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Im Lockdown: Häusliche Enge fördert Gewalt an den Liebsten

Psychische Belastung hat schwerwiegende Folgen - 23.12.2020 14:39 Uhr

Mit Schreien fängt es an. Immer öfter bahnt sich der innere psychische Druck in Corona-Zeiten in Gewaltattacken in der Familie seinen Weg.

23.12.2020 © ©vectorfusionart - stock.adobe.com


Die Vorsitzende des Vereins "Hilfe für Frauen und Kinder in Not Nürnberger Land" erinnert sich gleich an den ersten schweren Fall an diesen Feiertagen: "Da gab es eine regelrechte Schlägerei zwischen einem getrennten Ehepaar und den Eltern des Mannes." Diese hätten den Sohn von der Mutter fern gehalten. Als sie ihrem Kind ein Ostergeschenk vorbeibringen wollte, eskalierte die Situation, erzählt Hacker. Die Frau landete im Krankenhaus.


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Der Vorsitzenden des Frauennotrufs fällt auf, dass nicht nur die Zahl der Fälle angestiegen ist, sondern viele davon auch sehr schwerwiegend sind: "Oft war die Polizei bei minuziös getakteten Einsätzen dabei und musste die Frauen rausholen oder wir mussten sie andernorts unterbringen." Dabei hätten Hacker und ihre ehrenamtlichen Kolleginnen gelernt, dass auch Familie und Freunde eine gute Anlaufstelle für die Zwischenzeit sein können – und nicht gleich das Frauenhaus. Da sei eh nicht immer sofort ein Platz frei, sagt Hacker.

Wohnraum fehlt

Bei dauerhaften Lösungen sieht Hacker aber ein großes Problem: "Es fehlt an bezahlbarem Wohnraum." Immer wieder hat Hacker auch in diesem Jahr erlebt, dass die Frauen wieder zum Partner zurückkehren – wenn sie wieder Hilfe bräuchten, würden die Telefonfrauen um Hacker wieder helfen, betont die Vorsitzende: "Aber im Endeffekt müssen die Frauen die Verantwortung selbst in die Hand nehmen, sie müssen selbst wollen."

Hacker könne sie nicht an die Hand nehmen und ins Frauenhaus zerren. "Wir können nur Wege aufzeigen." Wie beispielsweise bei einer ratlosen Mutter, deren Tochter sich nach einer Vergewaltigung komplett zurückgezogen hatte. "In vielen Fällen sind uns aber die Hände gebunden, wenn es um Kinder geht."

Da müsste zum Beispiel eine Mutter handeln, wenn ihr Nachwuchs verbaler Gewalt ausgesetzt wird, die auch massive körperliche Folgen haben kann, so Hacker. Und die müssten nicht vom Gegenüber zugefügt werden.

Dennoch finden sich in den Fällen in diesem Corona-Jahr auch enorm viele physische Attacken, erklärt Hacker: "Im Jahr 2019 hatten wir rund 140 Fälle. Von Januar bis Juni 2020 waren es allein schon 92." Bis jetzt kam noch einmal eine Zahl von knapp 80 Hilfeleistungen dazu, überschlägt Hacker.

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Psychische Belastung

Im Sommer sei es etwas ruhiger gewesen, ebenso in den vergangenen beiden Wochen. "Aber das kommt jetzt dann geballt wieder", weiß Hacker aus der Erfahrung des Frühjahrs. Nur warum? Keine Arbeit, viel Alkohol, viel Zeit wegen Kurzarbeit, die Kinder sind daheim und können nicht raus, Homeoffice – "die Enge macht viel aus", sucht Hacker nach Gründen. Die führe zu einer psychischen Belastung in den Familien, für die die Maßnahmen teilweise "eine große Zumutung" seien.

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"Mit Schreien fängt es meistens an." Die Gefühle müssten sich bei allen Beteiligten erst aufstauen, daher dauere es etwas nach Verschärfungen der Corona-Regeln, bis die Telefone bei den Ehrenamtlichen klingeln, erläutert Hacker. Das tun sie seit ein paar Jahren nicht nur abends, sondern auch tagsüber. "Ich bin echt stolz auf meine Mitarbeiter, weil sich jede einbringt in unsere Dienste." Die Arbeit habe sich durch Corona nicht großartig verändert. "Wir haben im Frühjahr Notruffälle mit Klientinnen mit Abstand und Maske draußen besprochen."

Hedwig Hacker findet es gut, dass das Thema der häuslichen Gewalt durch die Corona-Pandemie mehr in den Medien präsent ist. Denn ihr ist bewusst, dass sie als Einzelne in der Welt nichts bewegen kann. "Aber ich kann meinem Nächsten helfen und ihm ein Lächeln schenken."


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Andrea Pitsch

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