Unterwegs mit einem Hufschmied: Wenn es glüht, zischt und qualmt:

4.4.2021, 07:47 Uhr
Es zischt und stinkt ordentlich, wenn der Hufschmied das glühende Eisen an den Huf hält, um zu sehen, ob es passt.

Es zischt und stinkt ordentlich, wenn der Hufschmied das glühende Eisen an den Huf hält, um zu sehen, ob es passt. © Foto: Marianne Natalis

Seit knapp 30 Jahren ist der Gunzenhäuser Metallbaumeister Markus Lingg – den alle nur Mäx rufen – als Hufschmied tätig. Nicht alle seine "Kunden" sind so geduldig wie der elfjährige Wallach, der höchstens mal an der Lederweste des Hufschmieds knabbert, ansonsten aber wohl längst weiß, dass ihm von Lingg keine Gefahr droht.

Eigentlich wollte der 60-Jährige, der ursprünglich mal Optiker gelernt hat, immer mindestens die Hälfte seiner Arbeitszeit als Metallbauer arbeiten, ein Beruf, scheinbar wie geschaffen für seine großen Hände und sein mächtiges Kreuz. Doch die Nachfrage nach einem guten Hufschmied ist riesig und sein guter Ruf eilt ihm bis weit über seine persönlich gesetzten Einzugsgrenzen hinaus voraus. Trotz seiner klare Grenze von 30 Kilometern – "ich will doch arbeiten, nicht Auto fahren" – ist er mittlerweile rund zwei Drittel seiner Zeit als Hufschmied tätig.

300 bis 400 Pferde betreut Lingg, genauer kann er das gar nicht sagen. Und etwa 20 Esel sind auch noch darunter. Heute ist der Schmied in Sammenheim, dort warten auf dem Hof von Josef Schnöller drei Pferde auf die Hufpflege. Nicht nur die Tiere kennen ihren "Fußpfleger" mittlerweile gut, auch zwischen Schnöller und Lingg ist der Ton sehr vertraut. Ganz zufrieden sei er aber dennoch nicht mit seinem Schmied, vertraut der Pferdebesitzer der etwas verdutzten Reporterin vom Altmühl-Boten gleich mal an, denn früher habe der Hufbeschlag bedeutet, dass man mit allen Informationen aus dem Umkreis versorgt worden sei, von Mäx dagegen erfahre er nie etwas Neues, schmunzelt Schnöller.

Gasofen im Transporter

Pediküre beim Pferd: Das Säubern und Ausschneiden der Hufe ist eine anstrengede Arbeit und allein kaum machbar. Deshalb halten in der Regel die Besitzer der Pferde, wie hier Josef Schnöller, auf.

Pediküre beim Pferd: Das Säubern und Ausschneiden der Hufe ist eine anstrengede Arbeit und allein kaum machbar. Deshalb halten in der Regel die Besitzer der Pferde, wie hier Josef Schnöller, auf. © Foto: Marianne Natalis

Dabei stimmt das so nicht. Wenn sie nicht gerade meine Fragen beantworten, dann tauschen die beiden durchaus Neuigkeiten aus, etwa von der alteingesessenen Gunzenhäuser Metzgerei, die zu ihrem Bedauern demnächst dicht macht.

Die Prozedur ist im Prinzip bei jedem Pferd gleich: Erst kommen die Eisen runter, dann werden die Hufe – die genauso wie unsere Finger- und Zehennägel ständig nachwachsen – geschnitten und glatt gefeilt. Zwischendurch hat Lingg schon einmal die Hufeisen sozusagen ins Feuer gelegt: Einen Gasofen, der bis zu 1000 Grad Celsius heiß wird und den er in seinem Transporter immer dabei hat.

Rotglühendes Eisen

Das rotglühende Eisen richtet Lingg kurz mit dem Ballhammer auf dem Amboss in Form, und dann kommt der Moment, wo’s stinkt: Er brennt das heiße Eisen auf den Huf auf, um zu überprüfen, ob es passt. Eine Prozedur, die dem Tier keinerlei Schmerzen bereitet, denn Horn leitet so gut wie keine Wärme – und übrigens auch keine Kälte. Lediglich der Rauch und der Gestank machen manche Pferde nervös.

Bei seiner Arbeit trägt Lingg eine schwere Lederschürze und Schuhe mit Stahlkappen. Der 60-Jährige legt zudem großen Wert darauf, dass die Besitzer beim Hufbeschlag dabei sind. Das beruhigt das Pferd und zudem können sie ihm "aufhalten", das heißt, dass sie das Bein des Tieres halten, damit Lingg in Ruhe arbeiten kann. An heißen Sommertagen kommt es schon vor, dass die Pferdehalter diese Arbeit mit Sandalen erledigen wollen. Das allerdings ist keine gute Idee, denn nicht alle Pferde sind beim Hufbeschlag so lammfromm wie die Tiere von Josef Schnöller. Und wenn dann so ein Pferdehuf auf dem nur leicht bekleideten Menschenfuß landet, dann braucht es nicht viel Phantasie, um sich die blutigen und gebrochenen Zehen vorzustellen.

Ebenfalls zum Standard-Outfit des Gunzenhäuser Schmieds gehört die Lederweste, sein "Verbissschutz". Letztes Jahr war Lingg kurz davor, sie wegzuschmeißen, so ramponiert war das gute Stück von all den knabbernden Pferdezähnen. Doch letztendlich hat er sie dann doch mit vielen Nieten repariert und verstärkt. Das hat ihn so einige Abende beschäftigt.

Bevor Mäx Lingg mit seiner Arbeit beginnt, lässt er sich zur Kontaktaufnahme von den Tieren erst einmal ein bisschen beschnuppern, damit sie wissen, mit wem sie es zu tun haben. Leckerlis hat er allerdings nie in der Tasche. Nur wenn der Besitzer ihm explizit einen Beruhigungshappen für das Pferd gibt, ist das für den Schmied okay.

Manche Pferde, berichtet Lingg, "haben einfach Angst". Sie sind dann so nervös, dass sie für den Hufbeschlag sediert werden müssen. Meistens hilft eine entsprechende Paste ins Maul, in ganz schlimmen Fällen muss der Tierarzt kommen und eine Spritze geben.

Fast nur Freizeitreiter

Ob ein Pferd eher schreckhaft ist oder gelassen, das erkennt Lingg sehr schnell. Die meisten Tiere, die Lingg beschlägt, zählen zur letzten Kategorie. Ein Vorteil ist dabei nach seinen Worten sicher, dass auf dem Land die Tiere bei ihren Besitzern auf dem Hof stehen. Die Rösser wissen, wo sie hingehören und vor allem, "wer der Chef ist", sagt Lingg. Zudem sind die meisten seiner Kunden Freizeitreiter. Diese Pferde sind in der Regel gesünder als diejenigen, die Leistungssport betreiben müssen. Wenn er bei Tagungen hört, mit welchen Problemen sich seine Kollegen bei Turnierpferden herumschlagen müssen, dann ist er "heilfroh" um seine Kundschaft.

Letzter Feinschliff: Auf dem – natürlich selbstgeschmiedeten – Bock feilt Mäx Lingg letzte Unebenheiten glatt.

Letzter Feinschliff: Auf dem – natürlich selbstgeschmiedeten – Bock feilt Mäx Lingg letzte Unebenheiten glatt. © Foto: Marianne Natalis

Dass seine Arbeit nicht mit dem ersten Nagel beginnt, den er aus dem Huf zieht, das hat Mäx Lingg bereits auf der Hufbeschlagschule der Tierärztlichen Hochschule in Hannover, wo er seinen Abschluss gemacht hat, verinnerlicht. Dort wurde das Vortraben förmlich "durchexerziert". So kann das Tier als Ganzes betrachtet werden, und der Gang sagt viel über seine Gesundheit aus. Natürlich ist Lingg kein Tiermediziner, aber die Anatomie der Pferde ist Teil der Ausbildung und Fehlstellungen erkennt er sofort. Auch wenn die Eisen wieder drauf sind, lässt er das Pferd noch einmal vortraben, bevor er seine Sachen zusammenpackt.

Ähnlich wie beim Menschen werden Fehlstellungen übrigens auch beim Pferd mit "Einlagen", die zwischen Huf und Eisen angebracht werden, ausgeglichen. Und bei Schnee und Eis hilft "Winterbereifung" weiter: Der sogenannte Schneegrip verhindert, dass sich Schnee und Eis unter dem Huf zu einer dicken Schicht ansammelt.

Bei Wind und Wetter

Jeden Nachmittag und jeden Samstag verbringt der Gunzenhäuser bei Wind und Wetter in oder meistens eher vor einem Pferdestall. Und Hufbeschlag ist durchaus harte Arbeit. Noch "anstrengender" als am Bau sei das, sagt Lingg, "aber auch schöner".

Geschont werden müssen die Rösser nach dem Hufbeschlag nicht. Das hat Lingg schon bei seinem einjährigen Ausbildungspraktikum auf der Trabrennbahn in Mariendorf in Berlin gelernt. Dort wurden den Pferden erst kurz vor dem Rennen die Trainingseisen abgenommen und die leichteren Renneisen aus Alu angelegt. Direkt nach dem Wettkampf wurde wieder gewechselt.

Anders sieht das aus, wenn Pferde ganz neu im Stall sind, sie schon länger nicht mehr beschlagen wurden – dann muss sich das Pferd erst wieder an die frisch ausgeschnittenen Hufe gewöhnen – oder, natürlich, wenn sie krank sind. Josef Schnöller gönnt seinen Pferden trotzdem nach jedem Beschlag einen Tag Auszeit.


Sie möchten mehr über Pferde erfahren und sich mit anderen Pferdfreunden und -freundinnen austauschen? Dann besuchen Sie doch mal unsere Facebook-Gruppe "Pferdefans in Franken".

Keine Kommentare