Donnerstag, 26.11.2020

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Spione aus dem All: Erlanger Uni-Prof über Satellitentechnologie

Geograf zu Gast im Hersbrucker Gymnasium - 16.01.2020 17:30 Uhr

Solche Modelle kann Matthias Braun aus den Satelliten-Daten erstellen.

16.01.2020


Dazu war der Geograf ins Hersbrucker Gymnasium gekommen – zum Auftaktabend von drei Tagen Naturwissenschaften am PPG. Eine Premiere – und sehr viele Reihen blieben leer. „Das neue Format muss sich eben noch herumsprechen“, meinte Lehrer Klaus Fröhlich. Er hatte zusammen mit seinem P-Seminar das Programm aus Workshops für die Schüler tagsüber und abendlichen Vorträgen für die Stadtgesellschaft gestaltet, „um Naturwissenschaften cool zu machen und Wissen gegen Fake News zu streuen“.

Doch was hat nun Geografie mit Naturwissenschaft zu tun? „Dank neuer Technologien kann man unsere Disziplin auch als solche sehen“, erklärte Braun. Zumal die Wissenschaftler mittlerweile fachübergreifend mit Physikern, Chemikern und IT-Experten forschen. Neben Feldstudien vor Ort bedienen sich die Geografen immer mehr der Unmengen an Daten ganz verschiedener Satellitentechnologien: „Nicht jeder Satellit nimmt ständig auf, einige werden entsprechend der Wünsche programmiert.“

Satelliten liefern Zahlen

Sie alle lassen eine räumliche Erfassung der Erde zu und liefern Zahlen über Höhe, Fläche und Volumen, aus denen sich beispielsweise die Masse eines Gletschers errechnen lässt und – wenn die Studie über mehrere Jahre läuft – auch die entsprechenden Veränderungen. „Bisher wissen wir das nur von rund zwei Prozent der eisigen Süßwasserspeicher recht sicher, der Rest sind Hochrechnungen.“ Dabei sei dieses Wissen wichtig, um Hochrechnungen – die sind laut Braun bis 2100 möglich – in Sachen Anstieg des Meeresspiegels anstellen zu können.

Matthias Braun

16.01.2020 © A. Pitsch


Auch dieser lasse sich übrigens per Satellit „viel genauer“ messen. „Die Hälfte des Anstiegs kommt vom schmelzenden Eis.“ Doch der Meeresspiegel erhöhe sich nicht überall auf der Welt gleich; die Temperatur des Ozeans, Strömungen und tektonische Bewegungen der Erdplatten spielen eine Rolle, so Braun: „Vor allem tiefer gelegene Meere sind betroffen.“ Aber nicht jedes Gletscherwasser komme im Ozean an – Stichwort Himalaya.

Hier liegen die Eismassen im Landesinneren, klärte Braun auf. Sie unterliegen wie Nordamerika, Grönland und Patagonien den größten Masseänderungen. „In Patagonien verzeichnen wir teilweise 50 Meter Verlust an Dicke im Jahr.“ Bei diesen Veränderungen am „Klima-Indikator Gletscher“ spielten aber auch Struktur und Aufbau der Eismassen, das Mikroklima der Region, Wasserdampf und Oberflächentemperatur eine Rolle: „Das alles ist bei unseren Forschungen zu berücksichtigen und dann ist eben die Frage, welche Ursachen hat der Schwund und liegt es nur am Klimawandel?“

Kampf folgt auf Überfluss

So könne es nämlich zu einem schnelleren Verschwinden eines Gletschers kommen, wenn sich die Aufsetzlinie, die Stelle, an der das Eis das letzte Mal den Boden berührt, beispielsweise bis in ein großes Becken zurückzieht. „Dann wird das Wasserreservoir im Inneren angezapft, das Gletscherwasser hat mehr Platz und entströmt schneller.“ Können die Menschen vielleicht erst von der großen Menge profitieren, wird es irgendwann um einen Kampf um Wasserressourcen kommen. „Wenn die Gletscherfläche schwindet, tritt auch immer weniger Eisschmelze aus.“ Das habe beispielsweise Auswirkungen auf die Bewässerung in den Hochanden.

Und auch andere Naturgefahren verbergen sich hinter dem Gletscherschwund: Durch Moränen aufgestaute Seen können Flutwellen in Täler verursachen, wenn der Damm bricht, Lawinen seien bei Extremniederschlägen möglich, zeigte Braun die Folgen auf. Drainagen zu bauen bei den Seen, das sei machbar, aber aufgrund der Höhenlage kostspielig und für Entwicklungsländer kaum finanzierbar.

Nur 20 bis 40 Prozent überleben

Bislang gebe es aber noch keine Schnittstelle zu den Gesellschaftswissenschaften, um diese Probleme gemeinsam zu erforschen, gab Braun zu. Die Erkenntnisse gingen an den Klimabericht, Deutsche Forschungsgesellschaft und diverse Bundesministerien. Die können dann lesen, dass die vergangenen 20 bis 30 Jahre ein negativer Trend festzustellen ist. „Es gibt noch Gebiete, in denen Gletscher wachsen, weil es mehr Niederschlag gibt, wie in Tibet“, verbreitete Braun ein Fünkchen Hoffnung – um es gleich wieder zu Nichte zu machen: „Wenn es so weitergeht,werden nur 20 bis 40 Prozent der Gletscher überleben.“

hz

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