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Hebammen-Mangel in Franken: Gebären nur werktags

Für die Kliniken wird es immer schwieriger, geeignetes Personal zu finden - 25.11.2016 15:48 Uhr

Durch die zunehmende Zentralisierung der Geburtshilfe verändert sich auch die Arbeit der Hebammen. Sie arbeiten immer häufiger an großen Kliniken und haben mit den dortigen Arbeitsbedingungen zu kämpfen.

23.11.2016 © Foto: Günter Distler


Im Schwabacher Stadtkrankenhaus können seit bald zwei Jahren keine Kinder mehr zur Welt kommen, im Juli wurde auch der Kreißsaal in Neuendettelsau geschlossen. Selbst eine Stadt wie Bad Kissingen hat mittlerweile keine Geburtsstation mehr. In München, Stuttgart oder Freiburg mussten schon Frauen, die mit Wehen vor der Krankenhaustür standen, abgewiesen werden. Seit 1991 schlossen bundesweit 40 Prozent der Kreißsäle. Im oberbayerischen Schrobenhausen musste das Krankenhaus mehrere Monate lang seinen Kreißsaal schließen, nur noch planbare Kaiserschnitt-Geburten waren möglich. Der Grund: akuter Hebammen-Mangel.

Das gleiche Schicksal ereilte im Sommer 2015 das Krankenhaus in Lauf an der Pegnitz, wo pro Jahr etwa 600 Kinder geboren werden. "Mehr als die Hälfte der Kolleginnen ist gegangen, wegen der Versicherung", erzählt die Laufer Hebamme Marina Fuchs. Viele Freiberuflerinnen sind wegen der dramatisch gestiegenen Kosten für die Berufshaftpflichtversicherung aus dem Beruf ausgestiegen.

Die Folge in Lauf: Im August 2016 blieb der Kreißsaal an den Wochenenden geschlossen, nur werktags konnte man hier noch Kinder zur Welt bringen. Ab September kamen zwar wieder neue Hebammen zur Verstärkung, eine Versorgung rund um die Uhr ist seither gewährleistet. Doch der Schaden ist nachhaltig. „Den Ruf, dass wir nicht immer geöffnet haben, sind wir bisher nicht wieder losgeworden“, bedauert Fuchs.

Jahrelange Prozesse

Mittlerweile hat sich das Problem mit der Versicherung teilweise gelöst. Durch eine Neuregelung bekommen die Hebammen etwa zwei Drittel der Kosten zurückerstattet. "Viel schlimmer ist aber, dass bei Zwischenfällen bei der Geburt immer ein Hauptschuldiger gesucht werden muss. Das führt dazu, dass jeder versucht, nicht schuld zu sein. Die Folge sind Verschleierung und jahrelange Prozesse, bei denen alle als Verlierer hervorgehen", sagt Astrid Giesen, Vorsitzende des Bayerischen Hebammen Landesverbandes. Sie kenne keine Hebamme, die nach einem solchen Prozess noch weiterarbeitet. Gut sei ein Entschädigungsfonds wie in Skandinavien.

"In Deutschland kommt es zu einer zunehmenden Zentralisierung der Geburtshilfe, aus ökonomischen und aus qualitativen Gründen", stellt Giesen klar. An den großen Kliniken explodieren die Geburtenzahlen.

Rekord in Nürnberg

Die Nürnberger Klinik an der Hallerwiese hat von 2175 Geburten im Jahr 2005 auf zuletzt 3325 zugelegt. Das Nürnberger Theresien-Krankenhaus hat im Februar seine drei modernisierten Kreißsäle wiedereröffnet und verzeichnet jetzt schon 700 Geburten. Vor der Renovierung waren es im gesamten Jahr nur 600. Auch die Fürther Kreißsäle sind voll belegt.

"Viele Hebammen finden in den großen Kliniken nicht die Bedingungen, die sie sich für ihre Arbeit wünschen. Sie wollen keine medizinische Überwachungsperson sein, sondern den Frauen einen schützenden Raum bieten, um das Kind aus eigener Kraft zur Welt zu bringen", erklärt Giesen. Vielerorts herrsche Personalmangel, Hebammen geben auf, weil sie sich überlastet fühlen und zusätzlich organisatorische Aufgaben leisten müssen.

Mehr Geburten in Ansbach, Rothenburg und Dinkelsbühl

"Es gibt nicht weniger Hebammen, aber sie arbeiten weniger. Viele sagen sich: Bei 450 Euro ist Schluss, diesen Stress gebe ich mir unter diesen Bedingungen nicht, da habe ich lieber mehr Zeit für die Familie", erzählt Giesen.

Auch im Kreis Ansbach spürt man die Konzentrierung. Am Klinikum Ansbach gab es 2005 noch 612 Geburten, in diesem Jahr sind es über 1000, sogar ein dritter Kreißsaal ist entstanden. In Rothenburg hat man die 500. Geburt in diesem Jahr schon einen Monat früher erreicht als zuletzt. Und auch in Dinkelsbühl kommen pro Jahr 300 bis 350 Kinder zur Welt.

Nicht nur die Schwangeren, die zuvor die nun geschlossene Geburtsstation in Neuendettelsau angesteuert hätten, strömen nun nach Ansbach. Auch die 2009 und 2010 geschlossenen Abteilungen in Bad Windsheim und Gunzenhausen sowie die Schließung in Schwabach wirken sich aus. Klinik-Sprecher Thomas Warnken fürchtet jedoch trotz des Zuwachses keine Überlastung: "Wir sind auf einen Baby-Boom vorbereitet."

Martin Müller

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