Regional

"Orangenkinder" aus Oberreichenbach

12.6.2021, 14:19 Uhr
Verena Carney im Nähraum ihres Unternehmens in Oberreichenbach.

Verena Carney im Nähraum ihres Unternehmens in Oberreichenbach. © Matthias Kronau, NN

Auf dem hinteren Gebäude des Seeland-Komplexes ist noch groß „Pololo“ zu lesen. Drinnen arbeitet seit Anfang des Jahres aber die Firma „Orangenkinder“. Nähmaschinen rattern, Leder und Stoffen werden gesichtet, in den alten Hallen wird emsig gearbeitet. Wunderschöne Hausschuhe für Babys und Kleinkinder entstehen. So wie in den Jahren zuvor auch. Nun aber unter der Marke „Orangenkinder“. Was ist da passiert?

Noch zwei Standorte?

Verena Carney lächelt. Eigentlich produziert sie seit 18 Jahren in Oberreichenbach. Gemeinsam mit Franziska Kuntze gründete sie „Pololo“, eine Marke für Kinderhausschuhe und Lauflernschuhe. Produziert wurde zunächst im eigenen Keller in Oberreichenbach, ab 2006 in angemieteten Räumen im Seeland-Komplex. Während sich Carney, die aus privaten Gründen von Berlin nach Mittelfranken gekommen war, in Oberreichenbach um Design und Produktion kümmerte, besorgte Franziska Kuntze Marketing und Vertrieb.


Das ging lange sehr gut, doch unter anderem wegen der Corona-Pandemie stellte sich die Frage, ob zwei Standorte für ein Unternehmen noch zukunftsträchtig sind. Hergestellt wurden bis zu 60000 Schuhe im Jahr.

Schöne Farbe, warmer Klang

Nun gehen beide Unternehmerinnen eigenständige Wege, Franziska Kuntze übernahm den Namen Pololo, um von Berlin aus ihre Ziele weiter zu verfolgen. Verena Carney behielt den Produktionsstandort Oberreichenbach und macht sich auf die Suche nach einem neuen Namen. „Ich bin dann auf Orangenkinder gekommen. Orange ist eine schöne Farbe, und der Name hat eine warmen Klang.“


Doch Verena Carney ging es nicht nur um einen neuen Namen. „Ich wollte den Fokus meiner Arbeit neu ausrichten“, betont die 55-Jährige. In zweierlei Hinsicht.


Schon während ihrer Zeit mit Pololo war es ihr Anliegen, gesunde und ökologische Schuhe zu produzieren. „Darauf möchte ich nun noch intensiver schauen.“ Das Leder für die kleinen Hausschuhe kommt von einem Gerber aus dem Allgäu (Ecopell), der nur mit pflanzlichen Stoffen gerbt. Klebstoffe werden in der Produktion nicht verwendet, es wird ausschließlich genäht. Aus Portugal lässt sie sich mittlerweile Sohlen aus Recycling-Gummi und Kork von Portweinflaschen liefern. Diese werden durch eine geschickte doppelte Naht-Führung an den Schuh genäht. Auch hier: kein Kleber. Carney bleibt realistisch: „100 Prozent ökologisch geht meist nie, man muss da die gesamte Liefer- und Produktionskette anschauen“. Aber: „Orangenkinder“ ist nahe dran.

"Diese Fertigkeiten sollten nicht verloren gehen"


Der zweite Hauptaugenmerk bei „Orangenkinder“: die Produktion in Deutschland. „Ich bin der Meinung, dass man hierzulande zu landesüblichen Löhnen produzieren sollte.“ Die Oberreichenbacher Produktion zeige seit Jahren, dass das geht. Rund zehn Frauen arbeiten hier als Näherinnen. „Es gibt Fertigkeiten, die sollten einem Land nicht verloren gehen. Es kann nicht sein, dass man irgendwann nicht mehr weiß, wie man Schuhe macht.“

Carney meint damit die konkrete handwerkliche Produktionsarbeit. Ihre Betonung von „Made in Germany“ will die Schuhdesignerin keineswegs als nationalistisch bewertet sehen. Es geht ihr um Nachhaltigkeit. „Die Welt wäre vermutlich ein Stück besser, wenn regionaler eingekauft würde.“


Im Portfolio von „Orangenkinder“ gibt es zwar auch hochwertige Straßenschuhe aus Portugal, doch Verena Carney könnte sich vorstellen, dass sie künftig nicht nur Hausschuhe, sondern auch Straßenschuhe in Oberreichenbach herstellen könnte.

Einzelhandel im Blick


Der Vertrieb ihrer Produkte – es sind über 50 Schuhe im Angebot – soll weiter online und im Einzelhandel erfolgen. „Gerade um den Einzelhandel möchte ich mich aber künftig noch mehr kümmern“, so Carney. Obwohl der Online-Handel gerade durch Corona auf der Überholspur ist: „Ich glaube, dass der Einzelhandel, der gute Qualität und gute Beratung anbietet, ein Chance hat.“ Ihn mit hochwertiger Ware zu beliefern, ist Verena Carney ein Herzensanliegen. Der neue Unternehmensname müsse sich noch herumsprechen, aber: „Es läuft schon besser als ich erwartet habe.“

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