Donnerstag, 27.02.2020

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Sie wollten Trucker Kratzer anhängen: Ehepaar vor Gericht

Unfallgutachter und Angeklagte gerieten aneinander - 11.01.2020 13:49 Uhr

Ein Ehepaar bemerkte einen Kratzer in seinem Auto und meldete ihn der Polizei. Am Ende stand es selbst vor Gericht.


Als die Eheleute im April 2018 auf der A 6 hinter einem Lkw herfuhren, haben sie nur noch ein "Teil" auf ihr Auto zufliegen sehen und einen Schlag gehört, nach dem jenes Teil im hohen Bogen davon geschleudert wurde. Bei der Verkehrspolizei Feucht meldeten sie den Schaden – einen Kratzer und eine Delle an der Stoßstange – in der Hoffnung, den Kraftfahrer ausfindig zu machen. Das gelang auch, doch weigerte sich die Firma des Truckers, für den Schaden aufzukommen, weil der Kratzer einem Gutachten zufolge schon vorher da war.

Kein krummes Ding

Nun müssen sie sich vor Gericht verteidigen, weil der Verdacht aufkam, dass die beiden Geld von der Versicherung kassieren wollten. "Ich fahre doch nicht extra auf die Autobahn, damit etwas passiert", streitet die 62-Jährige die Vorwürfe ab. Schließlich hätten die beiden auch nie Forderungen an den Kraftfahrer oder dessen Versicherung gestellt.

Richter Klaus Schuberth hatte einen Sachverständigen für die Analyse der Schäden beauftragt. Der sagt aus, dass der Kratzer, den das Paar der Polizei gemeldet hatte, ein typischer Einparkschaden ist. Die Eheleute müssen laut Gutachter mit stark eingeschlagenen Reifen und langsamer Geschwindigkeit an einer rauen Oberfläche, etwa einer Mauer, vorbeischrammt sein. Eine Delle hinterlasse ein solches Malheur jedoch nicht, was eindeutig gegen die Angeklagten spreche.

Schuberth bittet alle Beteiligten, sich die Bilder des Autos aus der Akte anzusehen. Verteidigung, Staatsanwalt und Angeklagte bilden eine Traube um den Richtertisch. Die Eheleute beteuern vehement ihre Unschuld, der Mann drückt am Laptop des Gutachters herum: "Es wäre mir sehr recht, wenn Sie meinen Rechner in Ruhe lassen würden!", sagt der Gutachter mit Nachdruck, Richter Schuberth schiebt hinterher: "Wollen Sie vielleicht auch noch in die Akten hineinschauen?" Die beiden Verteidiger haben sichtlich Mühe, ihre Mandanten zu beruhigen.

Schuld zugeschoben?

Dennoch bringt die Sichtung nach Meinung der Verteidigung einen Durchbruch: Zwar mag der Kratzer nicht von einem herabfallenden Objekt stammen, die Delle unter einem der Scheinwerfer, mit der der Gutachter zuvor nicht befasst war, jedoch schon. Zumindest könne er das nicht ausschließen.

Der Staatsanwalt bleibt bei den Anklagevorwürfen. Mit der Anzeige des Lackkratzers hätten die beiden bewusst versucht, ein Ermittlungsverfahren gegen den Lkw-Fahrer zu erzwingen. Daher sei der Angeklagte zu einer Geldstrafe von 45 Tagessätzen à 50 Euro und seine Frau zu ebenfalls 45 Tagessätzen à 25 Euro zu verurteilen.

Die Verteidiger beantragen, ihre Mandanten freizusprechen. Schließlich haben sowohl Gericht, Staatsanwaltschaft und Verkehrsrechtsanwälte das Gutachten eines Sachverständigen gebraucht, um zu verstehen, dass es sich bei den Kratzspuren um einen Einparkschaden und bei der Delle um den Schaden eines umherfliegenden Teiles handeln könnte. Dieses Wissen könne man von Laien nicht verlangen, weshalb den Angeklagten nicht nachzuweisen sei, dass diese die Polizei bewusst auf eine falsche Fährte locken wollten.

Richter Klaus Schuberth folgt der Verteidigung. Der Vorsitzende spricht die Angeklagten frei.

Wolfgang Sembritzki

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