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Mammuts, Menschen, Mäusezähnchen: Fränkische Zeitreise nach Hartmannshof

Im Nürnberger Land: Der erste Bayer war ein Franke - 21.10.2020 16:09 Uhr

Dieser Zahn einer besonderen Zeit gehörte einem Neandertaler. Es ist der älteste Beleg für menschliches Leben in Bayern.

11.10.2020 © Foto: Hans Böller


Die Zeitreise dauert ab Nürnberg-Hauptbahnhof nur 22 Mïnuten. Am S-Bahnhof Hartmannshof scheint eine goldene Herbstsonne, aber gleich wird es hier gefühlt kühler. Denn diese Reise führt 270.000 Jahre zurück bis in die letzte Eiszeit, sie führt zum Zahn einer besonderen Zeit und wird die Fantasie beflügeln. Von Bahnhof aus blickt man ins Tal, auf die evangelische Friedenskirche mit ihrem imposanten Fassadenturm aus weißen Steinblöcken, später wird man sich kurz einbilden, daneben ein Mammut friedlich grasen zu sehen.

Gegenüber türmt sich der mächtige Steinbruch auf, später wird man kurz glauben, aus der Ferne einen Höhlenbären brummen zu hören. Hier, am Bahnhof von Hartmannshof, beginnt diese Geschichte, mit "einem Revoluzzer", wie Kurt Tausendpfund seinen Urahn nennt. Der Gymnasiallehrer Georg Johann Sebald aus Hartmannshof war ein polyglotter und wissbegieriger Mann, der sich mit der Schulbürokratie nicht anfreunden mochte – und umgekehrt, "damit ist er dann in Ungnade gefallen", wie Tausendpfund erzählt.

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Als 1858 die Bahnlinie von Nürnberg nach Amberg den Betrieb aufnahm, wagte der rebellische Schulmeister Sebald den Schritt ins Industriezeitalter. Mit Kohle aus Nürnberg ließ sich der Kalk brennen; frühe Bilder des Werks zeigen ein Monument der neuen Zeit, hohe Schlote, Öfen, riesige Werkhallen, ein Schloss aus rotem Backstein. Heute ist Sebald-Zement ein Familienbetrieb in siebter Generation, Kurt Tausendpfund, der Seniorchef, war noch ein Bub, als er, wie er sagt, einen besonderen Blick auf Steine zu entwickeln begann – allerdings noch nicht als angehender Unternehmer, sondern als staunendes Kind.

Vom Unfall zu einer der größten archäologischen Fundgruben

Nah am Schwerpunkt seiner Arbeit: Kreisheimatpfleger Werner Sörgel. Er war 15 Jahre alt, als sich mit der Höhlenruine von Hunas ein Tor in eine ferne Welt eröffnete.

11.10.2020 © Foto: Hans Böller


In Hartmannshof, einem Ortsteil der Gemeinde Pommelsbrunn im Kreis Nürnberger Land, hatte 1860 die Zukunft begonnen, sie sollte Jahrzehnte später auf die ferne Vergangenheit prallen, mit Wucht – als die Bagger des Kalkwerks im Mai 1956 unterhalb des winzigen Weilers Hunas eine Höhle freilegten, vielmehr eine Höhlenruine, seit Jahrzehntausenden verschüttet. Im Grunde war es ein kleiner Unfall, aber daraus sollte eine der größten archäologischen Fundgruben Deutschlands werden, eine Sensation.

Werner Sörgel, heute der Kreisheimatpfleger, war damals 15 Jahre alt, er erinnert sich lebendig an diesen ehrenwerten Herrn, der den Fund dann inspizierte. "Sehr beeindruckend und sympathisch, nicht im geringsten arrogant" sei dieser Professor aus Erlangen gewesen, der Paläontologe Florian Heller, der, wie sich Kurt Tausendpfund erinnert, im halbautomatischen Opel vorfuhr, "schon das war etwas ganz Besonderes". In Hellers Gefolge bevölkerte bald eine Schar von Forschern den Steinbruch.

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"Faszinierend" sei es gewesen, dem Treiben zuzusehen, erzählt Sörgel, gelernter Zimmerer wie sein Vater; weil die Forscher Bänke und Tische brauchten, gehörte die Familienwerkstatt zu einem Forscherteam, das auf ein erdgeschichtliches Archiv stieß. Schicht für Schicht ging es immer weiter zurück in die Vergangenheit, vorerst acht Jahre lang. Zutage kamen die Knochen von Tieren, es sollten über 140 Arten werden, frühmenschliche Werkzeuge und, über die Analyse von Pflanzenresten, Holzkohlen und Pollen, Belege für die Klimawechsel über einen Zeitraum von mehr als 200.000 Jahren – ein wieder erstaunlich aktuelles Thema, wie Werner Sörgel findet.

Die Sammlung umfasste bereits die bis dahin ältesten in Bayern bekannten Spuren menschlichen Lebens, als die Paläontologen und Historiker ab 1983 nach Hartmannshof zurückkehrten – und drei Jahre später einen Fund machten, von dem sie nicht zu träumen gewagt hätten. Seit diesem Sommertag weiß man: Der erste Bayer war – ein Franke, entdeckt in der Höhle von Hunas, aber anders als später die Tiroler Gletschermumie Ötzi keine Aufmachermeldung in den Nachrichtensendungen. Ob er einen Namen hatte, wenigstens in der Gemeinde? Werner Sörgel lacht, nein, sagt er, darauf ist noch keiner gekommen.

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Schorsch? Oder doch Kathi? Es wäre schwierig, weil sich nicht sagen lässt, ob der erste Franke vielleicht eine Fränkin war. Überhaupt lässt sich nicht allzu viel sagen, denn genau genommen handelt es sich bei dem Fundstück nur um einen winzigen Teil des ersten Franken – um einen Backenzahn, aber bis heute gibt es in Bayern keinen älteren Fund menschlicher Überreste. Was er wohl sah, dort, wo heute am Högelbach der Fünf-Flüsse-Radweg durchs Tal führt? Mit Sicherheit Riesenhirsche, Bären, Höhlenlöwen, immer wieder auch Mammuts, und vielleicht hin und wieder einen Artgenossen – oder sogar eine andere Menschenart? Der Besitzer des Backenzahns, der vor rund 60.000 Jahren lebte, war ein Homo neanderthalensis, ein Neandertaler, sein später ebenfalls aus Afrika eingewanderter Vetter, der moderne Homo sapiens, könnte damals Bayern auch schon erreicht haben.

In den tiefsten Schichten der Höhle, erzählt Werner Sörgel, fand man Werkzeuge, die möglicherweise sogar einem Homo erectus gehört haben könnten, der langlebigsten Menschenart, die es je gab, die aber in zwei Millionen Jahren nicht viel mehr hervorbrachte als ein paar einfache Keile und Pfeile (und die deshalb von einigen Paläontologen einer gewissen Faulheit verdächtigt wird – aber vielleicht waren sie glücklichere Menschen als die Sapiens, die sich die Erde dann untertan machten).

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Dass gleichzeitig unterschiedliche Menschenarten auf der Erde lebten, ist eine faszinierende Vorstellung, über die man, hier in Hartmannshof, auf den Gedanken kommt, wie es wohl wäre, hätten mehrere von ihnen überlebt. Würden jetzt, im schönen Bahnhofswirtshaus, das eine italienische Familie führt, Neandertaler bei Pasta, Pizza und einem Bier neben Sapiens sitzen? "Heute treffen sich ja auch die unterschiedlichsten Menschen, und wenn man sich Mühe gibt, kommt man gut miteinander aus", sagt Werner Sörgels Ehefrau Edith lachend. Die Fantasie zu beflügeln, ist eine der Ideen, aus denen der Urzeitbahnhof wurde. So heißt das Museum, das, über dem Wirtshaus, vor knapp zehn Jahren ins Bahnhofsgebäude eingezogen ist.

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Kurt Tausendpfund hatte den denkmalgeschützten Bau – errichtet von Georg Friedrich Bürklein, dem Baumeister des Münchner Maximilianeums – gekauft, mit dem Heimatpfleger Sörgel verbindet den Unternehmer seit Jahrzehnten ein Faible für die Frühgeschichte. Den Forschern kamen die Tausendpfunds über Jahrzehnte entgegen, auch wenn die Höhle dem Kalk-Abbau im Weg stand und immer wieder Neugierige anlockte. Nicht alle brachten Forscher-Disziplin mit, manchmal war Kurt Tausendpfund dann der Hüter dieses Schatzes.

Inzwischen ist die Höhle ausgeräumt und nicht mehr zugänglich, ihre Geschichte wird lebendig im liebevoll kuratierten Museum, in dem der Backenzahn einen exponierten Platz hat (allerdings nicht das in einem Tresor der Universität gesicherte Original, sondern eine Kopie). "Aber wir sind mehr als nur der Zahn", sagt Sörgel, den man, wenn er von seiner Passion erzählt, gemeinsam mit seiner Frau Edith beinahe schon losziehen und graben sieht, "es kribbelt noch jedesmal", sagt er.

Die Sörgels haben im Lauf ihres Lebens unzählige Fundstücke aus dem Boden der Fränkischen Alb gezogen, Pfeilspitzen, Schmuck, Keramik, "allein auf diesen wenigen Quadratkilometern", vieles davon ist im Museum zu sehen. Auch gegenüber, hinter der Lkw-Waage des Zementwerks, türmen sich Steine – für neugierige Kinder, wie es damals, 1956, Sörgel und Tausendpfund waren. Die Firma lädt sie dort regelmäßig ab, die Jugend soll zum Forschen ermuntert werden, man muss nicht lange suchen, um auf kleine Ammoniten zu stoßen. Schulkinder füllen manchmal ganze Rucksäcke; 25 Tonnen Steine sind es im Jahr, inzwischen eigens importiert aus dem oberfränkischen Gräfenberg, weil der Vorrat an passenden Brocken in Hartmannshof zu Ende geht.

Kindliche Sensationsfunde auf den Äckern

Kurt Tausendpfund kennt diese Lust am Stöbern, auch wenn sich mancher seiner eigenen kindlichen Sensationsfunde auf den Äckern rund ums Dorf "bloß als fünfzig Jahre alter Kuhknochen" erwies, wie er lachend erzählt. Dass sein Sohn Claus Tausendpfund, Junior-Chef der Firma, die Leidenschaft nicht geerbt hat und "die Archäologie etwas eintönig" findet, kann der Vater schon verstehen.

Aber auch der Sohn ist mehr als ein bisschen stolz auf diese gemeinsame Geschichte, die Höhle ist längst ein Teil des Gemeindelebens – Vergangenheit und Zukunft. Wie Generationen von Schülern hat Claus Tausendpfund viele Sommerwochen als Ferien-Arbeiter mit den manchmal kleinste Mäusezähnchen polierenden Forschern in bester Erinnerung. Das alles weiterzuerzählen, trieb die Tausendpfunds an, "die schönen Stücke sollten nicht in Asservatenkammern verschwinden, sie sollen den Menschen gehören".

Werner Sörgel bleibt beim Rundgang durchs Museum vor Bildern stehen, man sieht ein freigelegtes Grab aus keltischer Zeit, entdeckt fünf Kilometer entfernt bei Heldmannsberg. Tierknochen, erklärt der Heimatpfleger, belegen Fleischbeigaben zur Bestattung, Proviant fürs Jenseits. Schaut man genau hin, liegt neben dem Toten, tatsächlich: das Skelett einer Schweineschulter. Noch einmal geht die Fantasie auf Zeitreise: Ist es das erste fränkische Schäufele?

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