Kinder Pandemie
Tipps in Corona-Zeiten

"Viel Gemeinsamkeit und Zuneigung": Das brauchen Kinder in der Pandemie

10.5.2021, 12:11 Uhr
Kindern feste Aufgaben im Alltag zu übertragen und sie in Tätigkeiten wie die Gartenarbeit mit einzubeziehen, hilft auch im Lockdown gegen Langeweile.

Kindern feste Aufgaben im Alltag zu übertragen und sie in Tätigkeiten wie die Gartenarbeit mit einzubeziehen, hilft auch im Lockdown gegen Langeweile.

"Das Treffen mit den immer gleichen Personen kann auch zu einer Festigung der Freundschaft beitragen", sagt Evelyn Kittel-Kleigrewe. Die Erziehungsexpertin, die im Landratsamt Nürnberger Land die Kita-Aufsicht innehat, will nicht nur die negativen Folgen herausstreichen, die die Coronakrise auf die Kleinsten hat. Natürlich ließe sich manches nicht verleugnen, zum Beispiel, dass Kinder auch voneinander lernen, was mit Kontaktbeschränkungen und Kita- sowie Schulschließungen größtenteils wegfällt. Kinder erlebten nun früher als normal, was es heißt, etwas oder jemanden zu vermissen.

Neu kennenlernen

"Das Familienleben verändert sich, Eltern müssen flexibler reagieren", sagt sie. Durch mehr Betreuung daheim würde manch Erwachsener die Bedürfnisse seines Nachwuchses ganz neu oder anders kennenlernen. Oder beim Homeschooling die eigenen Grenzen sehen und zum ersten Mal die schulischen Leistungen des Kindes direkt mitbekommen.

Doch was man aus der Situation macht, hängt laut Kittel-Kleigrewe stark von der Familie ab. Wichtig sei vor allem, dass die Eltern eventuelle Ängste nicht auf die Kinder übertragen. Wenn Mutter oder Vater zum Beispiel jeden Fremden zunächst als potenziellen Virenträger und daher als Gefahr sehen, könne das auch die Einstellung des Kindes beeinflussen. "Kinder sehen von sich aus die Gefahr nicht. Sie nehmen die Maske oder andere Begrüßungsformen erst mal als selbstverständlich an", so die Expertin.

Rituale helfen

Um dem Nachwuchs auch zu Hause die Situation so normal und angenehm wie möglich zu vermitteln, gibt Kittel-Kleigrewe einige Tipps. "Rituale sind immer gut. Zum Beispiel die feste Teezeit um drei Uhr oder gemeinsame Bewegungszeiten, bei denen jeder eine Übung für alle aussuchen darf." Das stärke das Selbstwertgefühl, und die Kreativität werde gefördert. Auch gemeinsame Aktivitäten im Wohnzimmer, wie ein Discoabend mit den Lieblingsliedern jedes Familienmitglieds, schweiße zusammen.

Die Kinder in möglichst viele Aktivitäten des Alltags mit einzubinden wirke generell gegen Langeweile. "Feste, regelmäßige Aufgaben, wie Blumen gießen oder das Haustier füttern, sind hier wichtig."

Auch beim Unterricht daheim sollten gemeinsam Lösungen für Probleme gefunden werden, vor allem, wenn die Motivation am Boden ist. Dann helfe es, an das Können des Kindes zu appellieren, ihm zu zeigen, dass man ihm vertraut, und gemeinsam mit Büchern oder dem Internet "auf Forschungsreise" zu gehen: "Wichtig ist, theoretische Inhalte mit praktischen Beispielen zu untermauern. Bruchrechnen zum Beispiel kann man später gut beim Shoppen im Schlussverkauf gebrauchen", sagt Kittel-Kleigrewe.

Lieber Lesen statt Daddeln

Zu viel Kontrolle beim Homeschooling sieht die Expertin dagegen kritisch. Dem Kind etwas nicht zuzutrauen nage nämlich schnell am Selbstwertgefühl. Besser sei, es immer wieder neu zu motivieren, ihm vor allem Verständnis entgegenzubringen und "die Leistungsschraube für diese besondere Zeit lieber etwas nach unten zu drehen". Ihr Credo: "Ohne Bindung keine Bildung."

Damit Kinder in ihrer Freizeit nicht nur vor dem PC oder Fernseher sitzen, sei eine "gute Hinführung zum Buch" essenziell. Das klappe am Anfang am besten mit Bilderbüchern. Natürlich seien die digitalen Welten dennoch sinnvoll, wenn man sie richtig erkläre und dosiert nutze. "Gerne können sich die Eltern auch etwas von ihren Kindern erklären lassen", sagt Kittel-Kleigrewe.

Beratung für Eltern

Immer gut und wichtig sei der Gang in die Natur. "Aus Steinen, Blättern, Stecken und Blumen lassen sich die unterschiedlichsten Dinge bauen, die man dann fotografieren kann. Zu Hause werden die Fotos dann ausgestellt", schlägt die Expertin vor. Dazu gehöre auch der Besuch unterschiedlicher Spielplätze in der Umgebung.

"Kinder brauchen viel Gemeinsamkeit und Zuneigung", fasst sie zusammen. Auch die Kommunikation spiele hier mit rein. "Killersätze wie 'Immer machst du' oder 'Du hast schon wieder' sollten gestrichen werden."

Gerade weil den Eltern zurzeit eine höhere Verantwortung zukommt, spricht sich Kittel-Kleigrewe für mehr Beratungsmöglichkeiten aus, zum Beispiel durch Schulpsychologen. Denn letztendlich sind es Eltern, von denen mit immer neuen Regelungen und dem ständigen Wechsel zwischen Not- und Regelbetrieb mehr Präsenz, mehr Flexibilität und vor allem sehr viel Kraft abverlangt wird.