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Was hilft im Alltag mit Ausgangsbeschränkung?

Leiterin der Erziehungsberatungsstelle Herzogenaurach gibt Familien Tipps - 02.04.2020 14:56 Uhr

Gemeinsame Spaziergänge mit der Familie sind noch erlaubt und können guttun, wenn es zu Hause für alle zu eng wird. Was sonst noch helfen kann, verrät Fachfrau Simone Steiner im Interview.

01.04.2020 © Foto: Uwe Zucchi/dpa


Frau Steiner, was bedeutet es, wenn Familien derzeit so viel Zeit miteinander verbringen?

Da kann durchaus eine Schere auseinander gehen. Für manche Familien kann es bedeuten, dass Beziehungen sich wieder intensivieren, dass mehr Verständnis und Bezugnahme aufeinander möglich wird. Bei anderen Familien kann die Corona-Krise zu Schwierigkeiten führen.

Wer hat mehr Chancen, gut durchzukommen?

Bessere Möglichkeiten haben sicher Familien, die gute Ressourcen haben. Damit meine ich etwa einen eigenen Garten, ein Haustier, gute Spielmöglichkeiten. Solche Familien können aus der Krise eine Chance werden lassen. Man kann sich als gutes Team wahrnehmen, das eine schwierige Situation meistert.

Und die anderen?

Simone Steiner (54) leitet seit 2011 die Erziehungs-, Jugend- und Familienberatung der Caritas im Landkreis. Die gebürtige Burghausenerin hat Erzieherin und Heilpädagogin gelernt und arbeitete von 1995 bis 2003 in der Frühförderung der Lebenshilfe in Buch. Berufsbegleitend studierte sie Heilpädagogik und war von 2005 bis 2011 Dozentin an der Fachakademie für Heilpädagogik in Rummelsberg.

01.04.2020 © Foto: Beratungsstelle


Ein Gelingen ist zumindest schwieriger, wo ohnehin schon eine belastete Beziehung vorhanden ist. Und wo auch der Raum enger ist, kein Garten, kein Haustier oder ähnliches.

Würde das heißen: Gebildete Menschen mit eigenem Haus und Garten schaffen es eher?

Wenn man unter gebildet versteht, dass jemand die Fähigkeit hat, über sich selbst nachzudenken, seine Gefühle zu regulieren und mit anderen mitfühlen kann, dann ja.

Aktuell sind die Neuanmeldungen bei der Beratungsstelle etwas zurückgegangen. Woran liegt das?

Wir gehen davon aus, dass die Menschen jetzt erst einmal alle Zeit brauchen, um den Krisenalltag zu organisieren. Gleichwohl haben wir unsere telefonische Erreichbarkeit ausgebaut, um sehr schnell reagieren zu können. Man kann bei uns anrufen von Montag bis Freitag von 8 bis 12 Uhr und von 13 bis 17 Uhr (freitags bis 12). Beratungstermine werden dann individuell vereinbart, wie es eben in den Familienalltag passt.

Es muss derzeit ja alles telefonisch gehen.

Ja, aber eine Telefonberatung ist schon mal ein guter Anfang und wir loten gerade Möglichkeiten der Telefonberatung auch bei Paarkonflikten oder Trennung und Scheidung aus.

Meinen Sie, dass die Anmeldungen später im Jahr stark steigen werden?

Wir hoffen das nicht, müssen aber wohl davon ausgehen. Gut ist, dass innerhalb des Caritasverbandes Fachleute für verschiedenste Problemlagen vertreten sind, etwa Schuldnerberatung, sozialpsychiatrischer Dienst oder Migrationsberatung.

Haben Sie einen Sofort-Tipp für Familien?

Wir befinden uns in einer Situation, die niemand von uns je hat einüben können. Ehe es zu einer Eskalation in Beziehungen und Familien kommt, kann man eines versuchen: sich gemeinsam in eine experimentelle Haltung zu begeben. Das Eingeständnis auch der Eltern, dass man keine sofortige Lösung für dieses oder jenes Problem hat, könnte schon für ein bisschen Entspannung sorgen.

Also: Ich weiß es jetzt auch nicht, was zu tun ist, also lass uns einfach mal probieren?

Genau. Es ist für alle in der Familie ein Ausprobieren, wie man den Krisenalltag bewältigt. Bei einem Experiment gibt es keinen Gewinner oder Verlierer, sondern ein Ergebnis. Das kann man bewerten und dann entscheiden, ob es so gut war oder man es doch lieber anders versucht.

Alles immer offen diskutieren?

Nicht alles und nicht immer. Natürlich gibt es Situationen, wo die Eltern den Kindern vorgeben müssen, was zu tun ist. Weil sie eben doch einen Erfahrungsvorsprung haben. Aber grundsätzlich könnte es Druck von den Eltern nehmen, wenn sie nicht sofort alles wissen müssen und keine Patentlösung haben. Zum Beispiel, wie Kinder mit Langeweile umgehen sollen.

Da könnte man doch sagen: Stell dich nicht so an, lies ein Buch.

Wenn ein Kind kommt und sagt, mir ist langweilig, es ist so nervig, dann ist es sicher besser, dafür Verständnis zu haben und darüber zu reden, dass es tatsächlich eine schwierige Zeit ist. Dann kann man gemeinsam überlegen und vielleicht die Langeweile überwinden. Wenn Menschen sich verstanden fühlen, deeskaliert das sehr oft.

Wie erkläre ich Kindern diese Krise?

Man könnte die Corona-Krise in einen größeren zeitlichen Rahmen einordnen, wenn man mit älteren Kindern spricht. Gemeinsam zurückschauen, welche Krisen Menschen schon mitgemacht haben. Um bei Kindern ein Vertrauen wachsen zu lassen, dass Menschen solche Krisensituationen tatsächlich bewältigen können. Kindgerechte Erklärungen, was so ein Virus tut, weshalb es gut ist zu Hause zu bleiben, findet man ja z. B. auch in Ihrer Zeitung auf der Kinderseite. Zusätzlich Angst machen soll man den Kindern auf keinen Fall. Kinder kann man auch dadurch beruhigen, dass man mit ihnen darüber nachdenkt, was man wirklich braucht, um gut zu leben, und was verzichtbar ist. Und Kuscheln und Körperkontakt sind die effektivsten Beruhigungsmittel, über die wir Menschen verfügen.

Wie ist es bei Paaren ohne Kinder? Die Partner können sich nicht mehr so gut aus dem Weg gehen wie sonst.

Wenn man sich erlaubt, Nähe- und Distanzbedürfnisse äußern zu dürfen, dann ist schon viel geholfen. Wenn einer zum Beispiel sagen darf, ich bräuchte jetzt mal eine Umarmung, und ein anderes Mal darum bitten darf, etwas Ruhe zu haben und alleine spazieren gehen zu dürfen.

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