake News noch viel bewegen wird. Das Internet stecke hier noch in den Kinderschuhen. In den USA sei allerdings bereits "ein großer Gegentrend" festzustellen. Grundsätzlich könne man feststellen, dass es "Populisten dort umso leichter haben, wo es keine kritische Presse gibt".

 

ERICH NEIDHARDT E-Mail

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