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Hersbruck: So war das Gitarrenfestival 2019

Musikalische Reise durch die Jahrhunderte - 14.08.2019 11:08 Uhr

Eduardo Egüez aus Argentinien ist ein Spezialist an der Laute.


Wie bringe ich drei Konzerte in einem unter? Angesichts der steigenden Zahl internationaler Spitzenkräfte, die innerhalb einer Festivalwoche alle mal "drankommen" sollen, muss sich Festivalleiter Johannes Kreusch diese Frage wohl öfter stellen. Dass er Dramaturgie kann, bewies der spannende Verlauf des Konzerts mit annähernd "wagnerischer" Länge in der Stadtkirche, einem Ort, wie er nicht besser geeignet sein kann.

Klänge anno dazumal

Nach den Willkommensworten des gut gelaunten Bürgermeisters Robert Ilg, mit besonderem Dank an die gastgebende Kirchengemeinde sowie die Medienvertreter, eroberte die Stille den Raum: Der argentinische Vihuela-Spezialist Eduardo Egüez versetzte die Hörerschaft in die polyphone Klangwelt des 16. Jahrhunderts. Die als "Ricercar" (Vorform der Fuge) und "Fantasia" (ähnliche, etwas freiere Form) bezeichneten Stücke des Mailänders Francesco da Milano sind Beispiele für die musikalische Ästhetik dieser Zeit, welche die Beherrschung der Form und deren geistvolle Ausschmückung wertschätzt. Egüez' Lautenspiel verkörperte dieses Ideal stimmig, die Zuhörergemeinde quittierte es mit höchster, fast andächtiger Aufmerksamkeit.

Dass man auch mit einem Abstand von 500 Jahren noch Stilrichtungen unterscheiden kann, machte er mit Musik des Katalanen Luys Milan deutlich. Dessen Fantasien haben eine akkordbetonte Struktur, deren Schwere mit ziselierten Verzierungen kontrastiert. Körperhafter erscheinen die "Tres Pavanas a la italiana" – naheliegend, da es sich um Tanzmusik handelt.

Die Pavane, ein geradtaktiger feierlicher Schreittanz, bestens geeignet zur Präsentation festlicher Roben (und damit des gesellschaftlichen Stands), behält auch in der kammermusikalischen Vihuela-Fassung ihr Profil. Dazu gehört auch der am Ende einer Pavanenreihe übliche charmante Wechsel in den beschwingten Dreiertakt, dem "Nachtanz". Intensiver Beifall für Egüez, für seine technische Qualität wie für die hohe Kunst des Charakterisierens.

Sprung über 300 Jahre

Weil die Entwicklung der Lautenmusik im Barock gemächlicher verlief und in der Klassik gar in den Dornröschenschlaf fiel, übersprang das Programm rund 300 Jahre, und das Publikum fand sich im 19. Jahrhundert wieder. Pavel Steidl mit der romantischen Gitarre (größer und flacher als die Vihuela), trat an für die Zeit der individuellen Empfindung, der inhaltlich bestimmten Form, der "Lieder ohne Worte", der Begeisterung für das Virtuosentum. In "Liebeslied, Romanze, Mazurka" von Johann Kaspar Mertz entlockte er seinem Instrument erstaunliche Farben.

Dass der Teufelsgeiger Nicolo Paganini ebenso gut Gitarre spielte und auch reichlich Literatur für dieses Instrument hinterließ, kam Steidl durchaus entgegen. Mit seiner individuellen, sehr unterhaltsamen Art, sein Spiel mimisch zu begleiten und zu kommentieren, nahm er sich zweier Solosonaten an. Mit soviel Witz und Ironie Paganini nicht auf- sondern vorzuführen, wie ein Puppenspieler seine Marionette ("Schau mal, was ich alles kann!") – das macht ihm so schnell niemand nach.

Und es gab tatsächlich noch eine Steigerung: In Vertretung des aus zeitlichen Gründen "verhinderten" Meisters Paganini (er wird es immer noch bedauern), erschien die Geigerin Doris Orsan auf der Bühne und lieferte, kongenial von Steidl begleitet, einen hinreißenden, musikalisch grandiosen Auftritt ab. Nach diesem Super-Pas de Deux mit "Centone di sonate" musste noch eine Paganini-Zugabe her: das butterweiche "Cantabile". Eigentlich war noch Mauro Giulianis "Rossiniana" geplant.

Pavel Steidl setzte für sich ein "R" vor die Evolution, ließ Programm Programm sein, holte sich eine moderne Gitarre und schickte das Publikum mit einer delikaten Eigenkomposition in die Sektpause.

Kirche vor dem Auge

Den Sprung ins 20. Jahrhundert hatte er Jan Depreter somit "geraubt". Dieser begann mit "Jongo", einem brasilianischen Tanz von Paolo Bellinati in bewegtem 6/8-Takt, mit animierender Rhythmus-Einlage. Dann der Kontrast: "La Catedral", ein Werk von Agustin Barrios aus Paraguay, das es wirklich schafft, ein sakrales Gebäude vor dem inneren Auge entstehen zu lassen. Und schließlich Erik Saties "Gnossienne", ein mysteriöses Stück, bei dem die Zeit stehen zu bleiben scheint. Jan Depreters Spiel ist elegant, differenziert, auf die Inhalte fokussiert. Um zu verhindern, das die Hörer sich wegträumen, war Francisco Tarregas "Carnaval de Venecia" gerade recht – spätestens beim Erkennen des Paganini-Themas (Mein Hut, der hat drei Ecken) waren alle wach und bereit, sich von den hoch virtuosen Variationen begeistern zu lassen.

Einmal noch wurde es emotional: "A Fairytale with Variations" von Dusan Bogdanovic hat der Amerikaner serbischer Herkunft seiner verstorbenen Mutter gewidmet. Zum Abschluss dann die ziemlich cool abgelieferte "Tarantella" von Mario Castelnuovo-Tedesco. Von wegen Abschluss! Trotz fortgeschrittener Zeit gab's drei Zugaben: eine zelebrierte spanische, eine tongemalte Aurea borealis und eine Jig in Erinnerung an die schottische Großmutter. Von Qualität kann man offensichtlich nie genug haben. 

Hersbrucker Zeitung

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