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Montag, 21.10.2019

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"Tough Mudder" in Wassertrüdingen: 13.000 schwitzten im Schlamm

Teilnehmer mussten klettern, schwimmen und Teamgeist zeigen - 16.09.2019 07:07 Uhr

Auch unmittelbar nach dem Schlammhindernis war diese Gruppe aus Ingolstadt sichtlich vergnügt. © Peter Tippl


Gleich hinter dem Check-in auf freiem Feld wartet auch schon der Drill Instructor. Die Gruppe gibt sich wie alle anderen devot und folgt praktisch aufs Wort, auch beim sogenannten Gelöbnis. Kniend nachgesprochen, die linke Faust nach oben gereckt.

"Ich weiß, dass Tough Mudder kein Rennen ist, sondern eine Herausforderung", sprechen die angehenden Ultra-Hindernisläufer gemeinsam nach, Teamgeist ist außerdem wichtiger als die eigene Streckenzeit, Jammern etwas für Kinder. Wer ein richtiger Tough Mudder sein möchte, der klagt nicht, sondern beißt sich durch. "Ja ich schaffe das, ja wir schaffen das."

Danach nehmen sich die Teilnehmer noch kurz in den Arm: "Habt euch noch mal lieb!" Und sie haben sich noch mal lieb.

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"Tough Mudder": Schlamm, Teamgeist und viel kaltes Wasser

Über 13.000 Teilnehmer stellten sich in diesem Jahr der "Tough Mudder Challenge" in Wassertrüdingen. Es galt unter anderem, die Wörnitz zu durchschwimmen, den zehn Meter hohen Kletterturm "Mudderhorn" zu erklimmen und vor allem im Oettinger Forst Schlammhindernisse zu bewältigen.


"Ich mag es, an meine Grenzen zu gehen"

Etwa 13.000 Menschen haben sich am Wochenende durch den Oettinger Forst geschlagen, die meisten zwischen 20 und 40, ziemlich gut aussehend und ziemlich gut situiert und in ihrer Freizeit mal wieder auf der Suche nach einem ordentlichen Kick. Den lassen sich die Starter beim "Tough Mudder Süddeutschland" auch gerne etwas kosten; wer sich in der Woche davor für die 16-Kilometer-Variante mit Zeitmessung anmeldet, zahlt über 120 Euro, mit einigen Monaten Vorlauf knapp die Hälfte.

Dafür gibt’s schwere Arme und Beine gratis, ebenso unter anderem ein Finisher-Bier, ein Finisher-Stirnband und ein Finisher-Shirt. "Mudder Nation" steht heuer drauf, die wirklich Coolen tragen hinterher die Variante aus 2014. Seitdem gastiert der Adrenalin-Zirkus jährlich vor der Kleinstadt im Landkreis Ansbach, weil es, wie Pressesprecherin Laura Piehl schwärmt, ihre "schönste Location" sei. Die Wörnitz, der Wald, beschallt aus unzähligen Boxen und Megafonen. Da schlägt das Mudder-Herz natürlich schneller.

Maximilian Buschmann hat eine Stunde und 54 Minuten benötigt, eine Bomben-Zeit, ein paar Pommes lindern hinterher den großen Appetit des Modellathleten aus Krumbach im Allgäu. Angereist ist der junge Mann mit "Team Buschi", aber dann doch lieber Einzelkämpfer. "Ich mag es, an meine Grenzen zu gehen", sagt er, ebenso das Gemeinschaftserlebnis. Sogar seine Eltern hätten gemeldet, freilich bloß für die fünf Kilometer.

Bitte nicht mit Herzschrittmacher

Etwa fünf Wochen, erzählt Laura Piehl, dauert der Aufbau der insgesamt 25 Hindernisse, 20 Mitarbeiter seien damit beschäftigt gewesen, in Kooperation mit Garten- oder Gerüstbauern einen mal wieder denkwürdigen Parcours aus dem Boden zu stampfen. Das Eventformat spielt dabei gerne mit Sehnsüchten und Ängsten, egal ob vor der Höhe oder körperlichen Schmerzen.

Passiert ist in den bisherigen Auflagen nicht viel; hier und da mal ein dicker Knöchel oder ein verstauchtes Knie, die Pressesprecherin schüttelt den Kopf. Dennoch müssen selbst Zuschauer und freiwillige Helfer vorab eine Haftungsvereinbarung unterschreiben. "Das Tough Mudder ist eine risikoreiche Veranstaltung, die in einer gefährlichen und unwirtlichen Umgebung stattfindet", heißt es da explizit, "geringfügige Verletzungen kommen häufig vor", auch schwere Verletzungen "treten gelegentlich auf". Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Beim Rundgang durchschneidet zügig lautes Gelächter die ohnehin trügerische Idylle in einer Lichtung; dass die Spaßbekundungen meist etwas gequält klingen, wie nach sanften Peitschenhieben, lässt sich mit kurzen, nach unten hängenden Drähten erklären. Wer beim Robben nicht aufpasst, kassiert einen satten Stromschlag. "10.000 Volt", sagt die Pressesprecherin, "aber eine geringe Amperezahl." Trotzdem hört man vereinzelt auch Flüche.

Der Drill Instructor hatte lediglich Hobbysportler mit Herzschrittmacher gewarnt, auch vor der "Electroshock Therapy" kurz vor dem Ziel. Derlei Mutproben kann man lustig finden oder einfach bescheuert, ansonsten kommt die Mudder-Community aber voll auf ihre Kosten. Aus ganz Deutschland und sogar Österreich, Tschechien oder England sind die Leute angereist, um eineinhalb bis fünf Stunden wahlweise durch den Oettinger Forst zu spazieren oder zu hetzen und sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit Verve in den Matsch zu werfen.

"Noch vier dann Bier"

Die Pressesprecherin erzählt von einem Briten, der nur in diesem Jahr bereits 33-mal mit Gleichgesinnten in eine Schlammschlacht zog. Tough Mudder ist schließlich kein Wettkampf, "sondern ein Gemeinschaftserlebnis, was Schönes", schwärmt Laura Piehl, und das weltweit; anders als bei der Bundeswehr, wo sich die Soldaten häufig eher widerwillig steile Wände hochziehen oder unter Metallnetzen hindurchkriechen, gehört gute Laune auch in Wassertrüdingen zum Programm. Es ist einfach eine Riesen-Gaudi, nicht nur im "Feuchtgebiet", einem Wassergraben mit anschließendem, extrem rutschigen Lehmhügel.

Wer die lange Variante gewählt hat, kommt kurz darauf an einem Schild vorbei. "Keine Sorge, nur noch 15 Kilometer bis zum besten Bier deines Lebens", einem Sponsor sei Dank, circa 14 Kilometer später sind es: "Noch vier dann Bier." Soll heißen: Noch vier Hindernisse, darunter die "Electroshock Therapy", auch schon wurscht so kurz vor dem Finisher-Hemd und Finisher-Stirnband. Im Mudder-Shop warten noch andere Devotionalien wie Socken oder Hundeleinen, auch T-Shirts mit Gelöbnis-aufdruck.

Hauptsache geschafft. Jammern können andere.

Wolfgang Laaß

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