Hochwasser in Westdeutschland

Hilfe aus Franken: So koordinieren die Johanniter den Einsatz im Flutgebiet

30.7.2021, 19:24 Uhr
Die Johanniter-Unfall-Hilfe in Nürnberg ist im Katastrophenfall für die Koordination des Hilfeleistungskontingents Mittelfranken verantwortlich. Kontingentführer Michael Seitz, (links) und Thomas Grüneis vom Ortsverband Schwabach mit gasbetriebenen Herdplatten und Küchenutensilien, die bei den Hilfseinsätzen im Ahrtal verwendet worden waren.

Die Johanniter-Unfall-Hilfe in Nürnberg ist im Katastrophenfall für die Koordination des Hilfeleistungskontingents Mittelfranken verantwortlich. Kontingentführer Michael Seitz, (links) und Thomas Grüneis vom Ortsverband Schwabach mit gasbetriebenen Herdplatten und Küchenutensilien, die bei den Hilfseinsätzen im Ahrtal verwendet worden waren. © André Ammer

Aktuell sind auf dem Gelände der Johanniter allerdings kaum noch Spuren der Hilfsaktionen in Rheinland-Pfalz zu sehen. Die Einsatzwagen sind frisch gewaschen, die Feldküchen, mit denen Essen für bis zu 5000 Personen zubereitet wurde, wieder blank geschrubbt. Nur ein paar noch nicht aufgeräumte Küchenutensilien zeugen davon, dass das Hilfeleistungskontingent vor ein paar Tagen mit 40 Fahrzeugen und 140 Personen in den Flutgebieten im Ahrtal im Einsatz war.

Schnittverletzungen und Tetanus-Impfungen

"Bald wird es hier aber wieder anders aussehen", sagt Michael Seitz vom Regionalvorstand der Johanniter, der als Kontingentführer des Bezirks Mittelfranken die Einsätze mit koordiniert. An diesem Wochenende kehrt nämlich der zweite Hilfskonvoi aus Rheinland-Pfalz zurück, der sich diesmal aber auf die Betreuung und Verpflegung der Flutopfer konzentriert hatte.

Beim ersten Einsatz vor eineinhalb Wochen waren die mittelfränkischen Helfer auch noch für die medizinische Versorgung der Menschen zuständig. "Da mussten wir uns zum Beispiel um Sonnenbrände und Schnittverletzungen kümmern oder Tetanus-Impfungen verabreichen", erzählt Seitz. Viele Flutopfer und zivile Helfer seien nur unzureichend für die Aufräumarbeiten ausgerüstet, räumen die Trümmer teilweise mit bloßen Händen beiseite und ziehen sich deshalb immer wieder kleinere Verletzungen zu.

"Unsere Kräfte sind nicht unerschöpflich"

Inzwischen aber können diese Hilfeleistungen von den rheinland-pfälzischen Organisationen allein gestemmt werden, denn die Phase der größten akuten Not hat das so schwer vom Hochwasser getroffene Ahrtal mittlerweile hinter sich. Michael Seitz und seine Mitstreiter hoffen deshalb, dass das Hilfeleistungskontingent Mittelfranken nicht noch einmal in Marsch gesetzt werden muss. "Wir helfen wirklich gerne, aber die Kräfte unserer größtenteils ja ehrenamtlichen Kräfte sind nicht unerschöpflich", betont der Kontingentführer. In den betroffenen Gebieten müsse allmählich eine Regelversorgung die Hilfe aus anderen Bundesländern ablösen.


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Einzelne Mitglieder von mittelfränkischen Hilfsorganisationen hatten schon vor der Mobilisierung des Hilfeleistungskontingents im Ahrtal mit angepackt und fuhren nach einer kurzen Verschnaufpause zuhause gleich wieder los. Ein gewaltiger Apparat war am 21. Juli von der Metropolregion Nürnberg aus in Bewegung gesetzt worden. Die Helfer von den Johannitern, vom Bayerischen Roten Kreuz, vom Arbeiter-Samariter-Bund und von den Maltesern waren mit insgesamt 40 Fahrzeugen unterwegs, darunter mehrere Lastwagen mit Anhängern und ein geländegängiger 18-Tonner mit Allradantrieb, der auch bei einer Wassertiefe von mehr als 60 Zentimetern noch vorwärts kommt.

Bei den beiden Einsätzen des Hilfeleistungskontingents waren auch zwei Geländemotorräder der Johanniter unterwegs, und die waren laut Thomas Grüneis "Gold wert" in dem unwegsamen Gelände. "Da gibt es zum Beispiel ein kleines Dorf namens Reimerzhoven, das völlig von der Außenwelt abgeschnitten war. Das konnten die Helfer nur noch über einen Weinberg erreichen, doch der Fußweg dort weichte immer mehr auf und war am Ende kaum noch passierbar", erzählt der Johanniter, der beim Ortsverband Schwabach für den Bevölkerungsschutz verantwortlich ist.

Fränkische Helfer können komplett autark agieren

Die sieben bayerischen Hilfeleistungskontingente - eines für jeden Regierungsbezirk - sind so organisiert, dass sie im Extremfall komplett autark in einem Katastrophengebiet agieren können. "Die Aufgaben, die uns zugeteilt werden, können wir ohne jede fremde Hilfe erledigen und im Extremfall können wir uns 72 Stunden lang selbst verpflegen und in eigenen Zelten übernachten", erklärt Michael Seitz. Hier wurden Lehren aus früheren Naturkatastrophen gezogen, bei denen die Koordinierung der Einsatzkräfte in der Anfangsphase relativ chaotisch verlief und wertvolle Ressourcen kostete.


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Bei dem ersten Einsatz in Rheinland-Pfalz waren die Rahmenbedingungen für die mittelfränkischen Helfer jedoch vergleichsweise gut, denn sie konnten in der dortigen Landesblindenschule übernachten und duschen und mussten sich auch nicht mit den mitgenommenen Einmannpackungen der Bundeswehr verpflegen. "Wir konnten gleich unsere Feldküchen in Betrieb nehmen, und am ersten Abend gab es Sauerbraten mit Klößen", erzählt Michael Seitz.

Das Kochen, der Transport und die Verteilung von Essen gehört auch zu den Aufgaben des Hilfeleistungskontingents, wenn zum Beispiel eine Bombe in einem dicht besiedelten Gebiet entschärft werden muss und die Anwohner in einer Notunterkunft untergebracht und verpflegt werden müssen. Auch da hatten die Einsatzkräfte der örtlichen Hilfsorganisationen laut Johanniter-Regionalvorstand Kevin Schwarzer in den vergangenen Jahren einiges zu tun, und manchmal gerate das hauptsächlich auf ehrenamtlichem Engagement basierende System an seine Grenzen.

Immer weniger haben einen LKW-Führerschein

"Es wird für uns zum Beispiel immer schwieriger, genügend Leute zum Fahren unserer großen Einsatzfahrzeuge zu finden", erklärt Schwarzer. Die Zeiten, als viele Leute ihren Lkw-Führerschein gratis bei der Bundeswehr machen konnten, seien lange vorbei, und der diesjährige Etat für die Fahrausbildung von Hilfskräften betrage 12.500 Euro - für den gesamten Bezirk Mittelfranken.

Der Führungsstab des Hilfeleistungskontingents hofft deshalb, dass künftig mehr Geld für Material und Fortbildung zur Verfügung gestellt wird. "Mit solchen Krisenlagen werden wir in Zukunft ja voraussichtlich häufiger als bisher konfrontiert werden", glaubt Michael Seitz. Der Einsatz im Ahrtal wird wohl nicht der letzte dieser Art gewesen sein für die mittelfränkischen Helfer.

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