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Max Schwenger: Aus Niederndorf an die Badminton-Weltspitze

Der 28-Jährige musste seine Karriere kurz vor Olympia beenden - 06.08.2020 06:02 Uhr

Bevor die Covid19-Pandemie die Saison beendete, war Max Schwenger auch 2019/20 für den TV Refrath aktiv.

© Andre Jahnke


Mai 2017

Es fühlt sich irreal an, so märchenhaft ist diese Sport-Geschichte: Max Schwenger hat die gesamte Bundesliga-Saison immer bei seinem Badminton-Team des TV Refrath verbracht. Doch ein Spiel hat er bislang nicht machen können. Langwierige Probleme mit seiner Hüfte haben das verhindert. Erst zum Final-Four-Turnier um die deutsche Meisterschaft kann Schwenger wieder eingreifen. Es steht 3:3 im Finale gegen den 1. BC Bischmisheim, den Seriensieger und, wie ihn Schwenger nennt, "FC Bayern des Badmintons". Schon im Doppel mit dem Iren Sam Magee holt der Niederndorfer einen Punkt.

Auch bei der Universiade in Kasan 2013 vertrat Max Schwenger (links) Deutschland im Badminton.

© mtsw


Das abschließende Mixed-Doppel entscheidet über den Titelgewinn. Eigentlich soll Magee spielen, doch er ist angeschlagen. Schwenger springt ein - er und seine Kollegin Carla Nelte holen den Punkt. "Es war ein goldenes Wochenende", erinnert sich der Niederndorfer. Doch Schwenger ist nach dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft nicht nur zum Feiern zumute. Er ist nachdenklich. "Es ist mir nochmal bewusst geworden, was theoretisch möglich wäre", erinnert er sich. Deshalb waren die Gefühle gemischt. "Scheiße, eigentlich könnte ich es, aber mein Körper macht nicht richtig mit."

Januar 2016

Der bitterste Moment in Schwengers sportlichem Leben ist gekommen. Er muss seine internationale Karriere beenden. Dabei steht doch gerade jetzt sein Traum von Olympia in Rio de Janiero vor der Tür. Dazu muss man wissen: Im Badminton spielen sich die sportlichen Highlights allein auf der internationalen Bühne ab. Ähnlich wie im Tennis gibt es einen großen Turnierzirkus, in dem sich die Besten der Welt messen.

Doch Schwenger kann mit 23 Jahren nicht mehr mitmachen. Eine Fehlstellung des Hüftknochens, die lange nicht aufgefallen ist, sorgt für Schmerzen. Auch eine Operation kann sie nicht entscheidend lindern. Die Ärzte sagen ihm: Wenn er weitermacht, könnte es sein, dass er mit 30 eine künstliche Hüfte haben muss. Das Risiko will Schwenger nicht eingehen, so sehr er seinen Sport auch liebt. "Ich bin froh, dass ich meinen Alltag wieder schmerzfrei leben kann, andere Leistungssportler können das nicht", sagt er. Aber der Rücktritt ist für ihn "ein immenser Schlag". "Ich hoffe, ich werde so etwas nicht mehr miterleben müssen."

März 2015

Seit Jahren Erfolgsgaranten für das deutsche Badminton: Max Schwenger und Mixed-Partnerin Isabel Herttrich.

© privat


In der Badminton-Weltrangliste zählt Max Schwenger im Mixed-Doppel zu den 20 Besten der Welt, er liegt auf Rang 17. Ein Jahr zuvor hat er seine ersten internationalen Turniere gewonnen, mit seiner Partnerin Isabell Herttrich, die heute noch zur Weltspitze zählt. Schon 2010 hat Schwenger an ihrer Seite Bronze bei der Jugend-WM gewonnen, die erste deutsche Medaille dort überhaupt. Mit seiner Mixed-Partnerin Carla Nelte gewinnt er 2015 die Canada Open und den Brasil Grand Prix - das Vorbereitungsturnier für die Olympischen Spiele in Rio.

2015 wird Schwenger zudem Deutscher Meister im Herrendoppel. Die Liste der Erfolge ist lang. Er erinnert sich gerne an die Zeit zurück. "Ich habe 20, 25 Turniere im Jahr gespielt. Im Prinzip war ich 20 Wochen auf Achse. Ich habe viel Zeit an Flughäfen und Bahnhöfen verbracht. Aber ich habe es wahnsinnig genossen. Ich hatte die Möglichkeit, schon sehr früh sehr viel von der Welt zu sehen." Vermisst er diesen Alltag? "Natürlich", sagt er. "So viel von der Welt zu sehen und das mit seiner Leidenschaft zu verbinden, das vermisst man."

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April 1992

Max Schwenger ist in Niederndorf geboren und aufgewachsen. Mit 17 zieht es ihn ins Sportinternat nach Mühlheim an der Ruhr, von dort zum Olympiastützpunkt in Saarbrücken. Seine Eltern spielen Badminton und sie begeistern auch ihren Sohn für den Sport. Mit sieben, acht Jahren spielt Schwenger seine ersten Turniere. "Der Wechsel nach Mühlheim war dann der entscheidende Schritt: Jetzt ziehe ich es durch." Doch der Sprung zum Badminton-Profi ist alles andere als einfach. "Es ist in Deutschland schwer, so etwas durchzuziehen, wenn man nicht die finanzielle Unterstützung durch die Familie hat", sagt Schwenger. Mit dem Erfolg wird es einfacher – die Teams, der Verband, die Sponsoren ermöglichen ihm seinen Sport und ein für Studentenverhältnisse "tolles Leben".

Juni 2020

Ohne Sport hat es Schwenger in Saarbrücken nicht mehr gefallen, er ist zurück nach Erlangen gegangen – auch, um Abstand zu gewinnen. Auch wenn er weiter beim TV Refrath in der Bundesliga spielt, trainiert er unter der Woche bei seinem Heimatverein, dem ASV Niederndorf. Mit seinem Bruder, den Ex-Profis Rasmus Bonde und Tobias Wadenka hat er sich eine kleine Trainingsgruppe aufgebaut. Er studiert in Erlangen Wirtschaftsingenieurswesens. "Es hat lange gedauert, bis ich das verdaut hatte. Es wird wahrscheinlich auch wieder Zeiten geben, in denen ich traurig bin, dass es nicht weiterging", sagt er.

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Doch er hat akzeptiert, dass die internationale Karriere vorbei ist. "Ich habe mir durch das Studium und den Rückhalt von Freunden und Familie ein anderes Leben aufgebaut. "Ich kann Badminton jetzt mit Spaß genießen." Bundesliga in Refrath spielt er immer noch, bevor die Covid19-Pandemie die Saison beendete lag der TV auf einem vielversprechenden zweiten Platz. Alles lief wieder auf ein Endspiel gegen Bischmisheim hinaus. Ein bis zwei Jahre will Schwenger auf jeden Fall noch spielen. "Natürlich will ich erfolgreich sein. Klar ist das ein Ziel, nochmal oben mitspielen", sagt er.


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Aber Badminton ist ein Mannschaftssport. "Man kann immer nur seinen Teil abliefern. Das will ich tun. Hauptsache ist, Spaß zu haben und es zu genießen, auf dem Feld zu stehen." Und er kann auch seinem jetzigen Leben viel abgewinnen. "Früher hätte ich nicht mit meinen Freunden am Wochenende in den Biergarten gehen können. Ich habe auch auf viel verzichtet. Das merke ich jetzt"; sagt Schwenger. Nur alle vier Jahre, wenn die Olympischen Spiele vor der Tür stehen, spüre er noch dieses Bedauern, dass es nicht weiterging.

ALEXANDER PFAEHLER

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