Im Einklang mit der Natur

So geht Waldbaden in Treuchtlingen

22.9.2021, 05:37 Uhr
Mit einem Holzfrosch, auf dem man Töne erzeugen kann, holt Trainerin Angelika Liefke die Teilnehmer nach einer längeren Ruhephase in Eigenregie wieder zurück. Handys haben beim Waldbaden nichts verloren.

Mit einem Holzfrosch, auf dem man Töne erzeugen kann, holt Trainerin Angelika Liefke die Teilnehmer nach einer längeren Ruhephase in Eigenregie wieder zurück. Handys haben beim Waldbaden nichts verloren. © Foto: Milena Kühnlein

An diesem Sonntagmorgen am Sportplatz in Möhren ist das Wetter perfekt dafür. Eine kühle Frische liegt in der Luft, ein dichter Morgennebel liegt über der Allee mit den runden Baumkronen und der Wiese vor dem Fußballplatz. Die Sonne zaubert eine friedliche Spätsommerstimmung. Angelika Liefke ist Waldgesundheitstrainerin und wartet schon mit vier weiteren Teilnehmern am Parkplatz. Sie winkt zur Begrüßung, es wird gelacht, die Stimmung ist gut, aber ruhig.

Was man nun genau von den bevorstehenden Stunden erwarten kann, weiß niemand so richtig. Für alle ist es das erste "Bad im Wald." Waldbaden, das ist doch nur was für Städter, die völlig den Bezug zur Natur verloren haben, lautet ein Vorurteil. Hier zumindest trifft es nicht zu. Die vier Teilnehmer leben ländlich. Sie halten sich regelmäßig, sei es zum Gassi gehen oder einfach zum Spaziergang, in den Wäldern des Landkreises auf, erzählen sie.

Achtsamkeit üben

Liefke richtet eine Begrüßung und einführende Worte an die Anwesenden und geht schon bald ruhigen Schrittes in Richtung Wald. Die Teilnehmer werden dabei sofort mit einbezogen. Zunächst wird die Achtsamkeit geschärft. Dafür sollen alle eine Pflanze am Wegesrand genau betrachten und sich davon möglichst viele kleine Details merken. Eine gute Methode, um aus dem gewohnten Alltag, in dem man sich am Parkplatz gerade eben noch befunden hat, auszubrechen und das Gedankenkarussell ("Ich muss heute noch Wäsche machen!") mit einer einfachen Methode zum Schweigen zu bringen.

Dem Wald wird eine gesundheitsfördernde Wirkung zugeschrieben. Manche sind davon überzeugt, dass dieser sogar heilen kann.

Dem Wald wird eine gesundheitsfördernde Wirkung zugeschrieben. Manche sind davon überzeugt, dass dieser sogar heilen kann. © Foto: W. Pattyn/Imago

Waldbaden ist ein Gesundheitstrend aus Japan, der dort Shinrin Yoku genannt wird und eine anerkannte Therapieform ist. Manche Ärzte sollen ihren Patienten als Heilmittel sogar das Baden im Wald, beziehungsweise einen längeren Aufenthalt in der Natur verschreiben. Der Trend wird oft auch als "City-Detox", also als exaktes Gegenteil zum hektischen Leben in der Großstadt interpretiert.

Wandern oder Spaziergehen?

Das Waldbad unterscheidet sich dabei sowohl vom Spaziergang als auch von einer klassischen Wanderung. Denn: Ein Waldbad sollte mindestens zwei Stunden dauern und dabei werden auch nicht möglichst viele Kilometer zurückgelegt. Viel mehr geht es um das bewusste Fühlen, Riechen, Sehen, Erfahren und Spüren des Waldes. Dass der Wald positive Effekte für die Gesundheit des Menschen hat, ist mittlerweile erwiesen.

Man betrachtet Dinge, wie hier einen Jägersitz, länger als man es im Alltag täte.

Man betrachtet Dinge, wie hier einen Jägersitz, länger als man es im Alltag täte. © Foto: Milena Kühnlein

Wie der Naturschutzbund Deutschland (NABU) erklärt, sind dafür unter anderem die ätherischen Öle der Pflanzen ausschlaggebend. "Nimmt der Mensch sie über Haut und Lunge auf, beruhigt sich der Sympathikus, ein Teil des vegetativen Nervensystems", so der NABU. Die im Wald vorhandenen Bakterien sollen außerdem das Immunsystem des Menschen stärken, auch die geladenen Luftmoleküle sollen der Gesundheit zuträglich sein.

Angelika Liefke geht nun weiter voraus, die Kieselsteine knarzen unter den Schuhen. Mit Eintritt in den Wald, über den langsam der Herbst hereinbricht, wird die Stimmung noch entspannter. Gesprochen wird kaum, die Teilnehmer sind eher bei sich selbst. Liefke führt in verschiedenen Stationen durch den Wald, gibt Tipps und Anhaltspunkte, ohne den Teilnehmern etwas Konkretes vorzugeben. Vielmehr erkundet jeder die Bäume und alles was darum ist auf eine ganz eigene Weise.

Wenn man sich länger und ohne Störung im Wald aufhält, fallen Dinge auf, die man so noch nicht wahrgenommen hat. Sei es das klebrige, goldene Baumharz, dessen süßlicher und einzigartiger Duft an Kindertage erinnert, giftgrünes, saftiges Moos, das elastisch über Baumstümpfen liegt oder ein kleiner Hase, der über den Waldweg hoppelt. "Da braucht man keinen Dschungel in Südamerika anschauen, wenn man sieht, was es hier alles zu entdecken gibt", sagt eine Teilnehmerin, die sich kurzerhand hingelegt hat, um die Baumkronen beobachten zu können.

Den Wald essen

"Man sieht die ganze Zeit was Neues, je länger man schaut", sagt eine andere. Spinnweben, Insekten, Totholz oder der Salzleckstein von Wildschweinen werden zu spannenden Attraktionen, die man beim Gassigehen mit dem Hund vielleicht gar nicht wahrgenommen hätte.

Liefke hat außerdem als kleine Überraschung ein Waldfrühstück vorbereitet. Sie hat selbst Senf und Limonade aus Fichtenspitzen hergestellt.

Auf dem mitgebrachten Weißbrot gibt es außerdem dunklen Waldhonig zu probieren. Dass der Wald nicht nur der Seele und dem Körper guttut, sondern auch wahre Geschmacksexplosionen hervorbringen kann, merken die Teilnehmer spätestens jetzt.

Um diese Achtsamkeit, das Bewusstsein für die Natur, geht es. Was auffällt: Während der Wald Entspannung, frische Luft, Nahrung, Schutz und Wissen an den Menschen weitergibt, scheint dieser eigentlich nur zu nehmen. Liefke erklärt: "Indem wir das alles wahrnehmen und zu schätzen wissen, gibt der Mensch auch der Natur etwas zurück."

Natürlich geht es im abschließenden Gespräch auch um die Klimakrise. Darum, wie sie den Wald bedroht und wie schützenswert dieses Ökosystem eigentlich ist. Alle Anwesenden sind sich einig: Der Wald muss bewahrt werden. Liefke erklärt überdies, dass die Auseinandersetzung und das bewusste Spüren des Waldes bei vielen Menschen einen Anreiz für mehr Naturschutz bieten könnte.

Vorbei am Steinbruch, durch Dickicht und über einen Wiesenweg ist das Waldbad nach etwa 2,5 Stunden beendet. "Für mich ist es auch jedes Mal anders", sagt Liefke. Die Teilnehmer haben nun eine Anleitung bekommen, wie sie künftig immer wieder Kraft aus dem Wald schöpfen können.


Zufluchtsort im Lockdown: Wie uns der Wald gesund macht


Anders als es das "Öko-Klischee" vermuten lässt, hatte dieser Vormittag nichts mit Bäume-Umarmen zu tun. Das Fazit: Jeder, der sich darauf einlässt, lernt etwas darüber, wie der Wald Kopfschmerztablette, Stimmungsaufheller und Entspannungsmethode in einem sein kann.

Die nächsten Termine für das Waldbaden sind am 2. Oktober von 15 bis 17 Uhr und am 17. Oktober ebenfalls von 9 bis 11 Uhr. Eine Teilnahme kostet 20 Euro. Mehr Informationen gibt es bei der Kur- und Touristinformation Treuchtlingen unter der Telefonnummer 09142/96 00 60. Anmelden kann man sich unter tourismus@treuchtlingen.de.

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