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Freitag, 03.07.2020

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Trainerin Nina Selz: "Wir Frauen sind härter im Nehmen"

Seit 50 Jahren sind beim FC Kalbensteinberg Frauen am Ball - 23.06.2020 18:15 Uhr

Akribisch und emotional - Nina Selz an der Seitenlinie. © SV Leerstetten


Warum haben Sie mit dem Fußball begonnen?

Ich habe als kleines Mädchen schon bei den Jungs mitgekickt. Dann habe ich eine Zeitlang Tennis gespielt. Das hat mir aber nicht so gefallen, weil es keine Mannschaftssportart ist. Dann gab es in Kalbensteinberg eine Mädchenmannschaft und dadurch habe ich mit dem Fußball angefangen. So viele Alternativen gab es damals nicht.

Wann war das?

Im Jahr 1998. Damals war ich 14.

Welche Reaktionen gab es im Freundeskreis und in der Familie?

Durchweg positive. Bis auf meine beiden Opas, die haben das am Anfang nicht so verstanden. Aber die haben dann trotzdem immer zugeschaut bei Spielen.

Was haben die Opas gesagt?

Die waren halt sehr konservativ eingestellt und haben gesagt: "Ein Mädchen spielt nicht Fußball." Die dachten, ein Mädchen macht andere Sportarten, zum Beispiel Reiten oder Ballett. Aber ein Mädchen spielt doch nicht Fußball!

"Schaue lieber beim Club zu"

Wie hat sich der Frauenfußball seit Ihren Anfängen als Spielerin gewandelt?

Ich glaube, er ist mittlerweile in der Gesellschaft etablierter und auch anerkannt – wenn auch bei weitem nicht so wie der Herrenfußball. Das finde ich aber auch nicht so tragisch. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich finde Herrenfußball im Fernsehen im Vergleich zum Damenfußball nach wie vor attraktiver. Ich schaue lieber beim Club zu als bei der Damen-Bundesliga.

Der Beginn einer Ära: Mit dieser Mannschaft fing 1970 alles an. © FC Kalbensteinberg


Warum ist das so?

Herrenfußball ist einfach schneller, wobei die Damen da unwahrscheinlich aufgeholt haben. Zu meiner Jugendzeit war die Birgit Prinz ganz wichtig, die habe ich natürlich beobachtet. Aber so richtig verfolgt, habe ich den Frauenfußball damals nicht. Erst so in den letzten Jahren jetzt, die Bayern-Frauen oder auch die Nationalmannschaft.

Ist die gewachsene Popularität des Frauenfußballs auch eine Erfolgsgeschichte der Emanzipation?

Nein, das würde ich nicht so sagen. Ich glaube einfach, die Frauen, die da Fußball gespielt haben, die haben auf sich aufmerksam gemacht. Die waren Idole, waren Persönlichkeiten und dann hat man ihnen immer mehr Gehör geschenkt. Und jetzt kommen natürlich noch die Sozialen Netzwerke dazu, die es vor 20 Jahren auch nicht gegeben hat. Ich weiß nicht, ob das so viel mit Emanzipation zu tun hat, gerade auch, wenn man mit unseren ehemaligen Spielerinnen spricht.

Zum WM-Titel ein Teeservice

Was erzählen die so?

Da gab es schon immer wieder blöde Sprüche: "Was wollen die jetzt?", "Was müssen denn Frauen mit dem Ball rumkicken, jetzt machen die uns das auch noch nach!", "Jetzt müssen die nach dem Training wohl auch schon Bier trinken." Die erste deutsche Weltmeistermannschaft hat zur Belohnung übrigens ein Teeservice bekommen. Trotzdem muss man sagen, die Frauen in Kalbensteinberg waren bald relativ angesehen, hier war der Frauenfußball schon immer sehr erfolgreich. Der Verein wurde 1969 gegründet und die Frauenfußball-Abteilung gleich ein Jahr später. So ist das dann Hand in Hand gegangen.

Und die Frauen sind sogar erfolgreicher...

Ja, dadurch hatte der Verein immer das Aushängeschild Frauenfußball. Wir spielen ja auch heute höherklassig als die Männer. Seit 2014 sind wir aber eine Spielgemeinschaft mit Absberg, weil es von den Leuten her einfach nicht mehr anders machbar gewesen wäre. Bevor wir fusioniert haben, habe ich neun Jahr die Jugend in Absberg trainiert. Dadurch kam die Kooperation auch zustande.

Haben Sie sportliche Idole – früher und heute?

Also, als Trainer hat mich schon immer Werner Lorant begeistert (lacht.). Das können meine Spielerinnen wahrscheinlich bestätigen – wenn es mal nicht so läuft, dann fliegen bei mir auch Eiskoffer durch die Gegend. Lorant ist vielleicht nicht das positivste Vorbild, ich weiß, aber ich finde, man darf auch als Trainer Emotionen auf dem Platz zeigen. Als Fußballer hat mir immer Thomas Häßler sehr gut gefallen, von dem war ich ein großer Fan. Und im Frauenfußball Birgit Prinz.

Sie blicken jetzt auf 23 Jahre Fußball zurück. Was war das schönste Erlebnis in dieser Zeit?

Zum einen der Aufstieg und die Meisterschaft als Trainerin 2017 in der Bezirksliga. Vorher haben wir ein paar Jahre immer oben mitgespielt und dann waren wir endlich Meister. Mein eigener Aufstieg, als ich noch Spielerin war, von der Bezirksliga in die Bezirksoberliga, war natürlich auch ein super Erlebnis. Das müsste 2004/2005 gewesen sein. Als ich noch bei den Juniorinnen gespielt habe, haben wir viele Pokale abgeräumt. Da waren wir dann sogar mal im Kicker, das war auch ein Höhepunkt.

Vielleicht schaut eine Nationalspielerin vorbei

Aktuell lassen Sie den Trainingsbetrieb ruhen. Warum?

Keiner weiß, wann es weitergeht und wie es weitergeht. Und da muss ich ehrlich sagen, dafür jetzt jede Woche Individualübungen zu machen, ohne Spiele, fehlt uns der Reiz. Das haben wir in die Mannschaft so abgestimmt. Wenn die Kontaktbeschränkungen so weit aufgehoben sind, dass man am Ende des Trainings ein Abschlussspiel machen kann und danach zusammen ein Bier trinken, werden wir wieder trainieren. Für den Sommer haben wir ein Vorbereitungsprogramm geplant. Wenn es erlaubt ist, ziehen wir das durch.

Die Feier zum 50-jährigen Bestehen ist auf 2021 verschoben. Wie sehr schmerzt das?

Das schmerzt schon. Wir haben uns lange Gedanken gemacht und einen Festausschuss gegründet. Da legt man viel Zeit und Herzblut rein. Einige Mannschaften hatten schon für das Turnier zugesagt, wir waren auch an einer Nationalspielern dran, die eine Autogrammstunde machen sollte. Da wurde schon viel investiert, aber ganz klar: Gesundheit geht vor.

Robust im Zweikampf: Andrea Schütz vom FC Kalbensteinberg (im blauen Trikot) behauptet den Ball im Duell mit einer Gegenspielerin aus Leerstetten. © FC Kalbensteinberg


Neuer Termin ist der 7./ 8. August 2020. Was ist da geplant?

Freitags wird ein Ehrenabend stattfinden, nur für Vereinsmitglieder. Da soll es Ehrungen geben und einen Rückblick auf die Geschichte. Wir haben ganz viele Fotos – das ist halt der Vorteil an Frauen, die sammeln ihre Sachen. Ich habe auch noch alte Spielberichte von Fritz Reinwald, der den Frauenfußball im Verein lange Jahre geprägt hat und sowas wie der Gründervater ist. Das soll ein schönes Beisammensein werden, viele haben sich ja auch schon lange nicht mehr gesehen.

Was passiert Samstag und Sonntag?

Da ist ein Turnier auf einem Neuner-Feld geplant, da spielen neun Leute von Sechzehner zu Sechzehner. In der Urlaubszeit ist das besser als auf dem Großfeld, da ja doch immer Leute fehlen. Wir laden zehn befreundete Mannschaften ein bei denen wir auch selber schon auf Turnieren waren. Teams aus Köln, Augsburg und sogar der Schweiz sind eingeladen. Am Samstag sind die Gruppenspiele und ein Einlagenspiel ehemaliger Spielerinnen, am Sonntag die Platzierungsspiele. Samstagabend wird es eine Trikotparty geben, da unterstützen uns die Männer bei der Organisation.

"Damenfußball ist graziler"

Wie haben Sie und das Team die Zwangspause verbracht?

Die meisten haben Individualtraining gemacht, ich selbst habe auch mal wieder mehr trainiert. Als Trainer kommt man da sonst ja oft nicht so dazu. Und ich habe zwei kleine Kinder, die jetzt natürlich froh waren, dass die Mama nicht dreimal die Woche auf dem Sportplatz war. Die Große ist fünf Jahre alt und spielt übrigens auch schon Fußball.

Worin unterscheiden sich Frauen- und Männerfußball heute noch?

Frauen sind emotionaler, aber Frauen sind auch härter im Nehmen. Julian Nagelsmann hat das mal sehr schön gesagt: "Die Frauen stehen auf und spielen weiter, die Netto-Spielzeit ist gefühlt bei 85 Minuten. Da gibt's keine Verzögerung, kein Gejammer, da ist nie jemand bei der Schiedsrichterin. Das gefällt mir." Wir liegen eben nicht 30 Minuten auf dem Platz rum. Der Damenfußball ist graziler, dynamischer und schneller ist der Herrenfußball.

Wagen Sie doch mal eine Prognose: Geht die Saison im September weiter oder nicht?

Ich glaube, es geht weiter. Eigentlich hatte ich für dieses Jahr schon mit dem Fußball abgeschlossen. Aber in den letzten Wochen hat sich einiges getan. Weil ja jetzt die Saison 20/21 abgesagt ist, könnte ich mir vorstellen, dass wir im September und Oktober ein paar Spiele der Saison 19/20 nachholen. Dann eine Pause, weil das Wetter schlechter wird und wieder mehr Viren rumgehen. Und im April und Mai 2021 wird die Saison dann eben abgeschlossen. So könnte das gehen.

Zur Person: Nina Selz, Jahrgang 1984, steht bei den Frauen des FC Kalbensteinberg an der Seitenlinie. Bis 2009 war die Sozialpädagogin selbst Spielerin, beackerte mit viel Einsatz die linke Außenbahn. Eine Knieverletzung beendete ihre aktive Laufbahn. Ihren Biss hat sie dadurch nicht verloren – wie manch emotionaler Auftritt auf der Trainerbank beweist.

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