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Supernase Schweißhund: Über die Detektivarbeit einer Nachsuche

Helmut Schock und sein Vierbeiner Orgo - 25.04.2021 06:46 Uhr

Helmut Schock und sein Schweißhund Orgo sind seit über einem Jahrzehnt ein eingespieltes Team.

23.04.2021 © Isabel-Marie Köppel


Wenn Helmut Schock leicht in die Knie geht, sich nach vorne beugt, die Arme ausbreitet, nach vorne stürzt und aus voller Inbrunst knurrt und grunzt, ist es so weit: Er wird zum Wildschwein.

Orgo kennt diesen Anblick, den meist nur er allein mitten im Wald geboten bekommt. Was für einen Beobachter vermutlich höchst seltsam aussieht, ist für den Elfjährigen wichtig. Denn Orgo ist ein Hannoverscher Schweißhund, dessen Aufgabe die Nachsuche ist, also verwundete Wildtiere aufzuspüren, damit sein zweibeiniger Begleiter sie erlösen kann. Dem Hund wird schon sein Leben lang eingebläut: Wildschweine sind gefährlich, komm ihnen nicht zu nahe.

Diese Erfahrung muss er auch machen, wenn am Ziel einer Fährte nur ein abgetrennter Fuß liegt, statt eines verwundeten Tieres. Also schlüpft sein Herrchen kurzerhand in diese Rolle. Dabei packt er den Rüden unter anderem an seinen Schlappohren – so, dass es für den schwarz-braun gestromten Hund mit dem kräftigen Körperbau und den verhältnismäßig kurzen Beinen unangenehm, aber nicht schmerzhaft ist. Als Belohnung darf er an dem Fuß kauen, und sein Herrchen verwandelt sich vom gefährlichen Schwein wieder in einen verzückten Hundebesitzer, der sein "Stinkerle" ausgiebig lobt.

Viel zu lernen

Zwang habe in der Ausbildung von Helmut Schock nichts zu suchen, sagt er, stattdessen baue er auf "Vertrauen, Geduld und Liebe". Sein Hund folge nicht, weil er Angst vor ihm habe, wie es bei anderen Jagdhunden und deren Besitzern der Fall sei. Zwei Jahre lang schulte Schock Orgo intensiv: zeigte dem Welpen alles, sprang über Gräben, damit er es ihm nachmachte. Am besten übernimmt diesen Part ein älterer Hund, doch Schock musste diesen ersetzen. Sein erster Schweißhund Gero starb durch eine Wildschweinattacke.


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"Das war schrecklich. Meine beiden Jungs waren noch klein. Es war eine Tragödie, als ich ihnen sagen musste, dass der Gero tot im Kofferraum liegt", erinnert sich der Hundeführer. Danach wollte er nichts mehr mit der Nachsuche zu tun haben: "Das mache ich ja nicht für mich. Ich bügle ja sozusagen die Fehler anderer aus." Denn verständigt wird er von Jägern, wenn sie ein Tier nicht richtig getroffen haben, oder von der Polizei nach einem Wildunfall.

Zurück zu "seiner Leidenschaft" fand der 55-Jährige, der früher in Arberg wohnte und mittlerweile in Merkendorf lebt, erst wieder durch Orgo, den er durch Zufall bekam, weil ihn sein geplanter Besitzer nicht haben wollte. Seither ist Orgo an seiner Seite: "Wir sind wie ein altes Ehepaar. Er ist mein Freund, mein Partner, ein Familienmitglied."

Erstaunlicher Geruchssinn

An diesem sonnigen Morgen wird niemand in eine brenzlige Situation geraten. Die Fährte, die Orgo im Mönchswald bei den "Drei Buchen" verfolgen soll, hat ihm sein Herrchen gelegt. Am Vortag ist Schock mit sogenannten Fährtenschuhen durch den Wald gestapft. Das sind holzklotzähnliche Vorrichtungen, in die man Wildschweinfüße klemmt, um sie dann an den Schuhsohlen zu befestigen. 25 Stunden ist die Fährte bereits alt, als Orgo aus dem Kofferraum springt und die Spur aufnimmt. "Das fasziniert mich auch nach 20 Jahren noch", staunt Schock.

Das sind Fährtenschuhe, in denen Füße von einem Wildschwein befestigt sind.

23.04.2021 © Foto: Isabel-Marie Köppel


Ein Schweißhund ist nicht als Schoßhund geeignet: "Die wollen Arbeit und Bewegung." Damit der Hund fit bleibe, brauche er zwischen 100 und 120 Nachsuchen pro Jahr. Auch andere Rassen könnten diese Arbeit leisten, der Schweißhund ist jedoch speziell für die Wildsuche gezüchtet. "Schweiß" steht in der Sprache der Jäger für Blut.

Und diesem Schweiß folgt Orgo nun im Mönchswald, um zu demonstrieren, wie eine Nachsuche abläuft. Damit sein menschlicher Begleiter nachvollziehen kann, ob Orgo auf dem richtigen Weg ist, hat er an Zweigen immer wieder gelbe Bänder angebracht. Das erste ist schnell erreicht, und Orgo steckt die Nase wieder tief ins Moos. "Die Jäger meinen immer, der geht wie eine Schlaftablette, dabei dreht er jedes Blatt zweimal um", bemerkt Schock.

So wird man anerkannter Nachsuchenführer

Bei der Nachsuche trägt Orgo eine Weste in Warnfarben wie ein Holzarbeiter. Zudem legt ihm Schock ein Halsband mit einem GPS-Sender an. Als Leine dient ein sogenannter Schweißriemen, laienhaft beschrieben, ein langes, breites und weiches Kunststoffband. Der Vorteil: Er verfängt sich kaum im Gestrüpp.

Wie wird man also Nachsuchenführer? Dafür muss man zunächst Jäger sein. Denn ohne einen Jagdschein wäre es überhaupt nicht erlaubt, Wild nachzustellen, erklärt Helmut Schock. Zudem braucht er eine Waffe. Neben dem Gewehr trägt er ein Messer bei sich. Meistens benutze er das, um das verwundete Tier zu töten.

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Helmut Schock aus ist 55 Jahre alt und lebt in Merkendorf. Seit 20 Jahren geht er bereits auf Nachsuche, also spürt zusammen mit seinem Schweißhund Orgo verwundetes Wild auf. Vor allem das Auffinden von Wildschweine kann sehr gefährlich werden. Bis zu 150 Mal im Jahr rückt das Duo aus - und das ehrenamtlich.


Der gebürtige Heglauer ist seit 21 Jahren Jäger. Ein befreundeter Waidkamerad riet ihm damals zum Schweißhund, und so holte er sich vor zwei Jahrzehnten Gero und begann, sich in die Nachsuche einzuarbeiten: "Das ist ein Lernprozess und eine lebenslange Aufgabe. Dafür gibt es keine Schule." Zudem war ihm der Waidkamerad ein Mentor.

Schon zwei Bücher verfasst

Seit 15 Jahren ist Schock sogar anerkannter Nachsuchenführer in Bayern. Der wird man, indem man dem Landesjagdverband beitritt und dort eine Prüfung ablegt. Auch der Hund muss einen Test bestehen, und es müssen Suchen nachgewiesen werden. Darin liegt die Schwierigkeit, erläutert Schock. Wer mit der Nachsuche beginnen möchte, muss erst einmal welche bekommen, sprich: sich unter den Jägern bekannt machen.

Was ihn antreibt? "Die Achtung vor der Kreatur", sagt Helmut Schock, und weist darauf hin, dass er im Auftrag des Tierschutzes handle. Wenn ein Tier irgendwo liege, sterben will, aber nicht kann, erlöse er es von einem langen Leiden. Ein Jäger sei sogar dazu verpflichtet, eine Nachsuche zu veranlassen, wenn er Wild angeschossen hat.

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Neben der aktiven Ausübung, leistet Schock auch Aufklärungsarbeit. Er hält etwa auf Jagdversammlungen kostenlose Vorträge über "seine Berufung" – und er schreibt Bücher unter seinem Geburtsnamen Huber. Sein zweites wurde sogar kürzlich von der Leserschaft der Fachzeitschrift "Wild und Hund" unter den Büchern des Jahres 2020 auf Platz 3 gewählt (Helmut Huber: Der Nachsuchenführer: Von der Arbeit mit dem Schweißhund. Leopold Stocker Verlag, 29,90 Euro).

"Such verwund"

Mit seinen elf Jahren ist Orgo längst ein Profi. Verschiedene Übergänge von Moos zu Laub zu Schotter meistert er im Mönchswald problemlos. "Such verwund" ertönt es ab und zu hinter ihm. Wird der Rüde kurz unruhig, wittert er den Geruch anderer Tiere, die in der Nacht unterwegs waren. Die Sonne tanzt dabei über sein Fell, Zitronenfalter flattern über dem Boden, und ein Kleiber zupft Moos von einem Baumstamm.

So idyllisch geht es natürlich nicht immer zu. Oft muss sich das Duo kilometerlang durch dichtes Dickicht schlagen. Als Nachsuchenführer darf Schock per Gesetz durch sämtliche Gebiete streifen. Wäre er "nur" ein Jäger und würde mit einem Gewehr ein fremdes Revier betreten, wäre das bereits "vollendete Wilderei", erklärt er. Bei der Arbeit trägt auch der Hundeführer besondere Kleidung, um sich zu schützen. Eine robuste Jacke in Warnfarben und ganz wichtig: eine spezielle Hose, die mit einer Schnittschutzhose für Holzfäller zu vergleichen ist. Besonders verstärkt ist sie im Schritt. In der Hocke könnte es sonst leicht passieren, dass ein Wildschwein mit seinen scharfen Eckzähnen die Oberschenkelarterie verletzt. Das ist lebensgefährlich.


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Anerkannte Nachsuchenführer teilen sich in Bezirke auf. Schock ist in Nordbayern und der Oberpfalz tätig. Er muss also auch mal bis nach Regensburg. Wie bereits erwähnt, rufen ihn Jäger, wenn sie Wild nicht tödlich getroffen haben, oder die Polizei, wenn Wildschwein oder Reh bei einem Verkehrsunfall verletzt wurden. Außerdem sind Nachsuchenführer bei Bewegungsjagden dabei, besser als Treib- oder Drückjagden bekannt. Von September bis Januar fällt die meiste Arbeit für Helmut Schock und seinen Orgo an.

Ehrenamtlich unterwegs

In dieser Zeit sind die beiden beinahe täglich unterwegs. Das Handy ist immer in Reichweite, die meisten Anrufe erreichen ihn zwischen 7 und 9 Uhr. "Die längste Nachsuche hat einmal zwei Tage gedauert", erinnert sich der 55-Jährige. Geld bekommt er für die Arbeit keines, es ist ein Ehrenamt. Lediglich die teure Ausrüstung sowie Arzt- und Tierarztkosten sind über den Landesjagdverband versichert. Möglich mache dieses intensive Hobby auch sein Arbeitgeber, der Verständnis dafür habe.


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"Ja, mit kaputter Kleidung und zerkratztem Gesicht komme ich oft nach Hause", sagt Schock, während er mit Orgo durch den Mönchswald streift. Auch der Vierbeiner muss öfter zum Tierarzt. Denn ein Wildschwein, das im sogenannten Wundbett liegt und eigentlich sterben will, kann sehr aggressiv sein. Bei 80 Prozent der zu suchenden Tiere handle es sich um Wildschweine, weil sie "schuss- und generell härter im Nehmen sind" als Rehe – und in der Nacht schwieriger zu treffen: "Man sieht nur einen schwarzen ‚Bollen‘ und nicht, wo vorne und hinten ist."

Nicht zu täuschen

Im Mönchswald lässt sich nicht ganz nacherleben, wie sich Orgo tatsächlich verhält, wenn er am Ziel ist. Der erfahrene Sucher weiß, dass es sich um keine echte Verfolgung handelt. Denn auch wenn sein menschlicher Gefährte die Fährtenschuhe getragen hat, hinterlässt er dabei seinen eigenen Geruch.

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Steht Orgo kurz vor dem Wundbett, also dem Ort, wo sich das Tier hingelegt hat, stellt er seinen Kamm. Das Zeichen für Helmut Schock, ihn vom Schweißriemen zu lassen, damit er es verfolgen kann. Denn Wildschweine flüchten häufig.

Helmut Schock und sein Hund sind bereit, die gelegte Spur im Wald zu verfolgen.

23.04.2021 © Foto: Isabel-Marie Köppel


Danach sind die beiden nur noch per GPS verbunden. Hat der Rüde die Sau eingeholt, "tänzelt er um sie herum, damit sie nicht weiterkann, und gibt Laut". Zudem lenkt er so vom Menschen ab, der sich nun vorsichtig anpirschen muss, um das verletzte Tier letztlich töten zu können. Ist das geschafft, haben Helmut Schock und Orgo ihren Auftrag erfüllt.

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