Donnerstag, 09.04.2020

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Walter Sittler in Gunzenhausen

Der bekannte Schauspieler begeisterte mit "Weihnachten mit Erich Kästner" in der Stadthalle - 18.12.2019 06:08 Uhr

Die Berge rufen: Über Schnee und Eis könne er nicht im sommerheißen Berlin schreiben, meinte Walter Sittler alias Erich Kästner – und machte sich zu Beginn der Revue auf in die verschneiten Alpen. © Babett Guthmann


  In der Stadthalle nahmen Walter Sittler und seine musikalischen Begleiter, die Sextanten, das Publikum mit in die "stade Zeit" der 1920er- bis 1950er-Jahre und präsentierten ein nostalgisches "Weihnachten mit Erich Kästner".

Das Programm mit winterlichen und weihnachtlichen Geschichten, mit Briefzitaten, Essays und Romanauszügen ist schon die dritte literarisch-musikalische Revue zu Ehren von Erich Kästner, in der Walter Sittler Bundhosen trägt und in der Rolle des Schriftstellers, Publizisten und liebenden Sohnes aufgeht. Zum dritten Mal dabei sind auch die "Sextanten" um den Komponisten und Arrangeur Libor Šíma, der für den stimmungsvollen Kästner-Abend die schönsten europäischen Weihnachtslieder für Orgel, Trompete, Geige, Saxofon, Kontrabass und Schlagzeug arrangiert hat.

Das Programm beginnt mit einem Dilemma: Eine Weihnachtsgeschichte sollte verfasst werden, aber dazu musste Erich Kästner schon vor der Plätzchensaison zur Feder greifen. Da es gar zu schwer war, in den sommerheißen Berliner Straßenschluchten, wenn man "wie ein Schmorbraten im Familienbad liegt", in Dezemberstimmung zu kommen, machte der Schriftsteller eine Reise zur Zugspitze. Beim Anblick der schneeverhangenen Gipfel kamen dann die richtigen Bilder zustande: "Die kleinen Flocken tanzen ein Ballett und die viel zu großen Berge sehen zu…" oder "Der Himmel glitzerte wie ein unendliches Juweliergeschäft…".

Erich Kästner war ein feiner Beobachter, hielt Distanz zu der gut situierten Gästeschar im Berghotel, und dennoch gelang es ihm, Freundschaften zu schließen und diese auch ernst zu nehmen. Es kann auch einmal die Freundschaft zu einem Kalb sein, das selbstverständlich sofort einen Namen bekommt: Kalb Eduard kam jeden Abend an Kästners Schreibplatz vorbei und signalisierte, es sei Zeit, den grünen Bleistift wegzulegen, um ins Hotel zurückzukehren. "Vor dem Hotel verabschiedeten wir uns, denn Eduard wohnt nicht im Hotel", scherzte der Autor.

Kein einfaches Klientel

Dass in einem Hotel aber dennoch allerhand andere Kalbsköpfe ihren Unterschlupf finden und dort Zeit verbringen, konnte Kästner bei seinen Aufenthalten in Garmisch-Partenkirchen, im Parkhotel Luitpold in Oberstdorf oder im Grandhotel Kitzbühel beobachten. Augenzwinkernd schlug er sich dabei auf die Seite der Gastgeber: "Man freut sich über das Geld der Gäste, aber lieber wäre es den Hiesigen, wenn sie das Geld überweisen würden, statt es persönlich vorbeizubringen!" Mit Genuss rezitierte Walter Sittler das Gedicht "Vornehme Leute, 1200 Meter hoch", in dem die Hotelgäste als bornierte Zeitgenossen beschrieben werden: "Sie schwärmen sehr für die Natur und heben den Verkehr. Sie schwärmen sehr für die Natur und kennen die Umgebung nur von Ansichtskarten her."

„Von der Kunst, weiterzuleben“: Walter Sittler rezitierte Erich Kästners Festrede zum Jahreswechsel 1945/46, und die Musiker von den „Sextanten“ prosteten ihm zu. © Babett Guthmann


Viele Beobachtungen der Hotelgäste sind auch in den Roman "Drei Männer im Schnee" eingeflossen. Hier schildert Kästner, wie der Städter auf dem Berggipfel "vor lauter Glück und Panorama" den Verstand verlieren kann, um sich anschließend mit den Skiern zu Tale zu stürzen. Sodann trennt sich die Schar der Gäste in zwei Gruppen: Die einen gehen ins Hotel zurück, die anderen bringt man zum Arzt. Erwähnt wird auch der wichtigste Hotelangestellte, der Animateur: Dieser könne "höchstens bis drei zählen, aber dies bloß bei günstigen Wetterbedingungen".

Falscher Weihnachtsmann

Schmunzeln durfte das Publikum, wenn Onkel Erich von seinem Neffen als falscher Weihnachtsmann enttarnt wurde – oder wenn Kästner von einem falschen Weihnachtsmann beklaut wurde, der sich übrigens beim Einschleichen in die Schriftstellerwohnung darüber beklagte, dass die falschen Weihnachtsmänner wie Pilze aus dem Boden schössen.

Wer Walter Sittler als Erich Kästner so unbefangen plaudern gehört hat, der mag es kaum glauben: Den winterlichen Unterhaltungsroman hat Kästner im Jahr 1934 verfasst, er durfte nur im deutschsprachigen Ausland erscheinen. Die Nationalsozialisten hatten 1933 auch Kästners Bücher verbrannt, dennoch emigrierte dieser nicht. Er arbeitete vielmehr unter Pseudonym an Unterhaltungsfilmen mit, sprach später von seiner persönlichen Gewissensnot.

In Zeiten der Not

1942 wurde der Autor mit einem totalen Schreib- und Publikationsverbot belegt. Weihnachten 1945 war er aber wieder da, mit einer gewissen Niedergeschlagenheit im Schreibton, aber damit auf Höhe der Zeit: "Morgen, Kinder, wird’s nichts geben" – so texte er in der Not der Nachkriegswirren ein Weihnachtslied um. Er erzählte von seinem ersten Weihnachtsfest, das er 1945 getrennt von seinen Eltern verbringen musste. Die lebten in der sowjetischen Besatzungszone in Kästners Geburtsstadt Dresden, während der Schriftsteller aus dem ausgebombten Berlin nach München geflohen war.

Weihnachten 1945 – Geschenke gab es keine, allenfalls aus alten Soldatenmänteln geschneiderte Puppen oder Lampen, an denen der Stecker fehlte. "Erinnerungen sind unser einziger Besitz, der uns wärmen kann", schrieb der Autor der kleinen Leute. In seinem Festartikel kommt die Abrechnung mit dem Unrechtsregime nicht zu kurz: Die "teuflischste Seelenverderbnis aller Zeiten" und damit die "Ratlosigkeit des Gewissens" sei über das Land gekommen. Den Neuanfang konnte Kästner gut markieren: "Zündet die letzte Kerze an! Umarmt euch und hofft auf Frieden!" Und in der Festrede zum Jahreswechsel 1945/46 "Von der Kunst, weiterzuleben" heißt es: "Es kommt darauf an, die Spielregeln des Lebens nicht für das Leben selbst zu halten!"

Bebildert wurde das gesamte Revueprogramm mit Projektionen von winterlichen Großstadtszenen, von munterem Schneegestöber oder schneebedeckten Ruinen. Die einfachen Zeichnungen passten gut zu den in Alltagssprache verfassten Kästner-Texten.

Walter Sittler las die wenigsten Texte ab, Gedichte und lange Erzählpassagen trug er frei vor, als ob er selbst der Urheber der Texte sei und man ihn beim Formulieren beobachten könne. Der Schauspieler machte sich nahbar und kam dem Publikum nahe – so wie es mir eine Besucherin in Erinnerung an die vergangene Kästner-Revue mit Walter Sittler vorhergesagt hatte: "Du sitzt da und meinst, er spricht nur für dich!".

BABETT GUTHMANN E-Mail

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