Donnerstag, 21.11.2019

|

zum Thema

Stiefkinder jahrelang misshandelt: Oberpfälzer verurteilt

In insgesamt zwölf Fällen angeklagt - Opfer nun schwerbehindert - 12.09.2019 11:11 Uhr

Schon bevor der Staatsanwalt die Anklage verliest, wird auch einem Unbeteiligten im Gerichtssaal klar, dass sich Walter Sorg (Name geändert) wohl einiges zu Schulden hat kommen lassen: Vier Polizeibeamte weichen dem Mann aus der nahen Oberpfalz vor und während der Verhandlung nicht von der Seite.

Auch der Grund der Anklage, "Misshandlung von Schutzbefohlenen", lässt schlimme Taten vermuten. Genauso wie der Umstand, dass die Nebenklägerin, Sorgs Stieftochter, nicht bei der Verhandlung dabei sein möchte. Sie habe Angst, zusammenzubrechen, heißt es von ihrer Anwältin.

Die Übergriffe des Stiefvaters gehen weit zurück. 2000 und 2001 soll er das Mädchen in der damaligen Wohnung in Lauf immer wieder psychisch gedemütigt und geschlagen haben. Unter anderem verliest der Staatsanwalt, dass Sorg ihr eine Waffe an den Kopf gehalten und abgedrückt habe – das Mädchen, damals gerade mal neun oder zehn Jahre alt, habe nicht gewusst, dass die Waffe nicht geladen war.

In der Kälte

Müll habe er in ihr Zimmer gekippt, sie bei Minusgraden draußen schlafen lassen, als sie später nach Hause kam, ihr einen Porzellandeckel an den Kopf geworfen. Die Stieftochter habe nun mit Depressionen und einer posttraumatischen Belastungsstörung zu kämpfen und sei deshalb zu 80 Prozent schwerbehindert.

Auch der jüngere Bruder soll nicht verschont geblieben sein, zwischen 2006 und 2009 soll er von seinem Stiefvater Schläge in die Kniekehlen und mit einem Gürtel bekommen haben. Zudem soll Sorg seinen abgerichteten Rottweiler auf ihn gehetzt haben. In insgesamt zwölf Fällen ist Sorg angeklagt, sechs davon wegen gefährlicher Körperverletzung. Trotz der langen Zeit sind diese Taten noch nicht verjährt – hier beginnt die Verjährung erst zu laufen, sobald die Geschädigten erwachsen sind.

Noch bevor sich der Angeklagte äußert, zieht sich Richter André Gläßl mit dem Staatsanwalt, den Schöffen, der Nebenklage und der Verteidigung zu einem langen Rechtsgespräch zurück. Besucher, Zeugen und Öffentlichkeit müssen vor dem Gerichtssaal warten. Solche Gespräche über sogenannte Deals kommen bei schwereren Anklagen immer wieder vor, um zu klären, wie ein vielleicht langwieriges Verfahren abgekürzt werden kann. Meistens ist die Lösung dann ein Geständnis des Angeklagten.

Labiles Mädchen

Und so kommt es auch. Als die Verhandlung fortgesetzt wird, räumt Sorg seine Taten ein. Richter Gläßl holt trotzdem noch einen Polizeibeamten aus Schwabach in den Zeugenstand, der die beiden Stiefkinder vernommen hatte. Er bestätigt den psychisch sehr labilen Zustand des Mädchens.

Beim Gespräch habe sie einen glaubhaften Eindruck auf ihn gemacht. Ihr Bruder habe zwar die Übergriffe auf seine Schwester nicht direkt mitbekommen, habe aber die Umstände bestätigen können, wie die Waffen im Keller oder den abgerichteten Hund.

Sein Geständnis kam Sorg schließlich beim Urteil zugute. Sowohl die Verteidigung als auch Richter Gläßl teilten die Meinung des Staatsanwaltes, dass der Angeklagte dadurch seiner Stieftochter eine nervenaufreibende Aussage erspart habe. Auch das Verfahren konnte erheblich verkürzt werden. Sorgs Anwalt erklärte außerdem, dass die Stieftochter wohl schon vor dessen Übergriffen psychisch belastet gewesen sei. Andere familiäre Probleme seien vorausgegangen.

"Ausnahmsweise"

Gläßl verurteilte Sorg schließlich zu zwei Jahren Freiheitsstrafe, wegen "besonderer Umstände ausnahmsweise auf Bewährung". Durch die Untersuchungshaft im Vorfeld habe er zudem bereits einen Eindruck vom Gefängnis bekommen.

Die Bewährungszeit setzte der Richter auf drei Jahre aus, zudem darf Sorg keinen Kontakt zu seiner Stieftochter haben und muss ihr 4000 Euro Schmerzensgeld zahlen sowie 1000 Euro an seinen Stiefsohn. Der Haftbefehl gegen ihn wurde aufgehoben.

Marina Gundel

Seite drucken

Seite versenden


weitere Meldungen aus: Hersbruck