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Firma Hörluchs aus Hersbruck erhält Innovationspreis

Vom Gehörgang ins Rampenlicht - Jährlich 45.000 Unikate - 18.10.2013 11:28 Uhr

Für dieses Hörgerät am Lärmarbeitsplatz bekam Erfinder Thomas Meyer mit seiner Firma den Innovationspreis. © A. Pitsch


Es war schon eine Herausforderung, an die sich Thomas Meyer 2007 im Keller seines verwinkelten Bauernhauses in Ellenbach machte: Ein Hörgerät am Lärmarbeitsplatz. Das dort zu tragen, war sogar per Arbeitsschutzgesetz bis 2011 nicht gestattet, weil „das Ohr dadurch weiter geschädigt wurde“, erklärt Meyer. Immer wieder traf Meyer bei der Anpassung von Gehörschutz in Firmen auf Mitarbeiter, die aufgrund dessen schwere Probleme hatten, ihren Beruf auszuüben. Die Aufgabenstellung für den Tüftler lautete: Den Lärmpegel am Trommelfell auf unter 85 Dezibel zu reduzieren, die Sprache aber voll zu erhalten. „Geht das audiologisch überhaupt?, habe ich mich schon gefragt, weil selbst die Premium-Modelle anderer Hersteller das nicht konnten“, blickt Meyer zurück.

Er musste also eine entsprechende Programmierung erarbeiten, die Signalverarbeitung ändern und eine Otoplastik, also ein Formpassstück für Ohrmuschel und Gehörgang, finden, das komplett abdichtet. Und das war noch nicht alles. „Wenn die Sprache 60 bis 70 Dezibel laut ist, erkennt ein normales Hörgerät die Wörter“, erläutert Meyer. An einem Lärmarbeitsplatz redet man aber lauter, schreit - das ändert die Sprachmodulation. Auch das muss das neue Hörschutzgerät erkennen können. Es folgten Jahre des Entwickelns und das entstehende, von der Hörgeräte-Firma getrennte kleine Unternehmen hatte anfangs noch nichts, „keine Hand- und Laser-Fertigung, keinen Vertrieb“. Das bauten Meyer und seine mittlerweile 18 Mitarbeiter parallel zur Tüftelei auf.

Herausforderungen für das neue Hörgerät

Heute werden jährlich rund 45.000 individuelle Stücke im Ellenbacher Bauernhaus als Unikate gefertigt. 2011 war es dann so weit: Das ICP (Insulating Communication Plastic), eines von insgesamt vier Produkten, das außer Hörluchs keiner weltweit hat, wurde zertifiziert, das Gesetz geändert. Der Weg in die lauten Produktionshallen war frei - und wurde von den Firmen geebnet: „Das ICP wurde positiv aufgenommen“, sagt Meyer. Kein Wunder, denn vorher haben die Mitarbeiter entweder keinen Schutz getragen oder durch das Benutzen falscher Geräte einen extremen Hörverlust erlitten. Die eine oder andere Arbeitskraft fiel dadurch irgendwann aus.

Jetzt können diese Angestellten ein ICP angepasst bekommen, Rentenversicherung, Krankenkassen und Berufsgenossenschaft übernehmen die Kosten. Von Bremen bis zum Bodensee und in ganz Europa werden 2500 Akustiker mit Gehörschutzsystemen aus Hersbruck versorgt. Denn zum reichhaltigen Portfolio des Mittelständlers, der fast alles selbst herstellt - eine Seltenheit - gehören auch verschiedene Otoplastiken aus weichem Silikon, hartem Material oder einer ebenfalls neuartigen Hart-Weich-Mischung. Diese „Ohrstöpsel“ sind dabei nicht nur für die Industrie gedacht, sondern auch für den privaten Bereich: Jäger, Schwimmer wie die Brüder Deibler in der Nationalmannschaft, Motorradfahrer, Schützen oder Musiker können ihre Ohren schützen, ein feiner Kohlefilter lässt aber bestimmte Geräusche durch - wie die Sprache.

Wirtschaftstag der Volks- und Raiffeisenbanken

Und über die Firma Hörluchs gesprochen wurde gestern in der Heinrich-Lades-Halle sehr viel: Im Rahmen des großen Wirtschaftstages der Volks- und Raiffeisenbanken wurde zum 23. Mal der beste bayerische Mittelständler geehrt und „Hersbruck dadurch zum Nabel der Welt“, wie einige Besucher scherzten. Nicht ganz unpassend, denn die Stadt ist vom Mittelstand geprägt, der im Freistaat 40 Prozent des wirtschaftlichen Gesamtumsatzes ausmacht. Laut Laudator Prof. Dr. Stephan Götzl, Präsident des Genossenschaftsverbands in Bayern, stehe der „German Mittelstand“ für Qualität - genau wie die Firma Hörluchs, der er „tolle Wachstumschancen“ prophezeite und die er als ein „Paradebeispiel an Beharrlichkeit“ bezeichnete.

Daher stand der „hidden Champion“ (versteckter Held), das sind Götzl zufolge die Mittelständler, Thomas Meyer nun dank seiner einzigartigen Kombination aus Hörgerät und Lärmschutz im Rampenlicht auf der großen Bühne und bekam von Wirtschafts- und Heimatminister Dr. Markus Söder den mit 20.000 Euro dotierten Preis überreicht. Nicht nur der Raiffeisenbank, deren Hersbrucker Filiale den „Stups“ zur Bewerbung gab („Wir sind sehr stolz drauf“, so Marketingleiter Klaus Rostek und Vorstandsvorsitzender Georg Mertel), ist das ICP aufgefallen: Es ist eines der nominierten Projekte in der Kategorie „Produktlösungen, kleine und mittelständische Unternehmen“ beim Deutschen Arbeitsschutzpreis. Dieser wird am 5. November in Düsseldorf verliehen. Noch eine Auszeichnung wäre schon schön, aber Thomas Meyer braucht das nicht, um zu wissen, dass seine Innovation wertvoll für den Menschen ist.

Andrea Pitsch

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