Samstag, 18.01.2020

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Fünf Jahre nach Brandanschlag: Vorra hat sich erholt

Medien aus aller Welt pilgerten in den 1800-Seelen-Ort - 12.12.2019 05:50 Uhr

Vor fünf Jahren brannte es im ehemaligen Gasthof "Goldene Krone" in Vorra. Weil an einem Nebengebäude rechtsextreme Schmierereien gefunden wurden, erregte der Fall international Aufmerksamkeit. © Foto: Siegfried Fuchs


Dass Vorra es jemals in eine der größten US-amerikanischen Zeitungen, die New York Times, schaffen würde, hatte Bürgermeister Volker Herzog wohl nie erwartet. Den Grund für das Erscheinen in der transatlantischen Presse allerdings auch nicht. Am Abend des 11. Dezember 2014 steckten Unbekannte den ehemaligen Gasthof "Zur Goldenen Krone" in Brand. An der heutigen Waschküche, die zwischen den Gebäuden liegt, finden sich Schmierereien: "Kein Asylat in Vorra", heißt es in roter Farbe auf der weißen Mauer des Häuschens, flankiert wird der fehlerhafte Schriftzug von zwei Hakenkreuzen.

Der Gedanke des rechten Terrors lässt Medien aus aller Welt in den 1800-Seelen-Ort pilgern, schon am nächsten Morgen macht sich der bayerische Innenminister Joachim Herrmann ein Bild vor Ort. Anderthalb Jahre später wird aus dem politischen ein wirtschaftliches Verbrechen: Die Schmierereien sollen nur zur Ablenkung gedient haben, ein Mitarbeiter und der Inhaber der Baufirma sollen versucht haben, Baumängel zu vertuschen. Am Ende reichen die Indizien dem Landgericht Nürnberg-Fürth nicht für eine Hauptverhandlung aus.

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Feuer und Hass: Geplante Flüchtlings-Unterkünfte brannten

Drei geplante Flüchtlingsunterkünfte haben Mitte Dezember 2014 in Vorra (Nürnberger Land) gebrannt. An einem Anbau waren rechtsradikale und fremdenfeindliche Schmierereien angebracht worden. Die Polizei ermittelte wegen des Verdachts auf Brandstiftung. Doch am Ende reichten die Indizien dem Landgericht Nürnberg-Fürth nicht für eine Hauptverhandlung aus.


Fünf Jahre nach dem Feuer sind die Asylunterkünfte in Betrieb. Kinderspielzeug liegt im Bereich der Gebäude herum, Fahrräder stehen sauber aufgereiht in den Ständern. "Der Gemeinde Vorra geht es gut", sagt Bürgermeister Volker Herzog. Doch lässt er im Gespräch durchblicken, dass er sich um den Ruf des Ortes durchaus Sorgen gemacht hat: "Was die Berichterstattung über die Gemeinde anbelangt, sind wir gut weggekommen."

Gutes Klima statt rechtsradikales Gedankengut

Das macht er am politischen Klima im Ort fest. Es habe zum Zeitpunkt des Anschlags und davor keine Anzeichen gegeben, dass gewaltbereite Rechtsradikale in Vorra ihr Unwesen treiben könnten. Auch deshalb habe man schnell den Entschluss gefasst, die Gebäude nach ihrer Renovierung trotzdem als Aufnahmeeinrichtungen zu nutzen.

Wenn auch mit Schrecken: "Der Schock ist mir immer noch am intensivsten in Erinnerung", berichtet Pfarrer Björn Schukat. Demgegenüber stellt er jedoch den "Ruck", der damals durch den Ort ging. "Jetzt erst recht", sei die Parole gewesen, mit der sich die Vorraer diesem Schock entgegenstellten.

Was das Feuer in den Köpfen der Bürger ausgelöst hat, weiß auch der Geistliche, der sich im Ehrenamtskreis Flüchtlingshilfe engagiert, nur schwer in Worte zu fassen: "Es war ein furchtbares Chaos." Schließlich habe es "keine offensichtliche Gegenströmung" gegen die Arbeit der Flüchtlingshelfer gegeben, sondern "ausschließlich Solidarität". Auf diese Verwirrung sei die umso größere "Genugtuung" gefolgt, als sich herausstellte, dass es sich doch "nur" um einen mutmaßlichen Versicherungsbetrug handelte und nicht um rechtsextremen Terror.

Geflüchtete ziehen ein

Den Familien, die etwa ein Jahr später tatsächlich eingezogen sind, gehe es soweit gut, so Barbara Langenstein, ebenfalls Mitglied der Flüchtlingshilfe. Sie hatte damals den Einzug der Geflüchteten organisiert. Mulmig sei ihr dabei kaum zumute gewesen. "Knapp ein Jahr später war die Sache eigentlich abgehakt", ihr sei es schier unmöglich erschienen, dass so etwas zweimal passieren könnte.

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Hand in Hand gegen den Hass: Vorra solidarisiert sich

Der Schock über den Brandanschlag auf Flüchtlingshäuser sitzt bei den Bürgern in Vorra noch tief. Plötzlich ist ihre Heimat deutschlandweit bekannt, von der "Schande von Vorra" war die Rede. Mit mehreren Aktionen wollten die Einwohner ein klares Zeichen setzen, sie alle wollen deutlich machen: Die Tat, die vermutlich einen rechtsextremen Hintergrund hat, geschah nicht in unserem Namen.


Abdalla al Jassem ist einer der ersten Bewohner. Er zog nach der Renovierung im Haus an der Hauptstraße 40 ein. Angst habe er keine gehabt, als er nach Vorra kam. Vielmehr berichtet er mit strahlendem Gesicht, wie herzlich er im Pegnitztal aufgenommen wurde und betont, hierbleiben zu wollen. In zwei Jahren will er dann seine eigene Wohnung beziehen.

WOLFGANG SEMBRITZKI

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