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Auf der Walz: Ein Offline-Abenteuer trotzt der Pandemie

In Hofstetten sollten 300 Wandergesellen zusammenkommen. Eigentlich. - 05.09.2020 06:11 Uhr

Alle zwei Jahre treffen sich die Freien Vogtländer Deutschland (FVD) zu einem Kongress (wie hier 2012 in Leipzig), um die Marschroute ihrer Zunft neu zu justieren. Rund 300 von ihnen wollten dieses Wochenende in Hofstetten bei Hilpoltstein zusammenkommen. Was tatsächlich dort stattfindet, ist coronabedingt nur eine „Sparversion“ mit etwa 80 Teilnehmern. Einer von ihnen ist Tim Jakobs, derzeit auf Walz.

04.09.2020 © Foto: Herbert Körner


Grund zum Feiern also! "Wegen Corona muss aber alles eine Nummer kleiner ausfallen", bedauert Herbert Körner aus Meckenhausen. Der technische Angestellte im Bauwesen des Rother Landratsamtes war einst selbst auf der Walz und fungiert aktuell als FVD-Verbindungsmann im Landkreis. "Ein großes Ding" hatte er im Hilpoltsteiner Ortsteil aufziehen wollen: An die 300 Mitglieder der Freien Vogtländer aus ganz Europa und Übersee wollten sich hier treffen. Mit Kind und Kegel.

Ja, "ein dreitägiges, öffentlichkeitswirksames Familienfest" sollte es werden. Im Vorfeld waren Schulbesuche und andere Aktionen geplant, um das Brauchtum der Handwerker publik zu machen. Nun sei lediglich eine "nicht-öffentliche Sparversion" all dessen möglich. Trotzdem: "Dieses Beisammensein ist wichtig", so Körner, "um wegweisende Ansätze weiterzuentwickeln und Beschlüsse zu fassen".

Mit von der Partie: der tippelnde Tischlergeselle Tim Jakobs aus Wegberg in Nordrhein-Westfalen. Kurzerhand bei seinem Wanderstab gepackt, wollten wir von ihm wissen: Was ist denn so besonders an der Walz? Und: Klappt das überhaupt in Zeiten der Pandemie?

Herr Jakobs, hatten Sie eine angenehme Anreise?

Tim Jakobs: Ja, die Anreise von Hannover war o.k.!

Als wandernder Geselle dürfen Sie ja keine öffentlichen Verkehrsmittel nutzen und sich lediglich Ihrer Füße bedienen. Oder eben auf nette Autofahrer hoffen, die Sie mitnehmen. Ich könnte mir vorstellen, dass Letzteres schwierig geworden ist seit Corona?

Tim Jakobs: Stimmt schon. Seit die Pandemie bei uns in Deutschland angekommen ist, haben sich ein paar Dinge geändert. Zu Lockdown-Zeiten war das zünftige Reisen erst mal auf Eis gelegt. Die meisten von uns hatten sich da kurzerhand auf dem Kaff Arbeit gesucht und die Situation abgewartet. Mittlerweile hat sich die Lage wieder einigermaßen normalisiert, das Trampen geht im Grunde ganz gut. Manchmal wartet man halt etwas länger auf eine Mitfahrgelegenheit. Man merkt dann schon, dass die Menschen vorsichtiger geworden sind.

Tim Jakobs (28) stammt aus Wegberg bei Mönchengladbach. Der Tischlergeselle ist seit etwa eineinhalb Jahren auf der Walz und beim Kongress der Gesellschaft Freier Vogtländer Deutschland (FVD) in Hofstetten mit dabei. „Anstrengend, aber auch sehr schön“, sei seine Walz bislang gewesen, bilanziert er. Trotz Corona.

04.09.2020 © Foto: Stefan Bergauer


Und die Maske ist immer mit dabei?

Tim Jakobs: Klar! Wir legen ja viele Strecken per Anhalter zurück, wie Sie schon festgestellt haben. Öffentliche Verkehrsmittel können mitunter auch benutzt werden. Lediglich im deutschsprachigen Raum, also da wo die Tradition bekannt ist, dürfen wir kein Geld dafür ausgeben. Wenn man aber mal Zeitdruck hat und schnell irgendwo hin muss, kann man durchaus zum Schaffner gehen und für eine Mitfahrt vorsprechen. So kommt man auch näher an die Leute ran und trifft interessante Charaktere aus allen Gesellschaftsschichten. Das ist es ja, was die Walz ausmacht! Es geht darum, über den Tellerrand zu schauen, andere Kulturen kennenzulernen. Leider sind gerade viele Länder außerhalb Europas nicht bereisbar wegen der hohen Infektionszahlen.

Das Prinzip der Tippelei ist das: Sie wandern von Betrieb zu Betrieb und bieten Ihre Arbeitskraft an. War das heuer ein Problem?

Tim Jakobs: Im Grunde nicht. In den Betrieben ist man in der Regel froh, wenn ein interessierter Geselle kommt, der mitanpackt und etwas lernen möchte. Ob das allerdings über die nächsten Monate so bleiben kann, muss sich zeigen.

Übernachtet wird in so genannten "Buden", – für die Freien Vogtländer ist beispielsweise das Gasthaus Bögl in Hilpoltstein seit gut 25 Jahren ein solcher Anlaufpunkt – waren die überhaupt geöffnet?

Tim Jakobs: Von Bundesland zu Bundesland ganz unterschiedlich. Der Virus stellt für viele Gaststätten ein Riesenproblem dar, manchmal sogar den finanziellen Ruin. Wir übernachten aber nicht nur auf den Buden, sondern – wenn wir Arbeit haben – auch mal beim Arbeitgeber, unterwegs bei ehemaligen Wandergesellen oder sonstigen netten Menschen, die uns einladen. Und wenn man nichts für die Nacht findet, sucht man sich halt draußen ein stilles Plätzchen.

Nun hat jeder reisende Geselle den strengen Regeln seiner Zunft zu folgen. Als Vogtländer dürfen Sie sich Ihrem Heimatort zwei Jahre lang nicht mehr als 50 Kilometer nähern. Unter anderem. Gab´s irgendwelche Ausnahmen seit März? Oder vielleicht sogar mehr Unterstützung als sonst?

Tim Jakobs: Die Regeln gelten nach wie vor. Sie sind aber nicht als Beschränkung zu sehen, sondern eher als Unterstützung – dafür, dass man auch wirklich das erlebt, wofür man von zu Hause weggegangen ist.

Sie haben offenbar alle Hebel in Bewegung gesetzt, um beim – wenn auch abgespeckten – FVD-Treffen in Hofstetten mit dabei zu sein. Warum eigenlich?

Tim Jakobs: Wir reisen ohne Telefon oder internetfähiges Gerät, deshalb sind Verlass und Zusammenhalt untereinander umso wichtiger. Dieses Treffen ist wie ein Offline-Netzwerk: Das funktioniert nur, wenn man physisch anwesend ist und sich vor Ort austauscht. Außerdem ist es schön, seine aktuellen und ehemaligen Mitstreiter zu sehen, mit ihnen zu schnacken und ein paar Radler zu trinken.

Sollten Traditionen wie die Walz unbedingt am Leben erhalten werden? Was meinen Sie?

Tim Jakobs: Ich würde nicht sagen, dass es generell bedeutsam ist, Traditionen zu erhalten. Kommt drauf an, um was es geht. Wenn das Brauchtum andere Menschen diskriminiert, zum Beispiel aufgrund von Geburtsmerkmalen, dann darf das ruhig vernachlässigt werden. Die Tippelei ist allerdings eine unvergleichliche Möglichkeit, sich auf vielen Ebenen – sei´s handwerklich oder persönlich – weiterzubilden und Vorurteile abzubauen, sodass ich sie auf jeden Fall für erhaltenswert erachte. Diese Tradition sorgt seit Jahrhunderten dafür, dass Menschen einander treffen, sich kennenlernen; sie dient der Völkerverständigung und der Minimierung von Hass. Gerade in so komplizierten Zeiten wie jetzt ist das enorm wichtig!

Und wie geht’s für Sie weiter?

Tim Jakobs: Richtung Norden.


Schätzungen zufolge gehen jährlich etwa 500 Handwerksgesellen aus unterschiedlichen Branchen auf Wanderschaft, genannt Walz. Zu übersehen sind sie kaum – in ihrer schwarz-samtenen Kluft, mit Stock, mit Charme und oben nie ohne. Denn auch weißes Hemd und Hut sind ein Muss. Vom Spätmittelalter bis Mitte des 18. Jahrhunderts war das Tippeln Voraussetzung für den Gesellen, anschließend überhaupt eine Meisterprüfung beginnen zu dürfen.

Heute muss freilich niemand mehr eine Wanderschaft antreten, um seinen gesellschaftlichen Status zu pushen. Es geht vielmehr um das Sammeln von Erfahrungen und die Brauchtumspflege, die von den jeweiligen Handwerkervereinigungen, den "Schächten", bestimmt wird. Denn jeder Schacht hat seine eigenen Bräuche und Rituale.

Aktuell gibt es fünf große Schächte in Deutschland: die Rechtschaffenen Fremden, die Rolandsbrüder, den Fremden Freiheitsschacht, den Freien Begegnungsschacht und die Freien Vogtländer. Ihre Aufgabe ist es, die Traditionen behutsam in die Zukunft zu überführen und an die Moderne anzupassen. So sind beispielsweise inzwischen auch viele Frauen on tour.

INTERVIEW: PETRA BITTNER E-Mail

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