Fast wie im Schlaraffenland

Wird Gunzenhausen eine "Essbare Stadt"?

17.8.2021, 05:59 Uhr
Das österreichische Kirchberg am Wagram ist die erste

Das österreichische Kirchberg am Wagram ist die erste "Essbare Gemeinde". Im "Alchemistenpark" ist die Obsternte längst ein Ereignis, an dem sich Alt und jung beteiligen. © Siegfried Tatschl, NN

Meyer will die Stadt "mit Gurken und Tomaten vollpflanzen" habe es in einem Radiobericht geheißen, als er vor rund zwei Jahren die Idee, die ursprünglich aus Österreich stammt, erstmals in Weißenburg vorgestellt hat. Davon kann, betonte der Inhaber des "Botanicums" und Weißenburger Stadtrat, allerdings keine Rede sein. Vielmehr geht es darum alte, und damit - mit Blick auf den Klimawandel - robustere Obstgehölze zu pflanzen.

Trauben von der Ölweide

Hier eine Indianerbanane zupfen, dort ein paar Trauben von der Essbaren Ölweide fürs Abendessen mitnehmen und aus den Kirschpflaumen leckere Marmelade produzieren - in der Gemeinde Kirchberg am Wagram kann die Bevölkerung genau das tun. Der Ort in der Nähe von Wien ist quasi die Mutter aller essbaren Gemeinden, dort wurde die Idee erstmals 2012 umgesetzt. Siggi Tatschl war der Vordenker, der in dem österreichischen Dorf den Stein ins Rollen brachte.

Ausgangspunkt der "Essbaren Gemeinde" Kirchberg war ein Naturspielplatz, der in Form eines Hohlwegs mit alten Obstgehölzen angelegt wurde. Mittlerweile ist das Projekt längst in den Ort hineingewachsen, im sogenannten Alchemistenpark findet alljährlich das Fest der Obstvielfalt statt und die Menschen reisen laut Meyer busweise an, um sich von dem Konzept inspirieren zu lassen.

Der Baumschulgärtner Gerd Meyer aus Weißenburg stellte im Gunzenhäuser Bauausschuss das Konzept

Der Baumschulgärtner Gerd Meyer aus Weißenburg stellte im Gunzenhäuser Bauausschuss das Konzept "Essbare Stadt" vor. © Botanik Weißenburg, NN

Motivieren möchte Meyer auch die im Ausschuss für Bauangelegenheiten, Stadtentwicklung und Umwelt sitzenden Stadträten und der Funke seiner farbenfrohen Erzählung - die er mit schmackhaften Kostproben aus eigenen Obstgehölzen untermalt - springt, wie sich später zeigen wird, auch beim ein oder anderen über. Alte, großteils vergessenen Obstsorten wie Sommerpfirsich, Maulbeeren oder Apfelbeeren gibt es bereits seit weit über 1600 Jahren. Sie sind sogenannte Permakulturen, sprich, sie brauchen eigentlich keinerlei Pflege und können vor allem, das ist die Hoffnung der Fachleute, dem Klimawandel trotzten.


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Und das ist für den engagierten Umweltschützer derzeit der wichtigste Antrieb. Er preise das Konzept nicht an, um selbst Nutznießer zu werden, betont er in der Sitzung, sondern ist vielmehr davon überzeugt, dass solche Aktionen angesichts des Klimawandels einfach dringend erforderlich sind. Je mehr gepflanzt wird, desto besser.

Nicht zu groß anfangen

Allerdings rät er dringend davon ab, zu groß anzufangen. Als Ausgangspunkt der "Essbaren Stadt" reicht nach seinen Worten eine Fläche von um die 5000 Quadratmeter oder auch kleiner aus, allerdings sollte die Möglichkeit der Erweiterung gleich gegeben sein. Ob den eine solche Fläche überhaupt einen "klimatischen Effekt" habe, wollte Sigrid Niesta-Weiser (FDP) wissen und bekam dafür ein uneingeschränktes "Ja" als Antwort. Denn eine bepflanzte Fläche könne schon nicht versiegelt werden, zudem spenden die Gehölze bei heißen Sommern Schatten und Kühle.

Und es gibt noch einen weiteren, nicht zu unterschätzenden Vorteil: Das Obst von diesen Gehölzen "beinhaltet noch alles, was die Natur ihm mitgegeben hat", betont Meyer.

Im österreichischen Kirchberg gedeihen mittlerweile über 200 alte Obstsorten, erzählt Meyer. Zur Ernte kommen Menschen aus allen sozialen Schichten, der Alchemistenpark sei zu einem echten Treffpunkt geworden. Und: das Dorf punktet mit dem Leuchtturmprojekt "Essbare Gemeinde" längst auch im Tourismus.

Der Pflegeaufwand, beantwortete der Fachmann entsprechende Fragen aus der Runde, sei in den ersten Jahren gering und gehe dann gegen Null. Diese Gehölze seien Permakulturen "im Sinne von pflanzen und vergessen". Gießen sei nicht notwendig, im Jahr rechnet Meyer mit zwei Pflegegängen à fünf Stunden.


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Das Obst, sagt Meyer noch, sei die Chance, "die Menschen emotional zu packen und mit einzubinden". Dazu müssen sie verstehen, was sie vor sich haben, erst dann könnten sie es wertschätzen. Der Rote Eiserapfel beispielsweise bekomme bereits im September seine schöne Farbe - genießbar sei er aber erst im November. Solche wichtigen Informationen können Schilder an den Gehölzen vermitteln.

Die leuchtend orangen Früchte der Essbaren Ölweide laden in Kirchberg am Wagram zum Pflücken und Genießen ein.

Die leuchtend orangen Früchte der Essbaren Ölweide laden in Kirchberg am Wagram zum Pflücken und Genießen ein. © Siegfried Tatschl, NN

Meyers Ausführungen, fasste es Bürgermeister Karl-Heinz Fitz am Ende zusammen, stießen im Bauausschuss auf "großes Interesse". Man werde das Konzept im Auge behalten, etwa für das neue Baugebiet am Reutberg. Explizit dankte Fitz schließlich noch der Grünen-Stadträtin Kerstin Zels, auf deren Anregung hin das Thema auf die Tagesordnung gekommen war.

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