Differenzierte Angebote

Raum Erlangen: Sommerschule soll Defizite beheben

2.8.2021, 12:25 Uhr
Der bayerische Kultusminister Michael Piazolo - hier bei einem Unterrichtsbesuch - entschied sich für das Konzept der Sommerschulen, um Defizite durch den Distanzunterricht bei den Jugendlichen zu beheben. Nach Ansicht der heimischen Schulleiter sind weitere Förderkurse im nächsten Schuljahr nötig, um nachhaltige Effekte zu erzielen.

Der bayerische Kultusminister Michael Piazolo - hier bei einem Unterrichtsbesuch - entschied sich für das Konzept der Sommerschulen, um Defizite durch den Distanzunterricht bei den Jugendlichen zu beheben. Nach Ansicht der heimischen Schulleiter sind weitere Förderkurse im nächsten Schuljahr nötig, um nachhaltige Effekte zu erzielen. © Matthias Balk/dpa

Oberstudiendirektor Norbert Schell, der das Herzogenauracher Gymnasium leitet, hält das Konzept für eine Möglichkeit, um Rückstande wieder aufzuholen. Wichtig werde es jedoch sein, im nächsten Schuljahr auch Förderkurse an den Nachmittagen anzubieten, um nachhaltige Effekte zu erzielen.

Dabei kommt es ihm darauf an, möglichst differenziert vorzugehen. So werde der Distanzunterricht in der Öffentlichkeit vielfach weit negativer beurteilt, als er in der Praxis tatsächlich gewesen sei.

Resilienz entwickelt

Was den Umgang mit technischen Geräten und Softwares unterschiedlicher Art angehe, habe es dagegen einen regelrechten Fortbildungsschub sowohl bei den Schülern als auch den Lehrkräften gegeben: "In fast allen Berufen ist dies inzwischen enorm wichtig, so dass diese Grundlagen nicht unterschätzt werden sollten."

Aber auch hinsichtlich anderer Fähigkeiten wie der Entwicklung von Resilienz, also psychischer Widerstandskraft, einer besseren Selbstorganisation und einer stärkeren Eigeninitiative habe die Krise positive Auswirkungen gehabt. Schell warnt hier vor einem pauschalen Urteil: "Es gab Schüler, die sich auf die häufig wechselnden Bedingungen sehr gut eingestellt haben, aber natürlich auch welche, die spürbare Probleme damit hatten."

Da bei Online-Angeboten aus Datenschutzgründen die Kamera ausgeschaltet werden kann, bestehe die Gefahr, dass dies Schüler ausnutzen und mal schnell zu den sozialen Medien wechseln, um sich mit Freunden austauschen. Generell sei die Versuchung groß, auf Ablenkungen zu reagieren, weshalb vor allem die Konzentrationsfähigkeit gelitten habe.

Selbsteinschätzung vorgenommen

Daher nahmen die Herzogenauracher Gymnasiasten eine Selbsteinschätzung vor, die dann ausführlich mit den Lehrern besprochen wurde. In den Fächern, wo Nachholbedarf festzustellen war, können sie jetzt an den Schwächen arbeiten.

Ein weiterer Schwerpunkt ist, eine möglichst positive Einstellung zu den Lerninhalten aufzubauen. "Wenn die Schüler wissen, wie sie die Kenntnisse und Fertigkeiten später im Leben anwenden können, und sich von der Faszination packen lassen, die von den einzelnen Fächern ausgeht, kann das Lernen richtig Spaß machen", hebt der Schulleiter hervor.

Unterricht wird wie an den meisten Schulen auch am Herzogenauracher Gymnasium in der ersten und in der letzten Ferienwoche angeboten. Damit möglichst viele Schüler die Chance nutzen, wurden lange Anmeldefristen gewählt. Deshalb vermochte Schell auf Anfrage unserer Zeitung auch noch kein Urteil über die Resonanz abzugeben.

Sozialen Kontakte litten

An der Herzogenauracher Realschule wollen über 90 Schülerinnen und Schüler an der Sommerschule teilnehmen, was ungefähr zehn Prozent der Gesamtzahl sind. Laut Schulleiter Ulrich Langer haben durch die Pandemie in erster Linie die sozialen Kontakte gelitten.

Deshalb werden unter Beachtung der Hygienevorschriften viele gemeinsame Aktionen wie Kochen oder Sport angeboten. Beim Fachunterricht in Mathematik, Englisch, Französisch, Deutsch oder Betriebswirtschaftlichem Rechnungswesen wurde ebenfalls eruiert, wo bei Schülern noch Lücken bestehen, die zu beheben sind. Da die Schule bei den Lehrkräften über keine "unendliche Stundenkapazität" verfüge und Mehrarbeit freiwillig sei, greife man auch auf externe Kräfte wie Lehramtsstudenten zurück, erläutert der Realschuldirektor.

Viele der heimischen Schulen führten nicht nur eine genaue Diagnose der spezifischen Defizite bei den Jugendlichen durch, sondern legen auch einen Schwerpunkt darauf, die neuesten Erkenntnisse der Lernpsychologie umzusetzen. So widmet sich das Albert-Schweitzer-Gymnasium in Erlangen gerade während der zwei Wochen der Sommerschule noch intensiver als sonst dem Projekt "Lernen lernen".

Viel Bürokratie

Hier geht es um selbstständiges Arbeiten, ein gutes Zeitmanagement und um Lerntechniken, wie Fertigkeiten und Inhalte möglichst langfristig verankert werden können. Wie viele ihrer Kollegen bedauert auch Oberstudiendirektorin Katarina Keck den enormen bürokratischen Aufwand, der zusätzlich zur ohnehin großen Belastung zu bewältigen ist, wenn externe Kräfte die Lehrer bei der Sommerschule ergänzen: "Bei den Formalien macht es kaum einen Unterschied, ob jemand für eine Woche oder zehn Jahre angestellt wird."

Dies bestätigt Burkard Eichelsbacher, der Leiter des Eckentaler Gymnasiums. Bei den Kapazitäten sei man mittlerweile an der Obergrenze angelangt.

Deshalb wurden in Eckental Zehntklässler als Coaches ausgebildet. Sie helfen jüngeren Schülern besonders hinsichtlich Konzentrationsfähigkeit, Selbstorganisation und Motivation. Dankbar ist der Oberstudiendirektor dem Elternbeirat, dem Förderverein und dem Lions-Club Eckental-Heroldsberg, dass im kommenden Schuljahr durch Spenden Förderkurse eingerichtet werden können, um über die Sommerschule hinaus Defizite auszugleichen.

Großes Interesse

Sehr überrascht von der ausgeprägten Nachfrage nach der Sommerschule war Rektor Frank Didschies von der Ernst-Penzoldt-Mittelschule in Spardorf, die vorwiegend Kinder und Jugendliche aus Erlangen sowie einige aus der Verwaltungsgemeinschaft Uttenreuth besuchen. 60 der insgesamt 407 Schüler wollen das Angebot nutzen.

Für Elke Bohnhorst, Vorsitzende des Kreisverbands Erlangen-Oberland beim Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband, die an der Grundschule in Heroldsberg unterrichtet, stellt die Sommerschule gerade die jeweiligen Schulleitungen vor eine ziemliche Herausforderung, da sie recht kurzfristig initiiert wurde. Die ständigen Umstellungen seit des ersten Lockdowns hätten sowieso einen enormen Aufwand mit sich gebracht.

Sie verweist zudem darauf, dass besonders Schüler aus sozial schwierigen Verhältnissen mit dem Distanzunterricht zu kämpfen gehabt hätten. Auch für Katarina Keck vom Albert-Schweitzer-Gymnasium ist es daher wichtig, gerade für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund individuelle Konzepte zu erarbeiten, damit sie den Anschluss nicht verlieren.

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